Persönlichkeiten

Hugo Höltermann (1884 – 1944)

Hugo Höltermann war nach heutigem Stand der Forschung der einzige Stiepeler, der während der Zeit der NS-Diktatur in einem KZ ums Leben kam. Um diesen Gedanken zu verdeutlichen: Es sind während des 2. Weltkriegs zahlreiche Stiepeler auf andere Weise ums Leben gekommen. Insbesondere als Soldat der Wehrmacht, als Opfer des großen Luftangriffs auf Stiepel vom 13. Mai 1943 oder unter sonstigen Umständen. Hugo Höltermann dürfte jedoch der Einzige gewesen sein, der in einem Konzentrationslager ermordet wurde. Und das, weil er sich als ein Zeuge Jehovas nicht von seinem strengen christlichen Glauben abbringen lassen wollte.

Hugo Höltermann (1884 - 1944)
Lina Höltermann, geb. Grünendiek (1889 - 1950)
Hugo Höltermann (1884 – 1944) und Lina Höltermann, geb. Grünendiek (1889 – 1950)

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Lina, geborene Grünendiek, sind die beiden diejenigen, für die am 8. Juni 2026 die ersten sogenannten Stolpersteine in Stiepel verlegt wurden. Detaillierte Informationen über das Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig findet ihr auf der Seite https://www.stolpersteine.eu/

Beide, Hugo (*12.08.1884) und Lina (*15.01.1889), entstammen alteingesessenen Stiepeler Familien, das Stammhaus zum Familiennamen Höltermann liegt an der Steilstraße, das Stammhaus zum Familiennamen Grünendiek ist der gleichnamige Hof im Lottental. Nach der Hochzeit im Mai 1909 kommen vier Kinder auf die Welt: Emil, Else, Grete und Paula, sie ziehen in den 1910er Jahren als Mieter in das Haus mit der heutigen Adresse Gräfin-Imma-Straße 49.

Wie fast sämtliche Stiepeler zu jener Zeit waren sie (zunächst) evangelisch. Das älteste Kind, Sohn Emil, wird im März 1923 noch evangelisch konfirmiert, die drei folgenden Töchter finden sich dann nicht mehr auf den Listen aller Konfirmand*innen der Stiepeler Kirchengemeinde. Dies ist ein Indiz dafür, dass Hugo und Lina im Laufe des Jahres 1923 konvertiert sind zur seinerzeit so genannten Glaubensgemeinschaft der Internationalen Bibelforscher.

Im Jahr 1933 wurden kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sowohl die Organisation der Internationalen Bibelforschervereinigung sowie ihre Literatur und Aktivitäten aufgrund ihres christlich motivierten Widerstands verboten. Wodurch machten sich die Zeugen Jehovas eigentlich „schuldig“? Sie verweigerten den Hitlergruß, den Wehrdienst, den Eintritt in NS-Organisationen und so weiter. Familie Höltermann widersetzte sich dem Druck des NS-Regimes, keine einfache Sache, denn Höltermanns waren in Stiepel als Zeugen Jehovas bekannt. Die Versuche seiner Geschwister, ihn von diesem Glauben abzubringen, haben nicht zum Erfolg geführt.

Die Gestapo bildete im Juni 1936 ein Sonderkommando zur Verfolgung der Zeugen Jehovas. Anfang Juni 1938 wurden die Eheleute festgenommen. Welche Umstände genau zur Verhaftung führten bzw. wer sie möglicherweise denunziert hat, ist nicht bekannt. Somit begann die erste Station des Leidenswegs. Lina kam ins Bochumer Gerichtsgefängnis an der ABC-Straße, Hugo ins Polizeigefängnis an der Uhlandstraße. Das „Sondergericht Dortmund“ verurteilte Hugo im Oktober 1938 zu einer anderthalbjährigen Haftstrafe. Lina wurde zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt.

Nach einer Verlegung ins Zentralgefängnis Bochum ab März 1939 verbüßte Hugo seine Haftstrafe bis Dezember 1939. Er wurde jedoch nicht freigelassen, sondern wurde sofort für zwei Wochen in das Dortmunder Polizeigefängnis, die sogenannte Steinwache, verlegt. Aus der Steinwache heraus wurde er zwar im Dezember 1939 „entlassen“, jedoch sofort ohne Verfahren und Anklage auf unbegrenzte Zeit in sogenannte Schutzhaft genommen und in das KZ Sachsenhausen verschleppt.

