Kemnader Straße

Zur Oven-Krockhaus (Kemnader Straße 112)

Als sich der vom Hof Krockhaus (an der gleichnamigen Straße) stammende Wilhelm zur Oven-Krockhaus (*1840) im Jahr 1873 entschloss, eine Wirtschaft an der heutigen Kemnader Straße 112 zu gründen, geschah dies in einer ereignisreichen Zeit. Nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich 1871 und der Gründung des Deutschen Reichs kam es zunächst zu einem regelrechten wirtschaftlichen Aufschwung, dem aber bald wieder Krisen folgten. Als weiterer Aspekt hatte das zu jener Zeit unter Beteiligung der damaligen Landgemeinde Stiepel startende Landkreis-übergreifende „Project eines Chausseebaus von Steinenhaus über Stiepel und Wiemelhausen nach Bochum“, der Ausbau der heutigen Kemnader Straße als überörtliche Hauptstraße, im Jahr 1872 gerade erst begonnen. Die Straße war bis dahin nur ein unbefestigter Verbindungsweg von Haus Kemnade in Richtung Weitmar. Sich zu jener Zeit also an dieser Stelle niederzulassen war Risiko und Chance zugleich. Fertiggestellt wurde die neue Chaussee erst im Jahr 1892.

Gastwirtschaft von Wilhelm zur Oven-Krockhaus
Gastwirtschaft von Wilhelm zur Oven-Krockhaus

Als Beruf lässt sich für Wilhelm zur Oven-Krockhaus nur der des Wirts nachweisen, was für jene Zeit eher unüblich wäre. Die meisten Gastwirte hatten seinerzeit einen handwerklichen Beruf und betrieben das Wirtschafts-Gewerbe nur nebenbei. Nach Übernahme des Hauses und der Gastwirtschafts-Konzession im Jahr 1897 durch den Sohn ändert sich das: Wilhelm zur Oven-Krockhaus junior (*1865) ist Bäckermeister und Wirt. Der Enkel Paul zur Oven-Krockhaus (*1903) betreibt die Gastwirtschaft nur nebenbei, nach der Rückkehr aus dem 2. Weltkrieg arbeitet er auf der Hattinger Henrichshütte. Das Haus hat um 1900 im Erdgeschoss neben dem Gastwirtschaftsraum ein Ladenlokal, ein Backhaus-Anbau sowie einen Stall-Anbau in der Größe von 14 x 8 Meter, laut Steuerliste für „1 Pferd, 1 Kuh und 8 Schweine“. Im Jahr 1930 wird der Stall umgebaut in weitere Gesellschaftszimmer, im Jahr 1938 wird auf den Schuppen verzichtet, der bis dahin Pferd und Wagen beherbergte, und in eine Kraftwagen-Garage umgebaut. Dieser Umbau ist -wie bei anderen Handwerkern zu jener Zeit auch- als Indiz zu werten, dass das Geschäft florierte und eine Möglichkeit gesucht wurde, das gebackene Brot im weiteren Umfeld zum Verkauf zu transportieren.

Skizze zur Konzession 1897 Foto: Stadtarchiv Bochum
Skizze zur Konzession 1897. Quelle: Stadtarchiv Bochum

Die Gastwirtschaft an der Kemnader Straße wurde durch Familie zur Oven-Krockhaus der Überlieferung nach bis Ende der 1950er Jahre betrieben. Von dort stammen übrigens auch die Betreiber der gleichnamigen ehemaligen Bochumer Fahrschule. Im Jahr 1978 wurde das Haus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Die Luftaufnahme stammt aus dem Jahr 1963. Denn da fuhr zum einem bis zur Stilllegung der Strecke im November 1963 noch die zu erkennende Straßenbahn der Linie 5/15. Zum anderen begannen im Jahr 1963 die auf dem Foto ebenfalls sichtbaren Bauarbeiten des Kindergartens „Im Haarmannsbusch“.

Luftbild 1963: Das Haus zur Oven-Krockhaus ist rot eingekreist. Foto: Bildarchiv Stadt Bochum
Luftbild 1963: Das Haus zur Oven-Krockhaus ist rot eingekreist. Quelle: Bildarchiv Stadt Bochum

Haus Frische – Zur schönen Aussicht

Die als Haus Frische bekannte „Restauration zur schönen Aussicht“ (erster bekannter Wirt: Friedrich Frische) war ab 1857 ein über Stiepels Grenzen hinaus bekanntes Ausflugslokal. Außerdem war Haus Frische so etwas wie das soziale und gesellschaftliche Zentrum des gesamten Ortes. Neben der Postagentur war es Vereinslokal für etliche Vereine, zum Beispiel diente der Saal als Turnhalle für den Turnverein „Deutsche Eiche“. Da es bis 1919 keine Ärzte in Stiepel gab, hielten die aus den Nachbargemeinden angereisten Ärzte dort ihre Sprechstunden ab, sogar eine Zahnarztpraxis war eingerichtet. Bis ca. 1960 war im Saal das Kino „Alhambra“ beheimatet.

