Höltermann

Hugo Höltermann (1884 – 1944)

Hugo Höltermann war nach heutigem Stand der Forschung der einzige Stiepeler, der während der Zeit der NS-Diktatur in einem KZ ums Leben kam. Um diesen Gedanken zu verdeutlichen: Es sind während des 2. Weltkriegs zahlreiche Stiepeler auf andere Weise ums Leben gekommen. Insbesondere als Soldat der Wehrmacht, als Opfer des großen Luftangriffs auf Stiepel vom 13. Mai 1943 oder unter sonstigen Umständen. Hugo Höltermann dürfte jedoch der Einzige gewesen sein, der in einem Konzentrationslager ermordet wurde. Und das, weil er sich als ein Zeuge Jehovas nicht von seinem strengen christlichen Glauben abbringen lassen wollte.

Hugo Höltermann (1884 - 1944)
Lina Höltermann, geb. Grünendiek (1889 - 1950)
Hugo Höltermann (1884 – 1944) und Lina Höltermann, geb. Grünendiek (1889 – 1950)

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Lina, geborene Grünendiek, sind die beiden diejenigen, für die am 8. Juni 2026 die ersten sogenannten Stolpersteine in Stiepel verlegt wurden. Detaillierte Informationen über das Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig findet ihr auf der Seite https://www.stolpersteine.eu/

Beide, Hugo (*12.08.1884) und Lina (*15.01.1889), entstammen alteingesessenen Stiepeler Familien, das Stammhaus zum Familiennamen Höltermann liegt an der Steilstraße, das Stammhaus zum Familiennamen Grünendiek ist der gleichnamige Hof im Lottental. Nach der Hochzeit im Mai 1909 kommen vier Kinder auf die Welt: Emil, Else, Grete und Paula, sie ziehen in den 1910er Jahren als Mieter in das Haus mit der heutigen Adresse Gräfin-Imma-Straße 49.

Wie fast sämtliche Stiepeler zu jener Zeit waren sie (zunächst) evangelisch. Das älteste Kind, Sohn Emil, wird im März 1923 noch evangelisch konfirmiert, die drei folgenden Töchter finden sich dann nicht mehr auf den Listen aller Konfirmand*innen der Stiepeler Kirchengemeinde. Dies ist ein Indiz dafür, dass Hugo und Lina im Laufe des Jahres 1923 konvertiert sind zur seinerzeit so genannten Glaubensgemeinschaft der Internationalen Bibelforscher.

Im Jahr 1933 wurden kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sowohl die Organisation der Internationalen Bibelforschervereinigung sowie ihre Literatur und Aktivitäten aufgrund ihres christlich motivierten Widerstands verboten. Wodurch machten sich die Zeugen Jehovas eigentlich „schuldig“? Sie verweigerten den Hitlergruß, den Wehrdienst, den Eintritt in NS-Organisationen und so weiter. Familie Höltermann widersetzte sich dem Druck des NS-Regimes, keine einfache Sache, denn Höltermanns waren in Stiepel als Zeugen Jehovas bekannt. Die Versuche seiner Geschwister, ihn von diesem Glauben abzubringen, haben nicht zum Erfolg geführt.

Die Gestapo bildete im Juni 1936 ein Sonderkommando zur Verfolgung der Zeugen Jehovas. Anfang Juni 1938 wurden die Eheleute festgenommen. Welche Umstände genau zur Verhaftung führten bzw. wer sie möglicherweise denunziert hat, ist nicht bekannt. Somit begann die erste Station des Leidenswegs. Lina kam ins Bochumer Gerichtsgefängnis an der ABC-Straße, Hugo ins Polizeigefängnis an der Uhlandstraße. Das „Sondergericht Dortmund“ verurteilte Hugo im Oktober 1938 zu einer anderthalbjährigen Haftstrafe. Lina wurde zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt.

Nach einer Verlegung ins Zentralgefängnis Bochum ab März 1939 verbüßte Hugo seine Haftstrafe bis Dezember 1939. Er wurde jedoch nicht freigelassen, sondern wurde sofort für zwei Wochen in das Dortmunder Polizeigefängnis, die sogenannte Steinwache, verlegt. Aus der Steinwache heraus wurde er zwar im Dezember 1939 „entlassen“, jedoch sofort ohne Verfahren und Anklage auf unbegrenzte Zeit in sogenannte Schutzhaft genommen und in das KZ Sachsenhausen verschleppt.

Die Zeugen Jehovas bildeten eine eigene Häftlingskategorie, obwohl es nur rund 25.000 Zeugen Jehovas zu dieser Zeit im gesamten Deutschen Reich gab. Im September 1941 wurde er ins KZ Niederhagen, an der bekannten dreieckigen Wewelsburg verlegt. Dort verbrachte er gut anderthalb Jahre bis zur Auflösung des KZ im April 1943. Seine letzte Verlegung führte ihn im April 1943 ins KZ Ravensbrück, dort wurde er am 27. Oktober 1944 ermordet, er wurde brutal totgeschlagen. Er starb, weil er mutig seinem Gewissen folgte und seinen christlichen Prinzipien bis in den Tod treu blieb.

Lina legte gegen ihre Verhaftung 1938 Beschwerde ein – mit Erfolg! Das Sondergericht Dortmund entschied, dass eine Fortsetzung der Untersuchungshaft nicht erforderlich sei, im August 1938 kam sie frei. Sie wurde zwar später durch das Sondergericht Dortmund zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt, aber ihre bereits erfolgte Untersuchungshaft wurde angerechnet, die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, später im Gnadenwege erlassen. Lina starb am 28. August 1950 im Alter von gerade 61 Jahren.