Die Zeugen Jehovas bildeten eine eigene Häftlingskategorie, obwohl es nur rund 25.000 Zeugen Jehovas zu dieser Zeit im gesamten Deutschen Reich gab. Im September 1941 wurde er ins KZ Niederhagen, an der bekannten dreieckigen Wewelsburg verlegt. Dort verbrachte er gut anderthalb Jahre bis zur Auflösung des KZ im April 1943. Seine letzte Verlegung führte ihn im April 1943 ins KZ Ravensbrück, dort wurde er am 27. Oktober 1944 ermordet, er wurde brutal totgeschlagen. Er starb, weil er mutig seinem Gewissen folgte und seinen christlichen Prinzipien bis in den Tod treu blieb.

Lina legte gegen ihre Verhaftung 1938 Beschwerde ein – mit Erfolg! Das Sondergericht Dortmund entschied, dass eine Fortsetzung der Untersuchungshaft nicht erforderlich sei, im August 1938 kam sie frei. Sie wurde zwar später durch das Sondergericht Dortmund zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt, aber ihre bereits erfolgte Untersuchungshaft wurde angerechnet, die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, später im Gnadenwege erlassen. Lina starb am 28. August 1950 im Alter von gerade 61 Jahren.

Am 8. Juni 2026 wurden die ersten Stiepeler Stolpersteine für Hugo und Lina Höltermann an der Gräfin-Imma-Straße verlegt.

Ignatius Geitel (1913 – 1985)

Ignatius Geitel hatte ab 1951 Atelier und Lebensmittelpunkt in Stiepel auf dem ehemaligen Gelände der Zeche Carl Friedrich Erbstollen an der Ecke Kemnader-/ Markstraße. Sein künstlerisches Schaffen begann im Alter von 16 Jahren. Nach dem Besuch der „Maler- und Bildhauerklasse“ der Essener Folkwangschule und der „Meisterklasse Glasmalen“ an der Werkskunstschule Trier ließ er sich in den 1930er Jahren von seinem expressionistischen Vorbild Edvard Munch inspirieren, litt mit seinem künstlerischen Werk aber unter den nationalsozialistischen „Säuberungen“. Nach Kriegseinsatz und russischer Kriegsgefangenschaft verlagerte er seine künstlerischen Aktivitäten hin zur „Kunst am Bau“. Ignatius Geitel gehörte in den 1950er und 1960er Jahren zu den meistbeschäftigten Bochumer Künstlern im öffentlichen Raum und zu den wichtigsten Glaskünstlern überhaupt.

Ignatius Geitel 1956

Ignatius Geitel 1956

Geboren ist er am 15. November 1913 in Bochum-Ehrenfeld. Nach Besuch der Volksschule, einer abgebrochenen kaufmännischen Lehre und Arbeit in der Landwirtschaft absolviert er eine Lehre als Steinmetz und besucht die Maler- und Bildhauerklasse an der späteren Folkwangschule in Essen. Sein erstes Gemälde erstellt er 1929 im Alter von 16 Jahren. In den 1930er Jahren unternimmt er zahlreiche Studienreisen durch Holland und Belgien, sein künstlerisches Vorbild in dieser Zeit ist Edvard Munch. Ab 1934 erfährt er eine intensive Unterstützung durch das Bochumer Unternehmerehepaar und Kunstmäzene Irene und Karl Gröppel . In der Villa Gröppel, heute: Hospiz St. Hildegard an der Königsallee, kann Geitel relativ geschützt arbeiten. 1939 führt eine Ausstellungsbeteiligung mit dem Bild „Das lungenkranke Kind“ zur Vorladung vor die nationalsozialistische Kunst-Kommission in Düsseldorf. Weiteren Repressalien entkommt er durch den Kriegseinsatz von 1939 bis 1945, von der russischen Kriegsgefangenschaft kehrt er erst im November 1949 zurück. Sofort danach beginnt er wieder mit künstlerischen Aktivitäten, überwiegend Glasfensterarbeiten und „Kunst am Bau“. Er beteiligt sich an zahlreichen Ausstellungen und ist Mitbegründer einiger Künstlervereinigungen. Im Jahr 1951 bezieht er sein neues Atelier in Stiepel im Maschinenhaus der ehemaligen Zeche Carl-Friedrich-Erbstollen an der Kemnader-/Ecke Markstraße, später erfolgt die Errichtung seiner Wohn- und Atelier-Bungalows auf demselben Grundstück, heute Kemnader Straße 14 a, die Entwürfe stammen vom Architekten Reiser. Eines seiner bekanntesten Werke ist das 1954 aus rund 40.000 Glas-Bruchstücken erstellte Mosaik „Niobe“. Es ist das Mahnmal der Stadt Bochum für die Opfer des 2. Weltkriegs und befindet sich auf dem Hauptfriedhof Freigrafendamm. In den 1950er und 1960er Jahren liegen seine künstlerischen Aktivitäten überwiegend in der „Kunst am Bau“: Geitel gehörte zu den meist-beschäftigten Bochumer Künstlern im öffentlichen Raum. Monumentale Glasfenster-Aufträge im kirchlichen und weltlichen Bereich sind bis heute erhalten.