Im Jahr 1977 wurde das Gebäude abgerissen.

Der Name Frische hat sich im Sprachgebrauch der Stiepeler aber erhalten. Über den Bereich rund um die Haarholzer Straße wird auch heute noch mit den zwei Bezeichnungen “Auf dem Schrick” und “Frische” gesprochen. Dies zeigte sich auch in der Namensgebung der früheren Straßenbahnhaltestelle (Endstelle Linie 5) und jetzigen Bushaltestelle „Haarholzer Straße“. Diese hieß bis 1978 „Stiepel Frische“ und war Synonym für diesen Teil Stiepels.

Nachfolgend die ausführlichere Version eines Artikels aus den Ruhrnachrichten von Frank Dengler, erschienen am 26.März 2013. Er gehört zu der regelmäßig erschienenen Artikelreihe mit dem Titel ” Gruß aus Bochum”

„Zur Schönen Aussicht“ in Stiepel

Das Haus Frische war das älteste Ausflugslokal und existierte mehr als 100 Jahre

Wo die Kemnader Straße an ihrem höchsten Punkt eine scharfe Kurve beschreibt, bevor sie in das Ruhrtal hinabführt, befand sich früher ein beliebtes Ausflugslokal. Zwischen den Einmündungen der jetzigen Haarholzer und der Hevener Straße lag das weit über die Grenzen Stiepels bekannte „Haus Frische“.

Auch wenn sich die Gaststätte später als „ältestes Ausflugslokal in Stiepel“ (Anzeige 1933) bezeichnete, wurde sie nicht als solches gegründet. Als nämlich der Schlosser und „Winkelier“ Friedrich Frische im Jahr 1857 die erste „Schenkwirthschaft“ eröffnete, gab es noch keinen nennenswerten Ausflugsverkehr. So war das Haus Frische zunächst als Gastwirtschaft für die Einheimischen in Stiepel gedacht.

Als weitere Einnahmequellen dienten eine Postagentur im Gebäude (bis 1905) und Räumlichkeiten, in denen wechselnde Ärzte praktizieren konnten. (Erst im Jahr 1919 ließ sich der erste Arzt in Stiepel nieder.) Eine Zeit lang gab es dort sogar eine kleine Zahnarztpraxis. Darüber hinaus wurde Frische von vielen Stiepeler Vereinen als Vereinslokal genutzt. So entwickelte sich das Haus zu einem wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkt.

Der Charakter als rein Stiepeler Institution änderte sich, als Frische in den 1860er Jahren begann, Konzerte und Festlichkeiten zu organisieren, die er auch in Bochumer Zeitungen annoncierte. Zugleich wuchs die städtische Bevölkerung, so dass nicht nur die zahlreicher werdende Industriearbeiterschaft in ihrer karg bemessenen Freizeit nach Ausgleich und Entspannung „im Grünen“ strebte.

Dadurch entwickelte sich Haus Frische zum Ausflugslokal. Bald wurde die Wirtschaft durch einen großen Saalbau für verschiedene Veranstaltungen und umzäunte Grünanlagen (Biergarten) ergänzt. Außerdem ließ der Inhaber 1885 einen Aussichtsturm errichten. Die Höhenlage des Lokals war so günstig, dass kein richtiger Turm nötig war, sondern ein Dachreiter mit Panoramaplattform auf dem Haupthaus ausreichte. Dieser Entwicklungsstand von Haus Frische, das inzwischen „Restauration zur schönen Aussicht“ hieß, lässt sich auf dem Ausschnitt einer Postkarte aus dem Jahr 1900 gut erkennen.

Auch auf anderen historischen Ansichtskarten und in Zeitungsanzeigen wurde die „Fernsicht 15 bis 20 Meilen in der Runde“ als „schönste Aussicht 5 Stunden im Umkreis“ gepriesen. Tatsächlich konnten die Gäste nicht nur über das Ruhrtal hinaus, sondern auch nach Norden Richtung Bochum schauen, wo bei klarem Wetter die Schlote des Bochumer Vereins zu erkennen waren.

Mehrere Generationen der Frisches bewirtschafteten das Lokal, welches durch Bau der Straßenbahnlinie 5 von Bochum (1927, bei Frische war die Endhaltestelle) leichter erreichbar wurde und einen entsprechenden Aufschwung erlebte. 1931 folgte der Anschluss einer Buslinie nach Blankenstein. Die Gebäude wurden weiter ausgebaut und modernisiert, so zeigt ein Zeitungsfoto von 1932, als das 75. Jubiläum gefeiert wurde, größere und zahlreichere Fenster am Hauptgebäude. Dennoch gab die Familie ihre Wirtschaft 1935 in andere Hände (Hedwig Niepmann), und schon 1938 kam es zum nächsten Besitzerwechsel (Walter Klein).

