Gastwirtschaften

Zur Oven-Krockhaus (Kemnader Straße 112)

Als sich der vom Hof Krockhaus (an der gleichnamigen Straße) stammende Wilhelm zur Oven-Krockhaus (*1840) im Jahr 1873 entschloss, eine Wirtschaft an der heutigen Kemnader Straße 112 zu gründen, geschah dies in einer ereignisreichen Zeit. Nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich 1871 und der Gründung des Deutschen Reichs kam es zunächst zu einem regelrechten wirtschaftlichen Aufschwung, dem aber bald wieder Krisen folgten. Als weiterer Aspekt hatte das zu jener Zeit unter Beteiligung der damaligen Landgemeinde Stiepel startende Landkreis-übergreifende „Project eines Chausseebaus von Steinenhaus über Stiepel und Wiemelhausen nach Bochum“, der Ausbau der heutigen Kemnader Straße als überörtliche Hauptstraße, im Jahr 1872 gerade erst begonnen. Die Straße war bis dahin nur ein unbefestigter Verbindungsweg von Haus Kemnade in Richtung Weitmar. Sich zu jener Zeit also an dieser Stelle niederzulassen war Risiko und Chance zugleich. Fertiggestellt wurde die neue Chaussee erst im Jahr 1892.

Gastwirtschaft von Wilhelm zur Oven-Krockhaus
Gastwirtschaft von Wilhelm zur Oven-Krockhaus

Als Beruf lässt sich für Wilhelm zur Oven-Krockhaus nur der des Wirts nachweisen, was für jene Zeit eher unüblich wäre. Die meisten Gastwirte hatten seinerzeit einen handwerklichen Beruf und betrieben das Wirtschafts-Gewerbe nur nebenbei. Nach Übernahme des Hauses und der Gastwirtschafts-Konzession im Jahr 1897 durch den Sohn ändert sich das: Wilhelm zur Oven-Krockhaus junior (*1865) ist Bäckermeister und Wirt. Der Enkel Paul zur Oven-Krockhaus (*1903) betreibt die Gastwirtschaft nur nebenbei, nach der Rückkehr aus dem 2. Weltkrieg arbeitet er auf der Hattinger Henrichshütte. Das Haus hat um 1900 im Erdgeschoss neben dem Gastwirtschaftsraum ein Ladenlokal, ein Backhaus-Anbau sowie einen Stall-Anbau in der Größe von 14 x 8 Meter, laut Steuerliste für „1 Pferd, 1 Kuh und 8 Schweine“. Im Jahr 1930 wird der Stall umgebaut in weitere Gesellschaftszimmer, im Jahr 1938 wird auf den Schuppen verzichtet, der bis dahin Pferd und Wagen beherbergte, und in eine Kraftwagen-Garage umgebaut. Dieser Umbau ist -wie bei anderen Handwerkern zu jener Zeit auch- als Indiz zu werten, dass das Geschäft florierte und eine Möglichkeit gesucht wurde, das gebackene Brot im weiteren Umfeld zum Verkauf zu transportieren.

Skizze zur Konzession 1897 Foto: Stadtarchiv Bochum
Skizze zur Konzession 1897. Quelle: Stadtarchiv Bochum

Die Gastwirtschaft an der Kemnader Straße wurde durch Familie zur Oven-Krockhaus der Überlieferung nach bis Ende der 1950er Jahre betrieben. Von dort stammen übrigens auch die Betreiber der gleichnamigen ehemaligen Bochumer Fahrschule. Im Jahr 1978 wurde das Haus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Die Luftaufnahme stammt aus dem Jahr 1963. Denn da fuhr zum einem bis zur Stilllegung der Strecke im November 1963 noch die zu erkennende Straßenbahn der Linie 5/15. Zum anderen begannen im Jahr 1963 die auf dem Foto ebenfalls sichtbaren Bauarbeiten des Kindergartens „Im Haarmannsbusch“.