Ignatius Geitel: Theater

Ignatius Geitel: Theater

Im Jahr 1983 präsentiert er seine letzte Ausstellung anlässlich seines 70. Geburtstages in seinem Haus an der Kemnader Straße, er stirbt am 22. Januar 1985. Um sein Gesamtwerk kümmert sich heute seine Lebensgefährtin und Nachlassverwalterin Inge Diergardt.   * Informationen zum Lebenslauf entnommen aus: Sepp Hiekisch-Picard. Ignatius Geitel. Das künstlerische Werk

Carl Diergardt (1875 – 1967)

So mancher Stiepeler dürfte in einem von ihm erbauten Haus wohnen – vielleicht ohne es zu ahnen. Mit diesem Beitrag wollen wir erinnern an den Stiepeler Bauunternehmer Carl Diergardt (1875 – 1967). Das Stammhaus der Diergardts lag an der heutigen Straße „Am Hang“, von dort stammen auch diejenigen Zweige der Familie, die mit dem Betrieb der Fähre an der Ruhr und mit dem bekannten gleichnamigen Restaurant in Hattingen verbunden sind.

Carl Diergardt, 1920er Jahre

Carl Diergardt, 1920er Jahre

Carl Diergardt begann im Alter von 14 Jahren eine Schreinerlehre und erwarb später die Qualifikation als Schreiner- und als Baumeister. Der Begriff des Baumeisters ist heute nicht mehr gebräuchlich, man kann sich darunter in etwa die Tätigkeiten der Bauplanung und -überwachung vorstellen, auch für fremde Gewerke. In einem Einwohnerverzeichnis des Jahres 1904 wird er zwar bereits als Bauunternehmer bezeichnet. Nach seiner Eheschließung mit Luise, geb. Grünendiek, wohnt er jedoch zunächst als Mieter im Hause des Wirtes Schreier an der heutigen Gräfin-Imma-Straße 49. Erst im Jahr 1908 baut er sich ein eigenes Domizil und legt dort den Grundstein für sein wachsendes Unternehmen. Die spätere Adresse lautet Hauptstraße 12 (ab 1909) bzw. Kemnader Straße 40 (nach der Eingemeindung 1929). Hinter dem Büro- und Wohnhaus errichtet er ein großes Lager- und Werkstattgebäude mit einer markanten Dachform. Dort waren untergebracht eine Schreinerei, Möbel- und Holzlager, eine allgemeine Werkstatt sowie das Lager für sämtliche Baumaterialien. Das Besondere daran: Mit einer Art „Nahwärmeheizung“ wurde das Wohnhaus von der Schreinerei aus beheizt. Im Gewerbeverzeichnis der Gemeinde Stiepel für das Jahr 1925 wird das Unternehmen bezeichnet als „Möbel & Eisenwarenhandlung, Baugeschäft“. Es ist überliefert, dass sein Unternehmen rund 20 Mitarbeiter hatte. Darüber hinaus betrieb seine Ehefrau im Wohnhaus ein eigenes Haushaltswarengeschäft.