Ob dies bereits Anzeichen eines beginnenden Niedergangs waren, ist schwer zu sagen. Nachdem es zwischenzeitlich als Befehlsstelle der NSDAP-Gauleitung herhalten musste, existierte das Lokal jedenfalls nach dem Krieg weiter, scheint aber allmählich seine Anziehungskraft als Ausflugsziel verloren zu haben. Dieser Trend lässt sich auch bei anderen Gartenlokalen seit den 1950er Jahren verfolgen und hat wohl mit den im „Wirtschaftswunder“ gestiegenen Ansprüchen und der höheren Individual-Mobilität zu tun. Mit eigenem Auto oder Motorrad konnten weiter entfernte und attraktivere Ziele leicht erreicht werden. Darunter hatten die alten Ausflugslokale „um die Ecke“ zu leiden.

Wirte der Nachkriegszeit waren nach den Bochumer Adressbüchern Günther Büsch (1953) und Luise Hasenvclever (1956). Unter der wohl letzten Pächterin, Margret Krause, lautete der Name in den 1960er Jahren wieder „Haus Frische“. Im benachbarten Saalbau residierte bis ca. 1960 das „Alhambra“-Kino (1949-53 „Apollo“). Um 1970 wurde auch die Gaststätte endgültig geschlossen. Zuletzt als Wohnhaus genutzt, erfolgte 1976 der Abbruch des Gebäudes. Die Straßenbahn war bereits Ende 1963 durch eine Buslinie ersetzt worden, deren Haltestelle noch bis 1978 „Stiepel Frische“ hieß.

Es dauerte bis 1993/94, dass das ehemalige Frische-Gelände eine Neubebauung erfuhr. Nach einigen vorherigen Änderungen im Straßenverlauf (z.B. Haarholzer Straße) steht seitdem an der Kurve der Kemnader Straße ein Wohn- und Geschäftshaus (Architekt Karl Friedrich Gehse, Bochum / Witten). Dieses auffällige, postmodern anmutende Gebäude dürfte mit seinen turmartigen Eckbauten den Bewohnern auch heute noch eine „schöne Aussicht“ bescheren.

  • Friedrich Frische, 1857 der Gründer der ersten Gastwirtschaft, war Schlosser und „Winkelier“ (auch: „Winkeliér“), ein heute ausgestorbener Begriff.
  • Diese bis ins frühe 20. Jahrhundert gängige Berufsbezeichnung meint einen Kleinsthändler, der meist als Nebenerwerb im ländlichen Raum Lebensmittel und einfache Haushaltswaren, in Westfalen auch Holzschuhe, anbot.
  • Im Niederländischen hat sich die ursprünglichen Bedeutung bis heute erhalten: „Winkel“ (kleiner Laden), „winkelen“ (Einkäufe machen).

Ignatius Geitel (1913 – 1985)

Ignatius Geitel hatte ab 1951 Atelier und Lebensmittelpunkt in Stiepel auf dem ehemaligen Gelände der Zeche Carl Friedrich Erbstollen an der Ecke Kemnader-/ Markstraße. Sein künstlerisches Schaffen begann im Alter von 16 Jahren. Nach dem Besuch der „Maler- und Bildhauerklasse“ der Essener Folkwangschule und der „Meisterklasse Glasmalen“ an der Werkskunstschule Trier ließ er sich in den 1930er Jahren von seinem expressionistischen Vorbild Edvard Munch inspirieren, litt mit seinem künstlerischen Werk aber unter den nationalsozialistischen „Säuberungen“. Nach Kriegseinsatz und russischer Kriegsgefangenschaft verlagerte er seine künstlerischen Aktivitäten hin zur „Kunst am Bau“. Ignatius Geitel gehörte in den 1950er und 1960er Jahren zu den meistbeschäftigten Bochumer Künstlern im öffentlichen Raum und zu den wichtigsten Glaskünstlern überhaupt.