Luftbild 1963: Das Haus zur Oven-Krockhaus ist rot eingekreist. Foto: Bildarchiv Stadt Bochum
Luftbild 1963: Das Haus zur Oven-Krockhaus ist rot eingekreist. Quelle: Bildarchiv Stadt Bochum

Freese (Hellmich – Espey, Voßkuhlstraße 3)

Wie bei vielen unserer Recherchen ist das genaue Baujahr dieses Hauses bzw. das Gründungsjahr der Wirtschaft heute nicht mehr zu ermitteln, bekannt ist aber, dass im Jahr 1869 der Theaterverein Preziosa dort gegründet wurde. Gemeint ist die Wirtschaft an der heutigen Voßkuhlstraße 3, seinerzeit erbaut von Maschinenmeister Ludwig Hellmich (*1832), der als Nebenerwerb die besagte Wirtschaft betrieb. Im Juli 1898 ging die Konzession auf seinen Sohn Heinrich Hellmich (*1875) über. Dessen Zeit währte aber nicht lange, im Jahr 1905 wurde das Haus für 22.000 Mark verkauft an den Schreiner Wilhelm Freese (1882 – 1922). Fortan hatte dieser zwei berufliche Standbeine, die Schankwirtschaft und die Schreinerei. Auf der um 1930 entstandenen Postkarte ist als separates Gebäude rechts neben der Gastwirtschaft ein Saalanbau zu erahnen. Hinter dem Saal war ein weiterer Schuppen als Werkstatt und Holzlager angebaut. Der markante Dachausbau über der Eingangstür mit einem zusätzlichen Zimmer für die Familie entstand im Jahr 1907.

Restauration zur frischen Quelle, Postkarte ca. 1930

Restauration zur frischen Quelle, Postkarte ca. 1930

Ab dem Januar 1915 musste Wilhelm Freese am 1. Weltkrieg teilnehmen, er galt zwischendurch als vermisst und verwundet, geriet in Gefangenschaft, kehrte erst nach dem Ende des Krieges zurück und starb im Jahr 1922. Da seine Witwe später eine sogenannte Kriegerwitwenrente erhielt, kann unterstellt werden, dass sein Tod die Folge einer Kriegsverletzung war. Die Gastwirtschaft wurde dann unter der Bezeichnung „Witwe Wilhelm Freese“ durch Alma Freese, geb. Meier (1887 – 1967) fortgeführt. Zur Schankwirtschaft gehörte neben dem Saal noch eine Gartenwirtschaft. Der Grundriss aus dem Jahr 1928, der im Zusammenhang mit der Vergrößerung der Gaststube entstand, zeigt die Hausaufteilung, am unteren Ende ist der Saal zu erkennen.

Grundriss 1928

Grundriss 1928

Ab Anfang der 1930er Jahre wurde der Wirtschaftsbetrieb verpachtet, Alma Freese zog aus dem Haus aus. Letzter bekannter Wirt war Julius Espey („Jule inne Voßkuhle“). Die Wirtschaft wurde im Jahr 1948 geschlossen, das Haus im Jahr 1967 durch Familie Freese an die damaligen Mieter verkauft. Erwähnenswert ist der damalige Ausbauzustand der Straße. In einem Rechtsstreit aus dem Jahr 1906, in dem von der „Straße vom Surkenweg nach der Voßkuhle“ gesprochen wird, war die Belieferung der Gastwirtschaft Auslöser einer Auseinandersetzung. Es streiten sich die Anwohner mit der Gemeinde Stiepel über den Zustand der eher als Feldweg zu beschreibenden Straße und deren Instandsetzung. In einem Zeitungsbericht aus dem „Volksblatt“ vom 10. Januar 1906 ist zu lesen: „Wie schlecht es mit den Wegeverhältnissen hier ist, zeigt folgender Vorfall: Am 5. ds. Mts. versuchte ein Bierfuhrwerk über die Voßkuhle zu fahren. Der Weg war aber infolge des Regens so durchweicht, daß der Wagen tief im Morast stecken blieb, sodaß er ohne fremde Hilfe sich nicht frei machen konnte…“. Dazu muss man wissen, dass die Voßkuhlstraße bis 1928 ein Privatweg über die Grundstücke sämtlicher Anlieger war. Erst kurz vor der Eingemeindung nach Bochum hat der Wegeausschuss der Gemeinde Stiepel die Übernahme in die sogenannte Gemeindeunterhaltungspflicht beschlossen.