Wohn- und Bürohaus Kemnader Straße, Vorderansicht

Wohn- und Bürohaus Kemnader Straße, Vorderansicht

Das Schicksal ereilte ihn, als beim schweren Luftangriff auf die südlichen Bochumer Stadtteile im Mai 1943 sein Haus zerstört wurde. Bis es wieder bewohnbar war, musste die Familie in einer eigens auf dem Grundstück gezimmerten Baracke leben. Zum Zeitpunkt des Bombentreffers war Carl Diergardt bereits 68 Jahre alt, sein einziger Sohn Wilhelm hat das Unternehmen danach nicht weitergeführt. Carl Diergardt lebte noch bis zu seinem Tod 1967 im wieder aufgebauten Haus an der Kemnader Straße 40. Als wohlhabender Unternehmer hatte er sich als Altersvorsorge eigentlich mehrere Mietshäuser in Wuppertal gekauft, aber diese wurden während des Krieges ebenfalls zerstört. Das bekannteste von ihm in Stiepel erstellte Gebäude dürfte das ehemalige, 1910 fertiggestellte Gemeindehaus an der Ecke Kemnader-/Kosterstraße sein. Zahlreiche Stiepeler, aber auch Weitmarer Wohnhäuser gingen in den Jahrzehnten seines Schaffens auf sein Konto. Sein eigenes Haus an der Kemnader Straße 40 wurde ein paar Jahre nach seinem Tod abgerissen, unter anderem, weil es an dieser Stelle keinen Bürgersteig gab und die Stadt Bochum die Kemnader Straße von der Krockhausstraße in Richtung Weitmar mit Bürgersteig neu gestalten wollte. Unmittelbar nach dem Abriss (ca. 1968/69) wurden dort neue Häuser errichtet. Neben Carl Diergardt gab es zu jener Zeit Georg Kortwig, Wilhelm Behrenbeck und Gustav Diergardt als weitere Stiepeler Bauunternehmer.

Werkstatt und Lager Kemnader Straße

Werkstatt und Lager Kemnader Straße

Emil Becker (1903 – 1978)

Emil Becker erblickte am 24. Dezember 1903 das Licht der Welt und wuchs als Sohn eines Bergmannes auf einem klei­nen Kotten an der heutigen Haarholzerstraße auf. Er besuchte mit der Schrick­schule eine der sechs Stiepeler Volksschulen und erlebte als Schüler die Auswirkungen und das Ende des 1. Weltkrieges und damit das Ende des Kaiserreiches.

Emil Becker 1950er Jahre

Emil Becker 1950er Jahre

Während die Weltwirtschaftskrise ihrem Höhepunkt zustrebte, begann er eine Lehre als Schmied auf der in der Nachbarschaft gelegenen und gerade neu aufgelassenen Zeche Klosterbusch und legte damit wohl den Grund­stock für seine künstlerische Arbeit, die in den 1950er und 1960er Jahren ihren Höhepunkt fand. Bis zum Jahre 1928 blieb er, nachdem er 1927 ein Stiepeler Mädchen, Maria Lina Althaus, geheiratet hatte, seiner Lehrstätte noch verbunden, um dann beruflich auf die andere Ruhrseite zu wechseln. Die Anstellung als Schmied beim Bergbauzulieferer Paul Pleiger im Hammertal erlaubte es ihm, nebenberuflich seinen künstle­rischen Neigungen und Fertigkeiten mit dem Besuch der bereits seit 1911 bestehenden „Staatlich genehmigte Handwerker- und Kunstgewerbeschule“ in Essen, die später zur „Folkwangschule für Gestaltung“ wurde und mittlerweile ein Teil der Folkwang Universität der Künste ist, den Feinschliff zu geben.

Meisterstück

Meisterstück

Der Kriegsdienst blieb ihm aufgrund seiner Arbeit in einem kriegswichtigen Betrieb erspart. Mit dem Anbau einer kleinen Schmiedewerkstatt am elterlichen Kotten erfüllte er sich nach dem 2. Weltkrieg den Wunsch nach einer geeigneten Räumlichkeit, in der in den Folgejahren unzählige Kupfertreibarbeiten mit örtlichen Motiven wie Windmühle, Kirche oder Jagdmotiven sowie andere Kunst­schmiedearbeiten entstanden, die sich heute noch in und an vielen Stiepeler Häusern finden. Zum Höhepunkt seines Schaffens gehört wohl die 1966 erstellte Kupferabdeckung auf dem alten gotischen Taufstein in der Stiepeler Dorfkirche. Emil Becker, der mit einer hohen Identifikation zu seinem Geburtsort seinen Weg vom Zechenschmied zum Kunst­schmied, vom Handwerker zum Künstler machte, starb am 2. Dezember 1978.