Ignatius Geitel 1956

Ignatius Geitel 1956

Geboren ist er am 15. November 1913 in Bochum-Ehrenfeld. Nach Besuch der Volksschule, einer abgebrochenen kaufmännischen Lehre und Arbeit in der Landwirtschaft absolviert er eine Lehre als Steinmetz und besucht die Maler- und Bildhauerklasse an der späteren Folkwangschule in Essen. Sein erstes Gemälde erstellt er 1929 im Alter von 16 Jahren. In den 1930er Jahren unternimmt er zahlreiche Studienreisen durch Holland und Belgien, sein künstlerisches Vorbild in dieser Zeit ist Edvard Munch. Ab 1934 erfährt er eine intensive Unterstützung durch das Bochumer Unternehmerehepaar und Kunstmäzene Irene und Karl Gröppel . In der Villa Gröppel, heute: Hospiz St. Hildegard an der Königsallee, kann Geitel relativ geschützt arbeiten. 1939 führt eine Ausstellungsbeteiligung mit dem Bild „Das lungenkranke Kind“ zur Vorladung vor die nationalsozialistische Kunst-Kommission in Düsseldorf. Weiteren Repressalien entkommt er durch den Kriegseinsatz von 1939 bis 1945, von der russischen Kriegsgefangenschaft kehrt er erst im November 1949 zurück. Sofort danach beginnt er wieder mit künstlerischen Aktivitäten, überwiegend Glasfensterarbeiten und „Kunst am Bau“. Er beteiligt sich an zahlreichen Ausstellungen und ist Mitbegründer einiger Künstlervereinigungen. Im Jahr 1951 bezieht er sein neues Atelier in Stiepel im Maschinenhaus der ehemaligen Zeche Carl-Friedrich-Erbstollen an der Kemnader-/Ecke Markstraße, später erfolgt die Errichtung seiner Wohn- und Atelier-Bungalows auf demselben Grundstück, heute Kemnader Straße 14 a, die Entwürfe stammen vom Architekten Reiser. Eines seiner bekanntesten Werke ist das 1954 aus rund 40.000 Glas-Bruchstücken erstellte Mosaik „Niobe“. Es ist das Mahnmal der Stadt Bochum für die Opfer des 2. Weltkriegs und befindet sich auf dem Hauptfriedhof Freigrafendamm. In den 1950er und 1960er Jahren liegen seine künstlerischen Aktivitäten überwiegend in der „Kunst am Bau“: Geitel gehörte zu den meist-beschäftigten Bochumer Künstlern im öffentlichen Raum. Monumentale Glasfenster-Aufträge im kirchlichen und weltlichen Bereich sind bis heute erhalten.

Ignatius Geitel: Theater

Ignatius Geitel: Theater

Im Jahr 1983 präsentiert er seine letzte Ausstellung anlässlich seines 70. Geburtstages in seinem Haus an der Kemnader Straße, er stirbt am 22. Januar 1985. Um sein Gesamtwerk kümmert sich heute seine Lebensgefährtin und Nachlassverwalterin Inge Diergardt.   * Informationen zum Lebenslauf entnommen aus: Sepp Hiekisch-Picard. Ignatius Geitel. Das künstlerische Werk

Stiepeler Krug (von Hagen, Kemnader Straße 43)

Der Familienname „von Hagen“ ist seit über 230 Jahren in Stiepel etabliert. Unter den Gastwirtschaften gab es zwei mit diesem Namen, zusammen mit „Becker“, „Behrenbeck“, „Wengeler“ und „Schreier“, die als Gastwirtfamilien ebenfalls zweimal vertreten waren, wurden diese in der Stiepeler Historie nur von „Hasenkamp“ und „Haarmann“ übertroffen (drei- bzw. viermal). Der erste in Stiepel geborene von Hagen war Diederich (1789 – 1859), seine Eltern sind aus dem heutigen Wuppertal zugewandert. Er erwirbt das in der sog. Markenteilung von 1786 dem Hof Schulte Kortwig (Brockhauser Straße) zugeordnete Waldstück östlich der heutigen Kemnader Straße / rund um die Sandfuhrstraße. Wann genau es verkauft und urbar gemacht wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, zumindest sind im Stiepeler Flurbuch des Jahres 1824 knapp 15 Preußische Morgen, also fast 38.000 m² als Acker-, Weide- und Hoffläche auf seinen Namen eingetragen. Das ursprüngliche kleine Hofgebäude ist heute noch als Haus Kemnader Straße 43 erhalten, es liegt unmittelbar an der Ecke Kemnader-/Sandfuhrstraße. Zu erkennen ist es an der direkt vorgebauten ehemaligen kleinen Tankstelle, die heute von einem Autohändler genutzt wird. Auf dem Kartenausschnitt sind zu erkennen: Hauptstraße (Kemnader Straße), Hertastraße (Krockhausstraße) und Hagenstraße (Sandfuhrstraße). Rot eingekreist ist das beschriebene Stammhaus der Familie.