Am 8. Juni 2026 wurden die ersten Stiepeler Stolpersteine für Hugo und Lina Höltermann an der Gräfin-Imma-Straße verlegt.

Höltermann (Kemnader Straße 335)

Die Geschichte des „Café Restaurant Höltermann“ beginnt eigentlich mit dem Familiennamen Hasenkamp, denn es war der Viehhändler Friedrich Wilhelm Hasenkamp (*1861), der das Haus an der heutigen Kemnader Straße 335 im Jahr 1886 errichtet hat. Dessen Witwe Helene, geborene Schulte Hoffstiepel (*1870), hat sich im Jahr 1900 neu verheiratet mit dem Bäckermeister und Gastwirt Wilhelm Julius Höltermann (*1878). Dieses Ehepaar Höltermann hat dann die Wirtschaft mit angeschlossener Bäckerei und Konditorei begründet. Im Jahr 1911 wurde das Haus um einen Anbau erweitert, der zur Vergrößerung des Gesellschaftszimmers und der Errichtung einer Veranda diente, welche einen Ausblick in Richtung Norden weit über die Stadt Bochum hinaus bot. Der zweite Sohn Arthur (*1902) hat nach Beendigung der Schulzeit zunächst einige Jahre im elterlichen Betrieb gearbeitet, von 1922 bis 1925 seine Lehrzeit als Bäcker und Konditor absolviert und später den Meisterbrief erworben. Seit dieser Zeit hat er wegen Krankheit des Vaters den Betrieb nahezu selbständig geführt und ihn im Jahr 1935 -im Alter von 33 Jahren- übernommen. Kurz vorher, im Jahr 1933, hatte er Elfriede, geborene Grünewald (*1910), geheiratet.

Restaurant Höltermann - Rückansicht mit Terrasse, Veranda und Spielwiese

Restaurant Höltermann – Rückansicht mit Terrasse, Veranda und Spielwiese

Das „Café Restaurant Höltermann“ warb auf seinen Postkarten mit dem Slogan „Altbekanntes Ausflugslokal mit schattigem Garten und Spielwiese“. Gebacken wurde überwiegend für den Eigenbedarf des Cafés und Ausflugslokals, nur der bekannte Stiepeler Bauernstuten wurde auch außer Haus verkauft. An Speisen gereicht wurde das seinerzeit übliche „Kaffee mit Zubrot“, dies waren verschiedene Brote mit Schinken und Wurst, die ebenfalls aus eigener Herstellung kamen. Arthur und Elfriede Höltermann haben die Gastwirtschaft bis zum Tode von Arthur im Jahr 1958 geführt, danach wurde sie bis zum Ende der 1960er Jahre verpachtet. Der Sohn Friedhelm Höltermann (*1941) hat die Gastwirtschaft nicht übernommen. Während der Zeit der Verpachtung ist er zunächst als Stewart zur See gefahren und hat danach seine Bundeswehrzeit absolviert. Er hat sich aber nach seiner Hochzeit im Jahr 1964 dazu entschieden, gemeinsam mit seiner Ehefrau Gisela ein Textil- und Gardinengeschäft zu eröffnen, welches von 1971 bis 1981 in den Wirtschaftsräumen und der Veranda betrieben wurde.

Restaurant Höltermann - Gesellschaftszimmer mit Klavier, Ende 1930er Jahre

Restaurant Höltermann – Gesellschaftszimmer mit Klavier, Ende 1930er Jahre

In der eher als Ausflugslokal konzipierten Gastwirtschaft wurde allerlei Unterhaltung geboten. Sonntags gab es im Gesellschaftszimmer Klavierkonzerte, in der Gartenwirtschaft spielte an schönen Sommertagen die Kapelle Teddy Stauber, die Abende hießen dann „Eine Nacht unter Sternen“ oder „Florentinische Nächte“. Auch viele Hochzeiten wurden von den Stiepelern bei Höltermann gefeiert. Und nicht zu vergessen die „Städter“ aus Bochum, die mit der Straßenbahn Linie 5 bis zur Stiepeler Endstelle fuhren, die genau vor Höltermanns Tür lag. Sehr zum Ärger von Arthur Höltermann hieß die Endhaltestelle aber bekanntermaßen „Haus Frische“. Daran änderte auch nichts, dass die Fahrer und Schaffner der Bogestra das Café als Pausen- und Frühstücksraum nutzen durften. Eine von der Bogestra vorgeschlagene Änderung in Frische-Höltermann kam für Arthur Höltermann aber nicht in Frage.

Restaurant Höltermann 1962, mit Drogerie Höltermann (links) und Feinkost Leese (rechts)

Restaurant Höltermann 1962, mit Drogerie Höltermann (links) und Feinkost Leese (rechts)

Das Haus beherbergte neben der Gastwirtschaft und einem Saal in der ersten Etage noch weitere Geschäftsräume. Von 1948 an führte ein Vetter von Arthur Höltermann eine Drogerie. Diese „Drogerie Helmut Höltermann“ wurde zuletzt verpachtet, aber bis 1973 unter diesem Namen weiterbetrieben. Und bevor Friseur Hasenkamp der Familie Höltermann auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein Teil des Grundstücks abkaufte und ein eigenes Haus baute, war er Mieter bei Höltermanns. Die bekanntesten Mieter aber dürften Familie Leese gewesen sein, deren gleichnamiges Feinkost- und Gemüsegeschäft dort von 1955 an 42 Jahre lang geführt wurde. Gegründet wurde das Geschäft mit dem Handel von Obst und Gemüse von Johanna Leese, später übernahm es ihr Sohn Herbert Leese (*1943). Heute sind die Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Hauses an ein Blumengeschäft, ein Reisebüro sowie ein Änderungsatelier vermietet.