Taufsteinabdeckung Stiepeler Dorfkirche (1966)

Taufsteinabdeckung Stiepeler Dorfkirche (1966)

Friedrich zur Oven Krockhaus (1857 – 1922)

Mit diesem Beitrag möchten wir Friedrich zur Oven Krockhaus (6.10.1857 – 6.11.1922) in Erinnerung rufen, eine für Stiepel prägende Persönlichkeit. Nach 24-jähriger Amtszeit endete im Jahr 1919 seine Tätigkeit als Stiepeler Gemeindevorsteher. Gemäß der damaligen Landgemeindeordnung der Provinz Westfalen hatte Stiepel in den Jahren von 1844 bis zur Eingemeindung nach Bochum 1929 genau zwölf dieser sogenannten Gemeindevorsteher, Friedrich zur Oven Krockhaus war derjenige mit der längsten Amtszeit, und zwar im Zeitraum von 1895 bis 1919. In seine Amtszeit fielen etliche, das damalige Stiepel prägende Entwicklungen. Zum Beispiel die Beteiligung am „Verbandswasserwerk“ und am „Elektricitätswerk Westfalen“ und somit die Einführung der Wasser- und Stromversorgung in Stiepel. Oder der Bau und Ausbau weiterer Straßen und Schulen in den fünf Gemeindeteilen Brockhausen, Haar, Schrick, Ober- und Mittelstiepel. Erwähnenswert auch die Entscheidung, die Kosterbrücke den Eigentümern der Henrichshütte abzukaufen und im Jahr 1910 für die öffentliche Benutzung neu zu bauen. Oder sein Einsatz dafür, im Jahr 1919 den ersten niedergelassenen Arzt, Dr. Gerhard Gilbert, nach Stiepel zu holen. Von besonderer Bedeutung ist auch der Bau des Gemeindehauses für die Stiepeler Gemeindeverwaltung und Gesundheitsversorgung an der Ecke Koster-/Kemnader Straße im Jahr 1910.

Ingenieur Friedrich zur Oven Krockhaus mit seiner Frau Lydia, geb. Große Munkenbeck

Ingenieur Friedrich zur Oven Krockhaus mit seiner Frau Lydia, geb. Große Munkenbeck

Die Familie zur Oven Krockhaus dürfte zu jener Zeit die wohlhabendste Familie in Stiepel gewesen sein. Es wurden Einkünfte erzielt aus dem Betrieb einer Ziegelei und eines Steinbruchs. Der landwirtschaftliche Betrieb wurde wahrscheinlich ab den 1890er Jahren verpachtet. Auf einer Steuerliste des Jahres 1913 für die Gemeinde Stiepel liegt der „Ingenieur Friedrich zur Oven Krockhaus“ mit Abstand an erster Stelle. Vom Wohlstand zeugt insbesondere die 1904 errichtete, auch heute noch so genannte Krockhaus-Villa (heutige Adresse: Krockhausstraße 7). Die historische Aufnahme mit Haus, Garten- und Teichanlagen zeigt einen für das damals von Landwirtschaft und Bergbau geprägte Stiepel eher untypischen Baustil.

Die 1904 errichtete Villa Krockhaus, vom Garten aus betrachtet

Die 1904 errichtete Villa Krockhaus, vom Garten aus betrachtet

Die Hof- und Ackerflächen des erstmals 1335 erwähnten Hofes, die 1959 an eine Bergwerkgesellschaft verkauft wurden, umfassten die Bereiche nördlich und südlich der Krockhausstraße, auch der heutige Weitmarer Sportplatz liegt auf ehemaligen Flächen des Krockhaus-Hofes auf Stiepeler Gemeindegebiet. Südlich der Krockhausstraße zählen insbesondere die Haarkampstraße, Weidengrund und Dertmanns Feld zu den ehemaligen Hofflächen. Der eigentliche Hof Krockhaus, ein Fachwerk-Ständerbau mit Backstein-Ausfachung, wurde beim Bombenangriff im Mai 1943 zerstört, die Villa blieb unversehrt.

“Minister” Friedrich Finke (1867 – 1938)

Er war zwar kein echter Minister, sondern wurde nur so genannt. Friedrich Wilhelm Finke war Gemeindevorsteher von 1919 bis 1924 und Namensgeber der Ministerstraße. Da sein Haus das erste und für lange Zeit einzige an der Straße war, wurde diese entsprechend „Ministerstraße“ genannt, auch bereits vor Einführung der offiziellen Straßennamen in Stiepel im Jahr 1909.

"Minister" Friedrich Finke (1867-1938)

“Minister” Friedrich Finke (1867-1938)

Friedrich Wilhelm Finke (1867 – 1938) war -wie die meisten Stiepeler Männer zu jener Zeit- Bergmann, und zwar ab seinem 14. Lebensjahr. Er wurde im Laufe der Zeit zu einem überzeugten Sozialdemokraten und Mitbegründer des Bergarbeiterverbandes. Diese politische Gesinnung war in den Bergwerken nicht gern gesehen, so dass im Jahr 1905 sein Name auf eine „Schwarze Liste“ kam, er wurde entlassen und bekam im heimischen Bergbau keine Anstellung mehr. Ende 1905 fand er dann einen neuen Beruf als reisender Vertreter der Bochumer Schlegelbrauerei. Die Bezeichnung „Minister“ war die kürzere Version des eigentlichen Spitznamens „Hühnerminister“. Diesen erhielt er, da er bekannt war für die Zucht von Minorka-Hühnern. Durch seine politischen Aktivitäten brachte er es in den Jahren 1919 – 1924 zum Stiepeler Gemeindevorsteher.