Kartenausschnitt 1909 der heutigen Kemnader-/Krockhaus-/Sandfuhrstraße

Kartenausschnitt 1909 der heutigen Kemnader-/Krockhaus-/Sandfuhrstraße

Diederich von Hagen war Bergmann von Beruf, der recht große Kotten wurde „nur“ nebenbei bewirtschaftet. Genauso setzten es sein Sohn Wilhelm (*1831) und sein Enkel Wilhelm (*1856) fort. Erst in der vierten Generation änderte sich mit Heinrich von Hagen (*1910) der ausgeübte Beruf. Durch Erbteilung und Verkäufe verkleinerte sich der Kotten, Heinrich verdiente seinen Lebensunterhalt daher als Viehhändler, nach dem 2. Weltkrieg zusätzlich als Obsthändler. Im Jahr 1961 begründete er ein neues berufliches Standbein, indem er ein Gebäude für eine Gastwirtschaft, den „Stiepeler Krug“, errichtete.

Postkarte "Stiepeler Krug" 1960er Jahre

Postkarte “Stiepeler Krug” 1960er Jahre

Unmittelbar neben seinem Kotten an der Kemnader Straße betrieb er zusammen mit seiner Frau Else, geb. Stracke (*1910) die Gastwirtschaft samt Hotel -mit 11 Zimmern- bis zu seinem Tod 1973. Else von Hagen betrieb im alten Haus nebenbei ein kleines Lebensmittel­geschäft. Die Gastwirtschaft wurde von deren Tochter Elsa von Hagen (*1935) wiederum bis zu ihrem Tod im Jahr 1987 fortgeführt, seitdem ist das Gebäude im Wesentlichen ungenutzt. Nur im Keller wird ein Schießstand regelmäßig von einer Kompanie des Weitmarer Schützenvereins genutzt. Zwischendurch gab es Versuche, eine neue Gastwirtschaft anzusiedeln, diese blieben aber erfolglos.

Blick auf den alten Hof (links) und die geschlossene Gastwirtschaft, Stand April 2020

Blick auf den alten Hof (links) und die geschlossene Gastwirtschaft, Stand April 2020

Wie eingangs erwähnt, gab es in Stiepel zwei Gastwirtschaften mit dem Familiennamen von Hagen. Neben dem oben erwähnten Heinrich von Hagen und seinem „Stiepeler Krug“ (ab 1961) gab es 100 Meter weiter südlich etwa ab 1919 die „Schenkwirtschaft Heinrich von Hagen“ (*1877), über diesen Link geht es direkt zur Wirtschaft des zweiten (älteren) Heinrich von Hagen.

Carl Diergardt (1875 – 1967)

So mancher Stiepeler dürfte in einem von ihm erbauten Haus wohnen – vielleicht ohne es zu ahnen. Mit diesem Beitrag wollen wir erinnern an den Stiepeler Bauunternehmer Carl Diergardt (1875 – 1967). Das Stammhaus der Diergardts lag an der heutigen Straße „Am Hang“, von dort stammen auch diejenigen Zweige der Familie, die mit dem Betrieb der Fähre an der Ruhr und mit dem bekannten gleichnamigen Restaurant in Hattingen verbunden sind.

Carl Diergardt, 1920er Jahre

Carl Diergardt, 1920er Jahre

Carl Diergardt begann im Alter von 14 Jahren eine Schreinerlehre und erwarb später die Qualifikation als Schreiner- und als Baumeister. Der Begriff des Baumeisters ist heute nicht mehr gebräuchlich, man kann sich darunter in etwa die Tätigkeiten der Bauplanung und -überwachung vorstellen, auch für fremde Gewerke. In einem Einwohnerverzeichnis des Jahres 1904 wird er zwar bereits als Bauunternehmer bezeichnet. Nach seiner Eheschließung mit Luise, geb. Grünendiek, wohnt er jedoch zunächst als Mieter im Hause des Wirtes Schreier an der heutigen Gräfin-Imma-Straße 49. Erst im Jahr 1908 baut er sich ein eigenes Domizil und legt dort den Grundstein für sein wachsendes Unternehmen. Die spätere Adresse lautet Hauptstraße 12 (ab 1909) bzw. Kemnader Straße 40 (nach der Eingemeindung 1929). Hinter dem Büro- und Wohnhaus errichtet er ein großes Lager- und Werkstattgebäude mit einer markanten Dachform. Dort waren untergebracht eine Schreinerei, Möbel- und Holzlager, eine allgemeine Werkstatt sowie das Lager für sämtliche Baumaterialien. Das Besondere daran: Mit einer Art „Nahwärmeheizung“ wurde das Wohnhaus von der Schreinerei aus beheizt. Im Gewerbeverzeichnis der Gemeinde Stiepel für das Jahr 1925 wird das Unternehmen bezeichnet als „Möbel & Eisenwarenhandlung, Baugeschäft“. Es ist überliefert, dass sein Unternehmen rund 20 Mitarbeiter hatte. Darüber hinaus betrieb seine Ehefrau im Wohnhaus ein eigenes Haushaltswarengeschäft.