Volksblatt Januar 1906: Bierfuhrwerk an der Voßkuhle

Volksblatt Januar 1906: Bierfuhrwerk an der Voßkuhle

Zum Wilhelmstein (Gräfin-Imma-Straße 212)

Vielen Stiepelern ist die Wirtschaft „Zum Wilhelmstein“ besser bekannt unter dem Namen der langjährigen Betreiberfamilie Bock. Das Baujahr des Hauses und damit der Beginn der von vornherein vorgesehenen Nutzung als Gastwirtschaft sind anhand von Metallziffern am Gebäude ablesbar: 1864. Das denkmalgeschützte imposante Haus aus Ruhrsandstein unmittelbar gegenüber der Dorfkirche wird im Zeitraum 2020/2021 kernsaniert. Die Eigentümer haben sich schweren Herzens dazu entschieden, auf die Nutzung des Erdgeschosses als Gastwirtschaft zukünftig zu verzichten. Somit endet im Jahr 2020, nach 156 Jahren, die Geschichte des „Wilhelmstein“. Begonnen hat sie mit der Familie Sondermann, die vor 1730 nach Stiepel zugewandert ist und an der Ruhr einen kleinen Bauernhof und eine Brennerei betrieb. Da lag es wohl nahe, eine Gastwirtschaft zu gründen. Unter der Adresse der Gastwirtschaft lassen sich insgesamt drei Generationen Sondermann nachweisen, die Männer trugen allesamt denselben Vornamen: Heinrich (*1831 / *1853 / *1885). Welcher von diesen Heinrichs jeweils der Wirt war, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Neben den Gasträumen und einem Ladenlokal im Erdgeschoss war in der ersten Etage ein Saal samt Bühne untergebracht. Bei der Sanierung des Hauses ist sehr schön die selbsttragende Dachkonstruktion zu erkennen, die es ermöglichte, rund zwei Drittel der ersten Etage ohne Stützen oder Wände als Saal zu nutzen.

Panoramabild 1953: Dorfkirche / Zum Wilhelmstein (Foto Bildarchiv Stadt Bochum)

Panoramabild 1953: Dorfkirche / Zum Wilhelmstein (Foto: Bildarchiv Stadt Bochum)

Wie lange das Haus im Besitz der Familie Sondermann war, lässt sich heute ebenfalls nicht mehr nachvollziehen, aber spätestens ab Beginn der 1920er Jahre wird Karl Wallbruch (*1883) dort als Wirt geführt. Die Familie Wallbruch änderte durch einen Umbau im Jahr 1931 die Nutzung der beiden Etagen. Im Erdgeschoss wurde auf das Ladenlokal verzichtet, dafür wurden drei sogenannte Vereinszimmer eingerichtet. Im Obergeschoss wurde der Saal in Wohnraum umgewandelt, es gab dort nach dem Umbau neun Zimmer plus ein Badezimmer. Die Tochter der Eheleute Karl und Mathilde Wallbruch, Hilde (*1919) heiratete Helmut Bock, fortan etablierte sich dieser neue Familienname für die Gastwirtschaft. Es ist überliefert, dass unter der Regie der Familie Bock die Gastwirtschaft in „Zum Wilhelmstein“ benannt wurde. Der Sohn Eckhart Bock führte den Betrieb weiter, bis das Haus im Januar 1989 versteigert werden musste. In der Folge kam es zu weiteren Eigentümerwechseln, am bekanntesten dürfte die Stiepeler Familie Berghüser gewesen sein, die von 1994 bis 2009 Eigentümer war und die Gastwirtschaft unter dem etablierten Namen auch selbst betrieben hat. Unter dem aktuellen Eigentümer kam es seit 2009 zu mehreren Pächterwechseln. Letztendlich hat es keiner der Pächter geschafft, sich mit verändertem Konzept oder unter anderem Namen zu etablieren. Dies war bei der Sanierung auch mitentscheidend, das Erdgeschoss künftig nicht weiter als Restauration zu nutzen. Auf dem historischen Foto aus dem Jahr 1953 ist im Vordergrund eine Wohnbaracke zu sehen, die wahrscheinlich zu Beginn der 1920er Jahre errichtet und bis in die 1950er Jahre noch in Form von Behelfswohnräumen genutzt wurde. Die Bochumer WAZ hat  -nachdem wir auf unserer Homepage sowie im Stiepeler Boten darüber berichtet haben-  den Umbau des Gebäudes aufgegriffen und in der Rubrik “Unsere Stadtteile” über den Fortgang der Baumaßnahmen informiert:

WAZ vom 25.02.2021

WAZ vom 25.02.2021

Stiepeler Krug (von Hagen, Kemnader Straße 43)

Der Familienname „von Hagen“ ist seit über 230 Jahren in Stiepel etabliert. Unter den Gastwirtschaften gab es zwei mit diesem Namen, zusammen mit „Becker“, „Behrenbeck“, „Wengeler“ und „Schreier“, die als Gastwirtfamilien ebenfalls zweimal vertreten waren, wurden diese in der Stiepeler Historie nur von „Hasenkamp“ und „Haarmann“ übertroffen (drei- bzw. viermal). Der erste in Stiepel geborene von Hagen war Diederich (1789 – 1859), seine Eltern sind aus dem heutigen Wuppertal zugewandert. Er erwirbt das in der sog. Markenteilung von 1786 dem Hof Schulte Kortwig (Brockhauser Straße) zugeordnete Waldstück östlich der heutigen Kemnader Straße / rund um die Sandfuhrstraße. Wann genau es verkauft und urbar gemacht wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, zumindest sind im Stiepeler Flurbuch des Jahres 1824 knapp 15 Preußische Morgen, also fast 38.000 m² als Acker-, Weide- und Hoffläche auf seinen Namen eingetragen. Das ursprüngliche kleine Hofgebäude ist heute noch als Haus Kemnader Straße 43 erhalten, es liegt unmittelbar an der Ecke Kemnader-/Sandfuhrstraße. Zu erkennen ist es an der direkt vorgebauten ehemaligen kleinen Tankstelle, die heute von einem Autohändler genutzt wird. Auf dem Kartenausschnitt sind zu erkennen: Hauptstraße (Kemnader Straße), Hertastraße (Krockhausstraße) und Hagenstraße (Sandfuhrstraße). Rot eingekreist ist das beschriebene Stammhaus der Familie.

Kartenausschnitt 1909 der heutigen Kemnader-/Krockhaus-/Sandfuhrstraße

Kartenausschnitt 1909 der heutigen Kemnader-/Krockhaus-/Sandfuhrstraße

Diederich von Hagen war Bergmann von Beruf, der recht große Kotten wurde „nur“ nebenbei bewirtschaftet. Genauso setzten es sein Sohn Wilhelm (*1831) und sein Enkel Wilhelm (*1856) fort. Erst in der vierten Generation änderte sich mit Heinrich von Hagen (*1910) der ausgeübte Beruf. Durch Erbteilung und Verkäufe verkleinerte sich der Kotten, Heinrich verdiente seinen Lebensunterhalt daher als Viehhändler, nach dem 2. Weltkrieg zusätzlich als Obsthändler. Im Jahr 1961 begründete er ein neues berufliches Standbein, indem er ein Gebäude für eine Gastwirtschaft, den „Stiepeler Krug“, errichtete.

Postkarte "Stiepeler Krug" 1960er Jahre

Postkarte “Stiepeler Krug” 1960er Jahre

Unmittelbar neben seinem Kotten an der Kemnader Straße betrieb er zusammen mit seiner Frau Else, geb. Stracke (*1910) die Gastwirtschaft samt Hotel -mit 11 Zimmern- bis zu seinem Tod 1973. Else von Hagen betrieb im alten Haus nebenbei ein kleines Lebensmittel­geschäft. Die Gastwirtschaft wurde von deren Tochter Elsa von Hagen (*1935) wiederum bis zu ihrem Tod im Jahr 1987 fortgeführt, seitdem ist das Gebäude im Wesentlichen ungenutzt. Nur im Keller wird ein Schießstand regelmäßig von einer Kompanie des Weitmarer Schützenvereins genutzt. Zwischendurch gab es Versuche, eine neue Gastwirtschaft anzusiedeln, diese blieben aber erfolglos.

Blick auf den alten Hof (links) und die geschlossene Gastwirtschaft, Stand April 2020

Blick auf den alten Hof (links) und die geschlossene Gastwirtschaft, Stand April 2020

Wie eingangs erwähnt, gab es in Stiepel zwei Gastwirtschaften mit dem Familiennamen von Hagen. Neben dem oben erwähnten Heinrich von Hagen und seinem „Stiepeler Krug“ (ab 1961) gab es 100 Meter weiter südlich etwa ab 1919 die „Schenkwirtschaft Heinrich von Hagen“ (*1877), über diesen Link geht es direkt zur Wirtschaft des zweiten (älteren) Heinrich von Hagen.