Friedrich Finke (mit Kappe) vor dem Stiepeler Sprengwagen, nach 1930.

Friedrich Finke (mit Kappe) vor dem Stiepeler Sprengwagen, nach 1930.

August Rautenberg (1886 – 1957)

August Rautenberg (*Hörde 28.04.1886, +Stiepel 16.04.1957) wurde in Hörde bei Dortmund geboren und wuchs in Welper auf, wo der Vater als Schmied auf der Henrichshütte arbeitete. Dort erlernte er ebenfalls das Schmiede- und Dreherhandwerk, 1911 trat er der „Freien Gewerkschaft“ bei. Da er sich nach seiner Ausbildung weiterbildete und politisch aktiv wurde, erreichte er es, dass ihn die Amtsverwaltung Blankenstein im Mai 1920 zum Beigeordneten ernannte. Dadurch wurde er ab 1920 zum Mitglied des Deutschen Gemeindetags und ab 1921 zum Mitglied des Deutschen Landkreistags. Darüber hinaus war er Mitglied des Hauptausschusses und des Präsidiums des Preußischen Landgemeindetags West. Welche genauen Umstände ihn von Welper nach Stiepel verschlugen, ist nicht bekannt. Zumindest wohnte er nach 1922 in der Straße Am Vormbrock in Haus Nr. 4. Dort sollte er bis zu seinem Tod 1957 wohnen bleiben. Wie an anderer Stelle ausführlicher geschildert, errichtete die Gemeinde Stiepel am Vormbrock in den Jahren 1922 – 1924 eine von insgesamt drei kleinen Siedlungen, um der nach dem 1. Weltkrieg aufkommenden Wohnungsnot zu begegnen. Da mit diesen Maßnahmen der Wohnungsbedarf in Stiepel nicht gedeckt war, wuchs innerhalb der Bevölkerung der Gedanke, eine Baugenossenschaft ins Leben zu rufen. Unter Beteiligung der Gemeinde Stiepel wurde daher am 3. Mai 1925 die Baugenossenschaft „Heimat“ gegründet. Einer der 25 Gründungsmitglieder war August Rautenberg, mittlerweile aktiver Sozialdemokrat und Gewerkschafter. In der Gründungsversammlung wurde ein fünfköpfiger Vorstand gewählt, zu seinem Vorsitzenden wurde August Rautenberg benannt. In Stiepel war er neben seinem Engagement für die Baugenossenschaft „Heimat“ in den 1920er Jahren als Mitbegründer des Arbeiterwohlfahrt-Ortsverbands bekannt.

August Rautenberg, 1920

August Rautenberg, 1920er Jahre

 

August Rautenberg (Mitte, ganz links) mit einem Ausflug der Arbeiterwohlfahrt Stiepel, 1920

August Rautenberg (Mitte, ganz links) mit einem Ausflug der Arbeiterwohlfahrt Stiepel , 1920er Jahre