Wohn- und Bürohaus Kemnader Straße, Vorderansicht

Wohn- und Bürohaus Kemnader Straße, Vorderansicht

Das Schicksal ereilte ihn, als beim schweren Luftangriff auf die südlichen Bochumer Stadtteile im Mai 1943 sein Haus zerstört wurde. Bis es wieder bewohnbar war, musste die Familie in einer eigens auf dem Grundstück gezimmerten Baracke leben. Zum Zeitpunkt des Bombentreffers war Carl Diergardt bereits 68 Jahre alt, sein einziger Sohn Wilhelm hat das Unternehmen danach nicht weitergeführt. Carl Diergardt lebte noch bis zu seinem Tod 1967 im wieder aufgebauten Haus an der Kemnader Straße 40. Als wohlhabender Unternehmer hatte er sich als Altersvorsorge eigentlich mehrere Mietshäuser in Wuppertal gekauft, aber diese wurden während des Krieges ebenfalls zerstört. Das bekannteste von ihm in Stiepel erstellte Gebäude dürfte das ehemalige, 1910 fertiggestellte Gemeindehaus an der Ecke Kemnader-/Kosterstraße sein. Zahlreiche Stiepeler, aber auch Weitmarer Wohnhäuser gingen in den Jahrzehnten seines Schaffens auf sein Konto. Sein eigenes Haus an der Kemnader Straße 40 wurde ein paar Jahre nach seinem Tod abgerissen, unter anderem, weil es an dieser Stelle keinen Bürgersteig gab und die Stadt Bochum die Kemnader Straße von der Krockhausstraße in Richtung Weitmar mit Bürgersteig neu gestalten wollte. Unmittelbar nach dem Abriss (ca. 1968/69) wurden dort neue Häuser errichtet. Neben Carl Diergardt gab es zu jener Zeit Georg Kortwig, Wilhelm Behrenbeck und Gustav Diergardt als weitere Stiepeler Bauunternehmer.

Werkstatt und Lager Kemnader Straße

Werkstatt und Lager Kemnader Straße

Becker links (Unter den Linden, Kemnader Straße 251)

Das Haus an der heutigen Kemnader Straße 251 (an der Bushaltestelle Gräfin-Imma-Straße in Richtung Stadt) ist mit zwei Dingen untrennbar verbunden: zum einen ist die historische Unterscheidung von zwei gegenüber wohnenden Brüdern in „Becker links“ und „Becker rechts“ bis heute geläufig, zum anderen steht das Haus für die Geschichte der ersten katholischen Schule in Stiepel. Erbaut wurde das Haus im Jahr 1863 von Heinrich Bernhard Becker (*1830) und seiner Ehefrau Wilhelmine, geb. Stollmann (*1837). Zu jener Zeit war die Stiepeler Bevölkerung nahezu ausschließlich evangelisch, die katholische Minderheit wurde betreut von der Kirchengemeinde Blankenstein. Beim Bau des Hauses wurde in der ersten Etage neben einem kleinen Saal, der zur Gastwirtschaft gehörte, ein weiterer als „Schulsaal“ bezeichneter Raum vorgesehen. Im Oktober 1866 nahm dort die aus Blankenstein betreute katholische Schule ihren Unterricht mit immerhin 42 Kindern auf. Darüber hinaus wurde im Haus eine Wohnung für den Lehrer angemietet. Allerdings schien die Kombination von Schule und Gastwirtschaft in ein und demselben Gebäude nicht die Zustimmung aller zu finden. In einer Kirchenzeitschrift des Jahres 1872 wird erläutert, warum über den Bau eines eigenen Schulgebäudes nachgedacht wird: „ … die in letzterer Zeit in diesem Hause betriebene Schenkwirthschaft Vorkommnisse und Eventualitäten gar unerquicklicher Natur hervorgerufen hat, so daß die Beschaffung eines anderweitigen Schullocals im Interesse der guten Sache unumgänglich nothwendig erscheint.“ Bereits 1869 wurde durch die katholische Kirchengemeinde Blankenstein ein anderes Grundstück an der heutigen Kemnader Straße 248 gekauft, ab Oktober 1872 wechselt die katholische Schule dorthin. Allerdings nur für drei Jahre, dann wird die Schule wieder geschlossen, die mittlerweile 49 katholischen Kinder werden auf die übrigen evangelischen Schulen in Stiepel und die katholischen Schulen in Blankenstein und Wiemelhausen verteilt.