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde er aus allen Ämtern gedrängt. In der Mitgliederversammlung der Stiepeler Baugenossenschaft vom 24. Juni 1933 traten -bedingt durch den politischen Druck- die bisherigen Vorstandsmitglieder sowie der gesamte Aufsichtsrat zurück, um Neuwahlen durchführen zu können. Neuer Vorsitzender der Baugenossenschaft wurde ein Beamter der Stadt Bochum (Stiepel wurde im Jahr 1929 nach Bochum eingemeindet), der zugleich NSDAP-Mitglied war. Innerhalb des Amtes Blankenstein musste er seine Ämter ebenfalls aufgeben. Ein Beschluss der Amtsversammlung vom 3. Juli 1934 sorgte sogar dafür, dass er keine Pensionsbezüge erhielt. Für das Familieneinkommen mussten in dieser Zeit seine beiden Kinder sorgen. Es wird überliefert, dass er mehrfach verhaftet, körperlich misshandelt und im Blankensteiner Krankenhaus gesund gepflegt wurde. 1939 konnte er eine Anstellung bei der Berufsgenossenschaft in Bochum finden. Nach dem Krieg konnte er sofort wieder politisch aktiv werden. Am 2. Mai 1945 wurde er in Blankenstein als Amtsbürgermeister eingesetzt und 1946 zum Amtsdirektor des Amtes Blankenstein berufen. Er bekleidete bis zu seinem Ruhestand 1954 zahlreiche Ämter, u.a. als Vorsitzender des Landgemeinderats Westfalen oder als Mitglied des kommunalpoli­tischen Beirats der SPD. Ab 1946 war er Mitglied des Aufsichtsrats der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW), auch wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Zahlreiche kommunale Ehrenämter gesellten sich dazu, zum Beispiel als Vorsitzender des Gemeinde-Unfall-Versicherungs-Verbandes Westfalen. In Stiepel fand die erste Mitgliederversammlung der Baugenossenschaft „Heimat“ nach dem Krieg am 12. August 1945 statt. Sie wählte einen neuen Aufsichtsrat, dieser wiederum bestellte in seiner Sitzung am 2. September 1945 einen fünfköpfigen Vorstand mit dem erneuten Vorsitzenden August Rautenberg. Am 16. April 1957 starb August Rautenberg, kurz vor Vollendung seines 71. Lebensjahres, in seiner Wohnung in Stiepel. Trauerfeier und Beisetzung fanden in Welper statt, damalige Zeitungen berichten, dass es die größte Beisetzung der Nachkriegszeit im Hattinger Raum war. In Würdigung seiner Verdienste für die Bau­genossenschaft „Heimat“ in Stiepel wurde auf deren Antrag im Januar 1959 der obere Abzweig der Flaßkuhlstraße in „Rautenbergstraße“ umbenannt. Im April 1956 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Welper ernannt, dort gibt es ebenfalls eine nach ihm benannte August-Rautenberg-Straße. (Mit freundlicher Unterstützung des Stadtarchivs Hattingen und der Baugenossenschaft “Heimat” Bochum-Stiepel eG)

Gerhard Gilbert (1886 – 1971) – der erste Arzt in Stiepel

Im November 2012 hat die Bezirksvertretung Süd beschlossen, die neue Erschließungsstraße zwischen Kemnader- und Surkenstraße zur Erinnerung an den ersten niedergelassenen Stiepeler Arzt „Dr.-Gilbert-Weg“ zu nennen, im September 2014 wurde das neue Straßenschild durch den Bezirksbürgermeister offiziell enthüllt.

Dr. Gilbert-Weg

Dr. Gilbert-Weg

Aus heutiger Sicht mag das nicht als etwas Besonderes erscheinen, einen Arzt im Stadtteil zu haben. Stiepel zählt heute rund 12.000 Einwohner, mit einer guten Versorgung an Ärzten und Zahnärzten. Bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts sah das allerdings anders aus. Bis 1919, Stiepel hatte zu dieser Zeit immerhin schon rund 6.500 Einwohner, gab es nicht einen einzigen Arzt vor Ort. Versorgt wurden die Stiepeler Bürger von Ärzten aus Blankenstein, Weitmar und Wiemelhausen. Für die war es nicht immer leicht, zu ihren Patienten nach Stiepel zu kommen, insbesondere nicht für den zu jener Zeit aus Blankenstein kommenden, von der Gemeindevertretung gewählten Armenarzt. Die Kemnader Brücke wurde erst im Juni 1928 eingeweiht, so dass der Arzt sich mit der Fähre Diergardt über die Ruhr setzen lassen musste, bei Hochwasser musste der Umweg über Welper und die Kosterbrücke genommen werden. Was das für Notfälle bedeutete, kann man sich leicht vorstellen.

Dr. med. Gerhard Gilbert (1957), Foto: Ingeborg Hofmann-Credner

Dr. med. Gerhard Gilbert (1957), Foto: Ingeborg Hofmann-Credner

Die Sprechstunden durch die angereisten Ärzte wurden überwiegend in den Räumlichkeiten der Wirtschaft „Frische“ abgehalten, es wurden aber auch weitere Wirtschaften beansprucht. Nach langjährigen Verhandlungen mit dem Allgemeinen Knappschaftsverein in Bochum wurde dieser Notstand in der ärztlichen Versorgung anerkannt. In der Stiepeler Schulchronik des Jahres 1919 ist zu lesen: „ … Soll aber ein in Stiepel wohnender Arzt existenzfähig sein, so ist es nötig, daß er auch die hier wohnenden Bergleute, deren Zahl sich auf etwa eintausendvierhundert beläuft, zu behandeln hat. Endlich … sollten die Wünsche der Stiepeler Gemeindeeingesessenen in Erfüllung gehen … in dem Herrn Dr. Gilbert, der sich am 1. Dezember 1919 in Stiepel als praktischer Arzt niedergelassen hat, die Verwaltung des hiesigen Knappschaftssprengels übertragen wurde.“  

In der ehemaligen Schankwirtschaft "Zur steilen Höh" befanden sich die ersten festen Praxisräume, Foto: Sammlung Willi Dickten

In der ehemaligen Schankwirtschaft “Zur steilen Höh” befanden sich die ersten festen Praxisräume, Foto: Sammlung Willi Dickten

Hans Frithjof Gerhard Gilbert, am 21. Januar 1886 in Gaarden bei Kiel geboren, studierte ab März 1907 zunächst an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin (heute Humboldt-Universität), später dann an der Kaiser-Wilhelms-Akademie in Berlin, die ihren Schwerpunkt in der militärärztlichen und -chirurgischen Ausbildung hatte und der er bis zum 1. März 1912 angehörte. Im Anschluss daran wurde er zum Unterarzt beim Oldenburgischen Infanterie-Regiment 91 ernannt und zunächst ein Jahr lang an der Berliner Charité eingesetzt. Im August 1913 erhielt er dort seine Approbation und wurde anschließend als Assistenzarzt, später Oberarzt, in sein Regiment berufen. Seine Dienstzeit umfasste auch den 1. Weltkrieg. Wann genau er nach Stiepel kam, ist nicht bekannt. Es ist aber überliefert, dass er aufgrund enger Kontakte innerhalb einer Burschenschaft zu einem Bochumer Arzt, Herrn Dr. Carl Brüggemann, den Weg in unsere Region fand. Im Jahr 1916 hat er sich verlobt mit Cornelia zur Oven Krockhaus. Deren Vater war der Ingenieur Friedrich zur Oven Krockhaus, Eigentümer des Krockhaus-Hofes an der gleichnamigen Straße und in den Jahren 1895 – 1919 Gemeindevorsteher in Stiepel. Gerhard Gilbert und Cornelia zur Oven Krockhaus heirateten am 15. Mai 1918 und wohnten zunächst im (schwieger-) elterlichen Haus, dem immer noch als Krockhaus-Villa bekannten Gebäude. Heute ist dies Krockhausstraße 7, seinerzeit Hertastraße 1. Seinen Doktortitel hat Gerhard Gilbert von der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin im März 1919 verliehen bekommen . Am 1. Dezember 1919 ließ sich Dr. Gilbert, wie oben bereits aus der Schulchronik zitiert, als praktischer Arzt in Stiepel nieder. Seine Sprechstunden hielt er anfangs in der ehemaligen Schule an der Ecke Kemnader-/Krockhausstraße, aber auch in Gaststätten ab, und zwar wechselweise in „Haus Frische“ und bei „Westermann“. Später praktizierte er im Hause Gräfin-Imma-Straße 12 (heutige Anschrift). An dieser Stelle stand die „Schankwirtschaft zur steilen Höh“. Das ursprüngliche Haus ist im Juni 1912 abgebrannt und wurde während des 1. Weltkriegs in der noch heute bestehenden Form neu errichtet. Die Räumlichkeiten dienten Dr. Gilbert dann als erste feste Praxis­räume in Stiepel. Im Januar 1920 wurde er durch die Stiepeler Gemeindevertretung in den nach dem 1. Weltkrieg neu gegründeten „Wohlfahrtsausschuß“ gewählt, ab April 1920 stellte ihn die Gemeinde Stiepel auch als Schularzt an, wobei er für jedes untersuchte Kind zwei Mark Honorar bekam. Er war bis 1956 als Knappschaftsarzt im Dienst, danach zog er in sein neben der bisherigen Praxis neu errichtetes Haus (heutige Anschrift: Gräfin-Imma-Straße 10) und praktizierte dort noch einige Jahre weiter. Seine Nachfolge als Knappschaftsarzt trat Dr. med. Hans Rath an. Überliefert sind die unermüdliche Einsatzbereitschaft und sein humorvolles Wesen, weswegen die Stiepeler „ihren“ Doktor so liebten. Gerhard Gilbert verstarb am 3.3.1971 in Stiepel.

Dr. Gilbert-Weg - Strasseneinweihung

Dr. Gilbert-Weg – Strasseneinweihung