Postkarte der Gastwirtschaft von Witwe Ewald Becker, 1920er Jahre

Postkarte der Gastwirtschaft von Witwe Ewald Becker, 1920er Jahre

Die bereits genannten Erbauer des Hauses, die Eheleute Heinrich Bernhard und Wilhelmine Becker, waren die ersten Wirte der Gastwirtschaft „Unter den Linden“. Ungewöhnlich war zu jener Zeit, dass Heinrich Bernhard Becker nur mit dem Beruf „Wirt“ als Haupterwerb nachzuweisen ist. Denn überwiegend wurden Gastwirtschaften als Nebenerwerb betrieben. Er verstarb im Jahr 1895, ein Jahr zuvor wurde die Konzession auf seinen Sohn Heinrich Becker junior übertragen. Dieser wiederum hatte den für die meisten Stiepeler Männer zu jener Zeit üblichen Beruf des Bergmanns. Das ursprünglich rund 13.500 m² große Grundstück lag zu beiden Seiten der Kemnader Straße. Bereits zu Lebzeiten des Seniors wurde es unter zwei Söhnen (von insgesamt 12 Kindern) aufgeteilt. Heinrich junior (*1856), der die Wirtschaft 1894 übernahm, bekam das Haus mit dem größeren Teil des Grundstücks, der jüngere Bruder Gustav (*1857) einen kleineren Teil südlich der Kemnader Straße, auf dem er ein neues Haus errichtete, heute das Haus Kemnader Straße 258. Im Volksmund haben sich zur Unterscheidung der beiden Brüder bzw. der beiden Häuser die Bezeichnungen „Becker links“ für die Wirtschaft und „Becker rechts“ für das neue Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite etabliert. Im Jahr 1890 inspiziert der damalige Ortsvorsteher Sondermann im Zusammenhang mit dem Übergang der Konzession auf Heinrich Becker junior die Wirtschaft und hält unter anderem fest: „ … das Haus bekleidet einen Namen Beckerlings …“. Den Rechtschreibfehler im Wort „links“ geben wir wie im Originaltext wieder. Offensichtlich gab es keinen eigenen Namen für die Gastwirtschaft, wenn der Gemeindevorsteher einen solchen mit keinem Wort erwähnt, sondern die offensichtlich bereits etablierte Bezeichnung „Becker links“ verwendet.

Zitat des Ortsvorstehers Sondermann 1890

Zitat des Ortsvorstehers Sondermann 1890

In dritter Generation übernahm Ewald Becker (*1883) die Gastwirtschaft. Das genaue Jahr lässt sich nicht mehr ermitteln, bekannt ist aber, dass er als Haupterwerb das Bäckerhandwerk ausübte und im Jahr 1906 im Keller eine Backstube samt Backofen errichtete. Eine Gartenwirtschaft, deren Fläche auch heute noch rechts vom Haus zu erkennen ist, gehörte mit dazu. Als Pionier fiel Ewald Becker im Januar 1917 im 1. Weltkrieg, beigesetzt wurde er fernab der Heimat auf dem Garnisonsfriedhof Berlin. Fortan wurden Gastwirtschaft und Bäckerei von seiner Frau Klara, geborene Kogelheide (*1883) unter der Bezeichnung „Witwe Ewald Becker“ fortgeführt. Im Jahr 1936 wurde die Gastwirtschaft verkleinert, der Saal im Obergeschoss wurde in eine Wohnung umgebaut. In der Zeit des Nationalsozialismus war das Büro des NSDAP-Ortsgruppenleiters im Haus untergebracht. Überliefert ist, dass im Erdgeschoss in der linken Hälfte das Parteibüro war, in der rechten Hälfte die Gastwirtschaft.

„Becker links“ mit Straßenbahn (Linie 5/15), 1950er Jahre

„Becker links“ mit Straßenbahn (Linie 5/15), 1950er Jahre

In vierter Generation hat Else Becker (*1911), verheiratet mit dem Knappschaftsbeamten Hugo Stollmann (*1899), die Wirtschaft bis Ende der 1950er Jahre fortgeführt. Dann wurde die Wirtschaft in eine Wohnung umgebaut, in der später wiederum eine Arztpraxis eingerichtet wurde. Else Stollmann hat jedoch weiterhin in einem kleinen Raum im Erdgeschoss ihre alte „Stammkundschaft“ durch den Verkauf von Flaschenbier weiter bewirtet.

Luftangriff Mai 1943

Im Mai 1943 erlebten Stiepel und andere Stadtteile des Bochumer Südens den für sie schwersten Luftangriff des 2. Weltkriegs. Er war Teil der fünf Monate währenden britischen Luftoffensive, bei der praktisch sämtliche Großstädte an Rhein und Ruhr bombardiert wurden. Was für die Bochumer Innenstadt -gemessen an den Treffern und Zerstörungen- der 4. November 1944 darstellt, ist für Stiepel die Nacht vom 13. auf den 14. Mai 1943. Der Stiepeler Heimatverein hat versucht, die bei diesem Angriff komplett zerstörten Gebäude sowie die ums Leben gekommenen Personen zu ermitteln, um so eine Schneise mit den schwersten Schäden grafisch darzustellen (Stand: Mai 2018 zum 75. Jahrestag). Dazu sind im Stadtplan des Jahres 1939 die (komplett) zerstörten Gebäude mit einem roten Stern versehen. Diejenigen Häuser, in denen außerdem Tote zu beklagen waren, sind zusätzlich schwarz umkreist. Angemerkt sei, dass der Stiepeler Heimatverein neben seinen eigenen Kenntnissen auf Hinweise aus einem Leseraufruf des Stiepeler Boten angewiesen war. In Summe kann dabei durchaus ein zerstörtes Gebäude übersehen worden sein. Die Anzahl der bei diesem Angriff ums Leben gekommenen Personen wurde hingegen exakt ermittelt. Hierzu konnten im Bochumer Stadtarchiv Aufzeichnungen der damaligen Stadtverwaltung ausfindig gemacht werden. Das Ergebnis der Forschungen lässt sich auf dem Stadtplan gut ablesen. Die Schneise der Zerstörung zog sich, beginnend an der Kemnader Straße (Ortsgrenze Weitmar) in Richtung Süden über den Henkenberg mit letzten Treffern an der Galgenfeldstraße und dem Wasserwerk an der Ruhr.

Stadtplan 1939: rot markiert = komplett zerstörte Gebäude; schwarz umkreist = Gebäude mit Toten (mit Genehmigung des Amtes für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster der Stadt Bochum, Kontrollnummer: BO/11/367)

Stadtplan 1939: rot markiert = komplett zerstörte Gebäude; schwarz umkreist = Gebäude mit Toten (mit Genehmigung des Amtes für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster der Stadt Bochum, Kontrollnummer: BO/11/367)

Als markantes Gebäude wurde die Stiepeler Ziegelei (Standort: heutiger Sportplatz) so schwer beschädigt, dass sie die Produktion auch nach dem Krieg nicht wieder aufnahm und 1952 abgerissen wurde. Der damalige Vikar der Katholischen Kirchengemeinde, Johannes Plitt, notierte in seiner Chronik: „ … die Mine, die hinter der Ziegelei heruntergekommen war, hatte … das Turmkreuz ganz verbogen …“. Auch die Stiepeler Dorfkirche büßte indirekt durch den Treffer einer Luftmine ihren Turm ein. Winfried Schonefeld beschreibt in seiner „Geschichte eines Kirchspiels“, dass die Holzkonstruktion des Turmhelms stark beschädigt wurde, die Herbststürme nicht überstand und einstürzte, wobei auch das Dach des Kirchenschiffs erheblich beschädigt wurde. Darüber hinaus wurde die Bochumer Wasserversorgung durch zwei Treffer in den Hauptleitungen des Stiepeler Wasserwerks für mindestens einen Tag deutlich erschwert.

Kemnader Straße, kurz vor der Krockhausstraße, Blick nach Norden, Mai 1943

Kemnader Straße, kurz vor der Krockhausstraße, Blick nach Norden, Mai 1943

 

Kemnader Straße, kurz vor der Krockhausstraße, Blick nach Süden, Mai 1943

Kemnader Straße, kurz vor der Krockhausstraße, Blick nach Süden, Mai 1943

In Stiepel gab es bei diesem Luftangriff genau 14 Tote in vier Häusern. In besonders dramatischer Weise war ein Haus an der Kemnader Straße, kurz vor der Einmündung der Sandfuhrstraße, betroffen. Darin starben 9 (!) Personen, größtenteils aus einer Familie. Genau in jenem Bereich der Kemnader Straße, rund um die Kreuzung mit der Krockhaus- und Sandfuhrstraße, gab es, so die Erkenntnisse aus den Forschungen, die mit Abstand schwersten Schäden. Die von Anwohnern zur Verfügung gestellten Fotos zeigen die Zerstörungen genau in diesem Abschnitt der Kemnader Straße. Die übrigen drei Häuser mit Todesopfern lagen an der Hülsberg-, Henkenberg- und Galgenfeldstraße. Die in Stiepel-Dorf errichtete große Flak-Stellung, die auf einem Luftbild in den Feldern zwischen dem Dorf und der Gibraltarstraße gut zu erkennen ist (roter Kreis), konnte den Angriff nicht verhindern.

Amerikanisches Luftbild 1945: Flak-Stellung Stiepel-Dorf, Foto: Stadt Bochum, Bildarchiv

Amerikanisches Luftbild 1945: Flak-Stellung Stiepel-Dorf, Foto: Stadt Bochum, Bildarchiv