Rumberg (Kemnader Straße 319)

„Op dä Höchte“, auf der Höhe in Stiepel gab es mit Haus Frische und der Wirtschaft Rumberg gleich zwei Stiepeler gesellschaftliche Zentren in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Wirtschaft von Ludwig Rumberg (*1857) und seiner Ehefrau Alwine, geborene Frische (*1858), erbaut um 1890 an der Ecke Kemnader-/Surkenstraße, war insbesondere aufgrund des großen Saales eine Art Veranstaltungszentrum und ein Stiepeler Mittelpunkt. Zu dem im Jahr 1896 angebauten Saal gehörte eine Bühne, so dass die in der Wirtschaft beheimateten Vereine viele Feste, Aufführungen oder Bälle veranstalteten. Aber auch für das damalige Stiepel eher ungewöhnliche Veranstaltungen, wie zum Beispiel ein Auftritt des „Hofzauberkünstler Kleppini“, wurden von den Rumbergs organisiert. Immerhin war der Saal mit 600 Stühlen ausgestattet. Nach dem Tode von Ludwig Rumberg im Jahr 1909 führte zunächst seine Witwe den Betrieb einige Jahre weiter, dann übernahm eines der fünf Kinder, der Sohn Emil Rumberg (*1892) zusammen mit seiner Ehefrau Gertrud, geborene Vorkötter (*1897) die Gastwirtschaft. Ab 1919 stritt Emil Rumberg gerne mit der Gemeinde Stiepel, wenn es um die Höhe der von ihm zu zahlenden sogenannten Lustbarkeitssteuer für Filmvorführungen ging. Einem Protokoll der Stiepeler Gemeindevertretung können wir entnehmen, dass er ab dem 1.4.1919 ein „ … Kinotheater eingerichtet hat, welches er an jedem Sonntag in Betrieb zu setzen beabsichtigt.“ Somit war im Rumberg’schen Saal das erste Stiepeler Kino untergebracht, lange vor dem im Saal von Haus Frische beheimateten „Alhambra“. Vermutlich betrieb Emil Rumberg auch die erste öffentliche Tankstelle in Stiepel, es existiert zumindest ein Foto aus dem Jahr 1936 mit einer Zapfsäule vor dem Haus unmittelbar an der Kemnader Straße.

Wirtschaft Rumberg in den 1950er Jahren

Wirtschaft Rumberg in den 1950er Jahren

Emil und Gertrud Rumberg führten die Gastwirtschaft bis zu Emils Tod im Jahr 1955. Dann wurde der Betrieb von der dritten Rumberg-Generation fortgesetzt, und zwar von der Tochter Margarete (*1923), verheiratet mit Günter Wieg (*1924). Sein vor dem Einsatz im 2. Weltkrieg begonnenes Kunststudium setzte er nach Kriegsende nicht fort. Vielmehr musste er sein Geld zunächst auf der Zeche Constantin verdienen, ab 1955 stieg er als Wirt mit in den Betrieb ein. Im Haus war auch eine der Stiepeler Poststellen untergebracht, die bereits in den 1940er Jahren von Margarete betrieben wurde. Unter dem Saal, mit Eingang von der Surkenstraße, befand sich übrigens ein Haushaltswarengeschäft, das die älteren Stiepeler noch mit dem Namen Kestermann verbinden.

Blick von der Surkenstraße 1944, mit Haushaltswarengeschäft Kestermann

Blick von der Surkenstraße 1944, mit Haushaltswarengeschäft Kestermann

Zum Grundstück gehörte eine Obstwiese auf der gegenüber liegenden Seite der Kemnader Straße / Ecke Steilstraße, diese wurde auch als Gartenwirtschaft genutzt. Im Jahr 1959 erwarb die Sparkasse Bochum das Grundstück und errichtete dort eine Zweigstelle für den Ortsteil Stiepel. Eingeplant wurde auch ein Geschäftslokal, in dem die Eheleute Wieg das erste Stiepeler Lottogeschäft betrieben sowie Tabakwaren und Zeitschriften verkauften. Bis 1964 betrieb das Ehepaar Wieg die Wirtschaft und das Tabakwaren-/Lottogeschäft parallel, dann wurde die Wirtschaft an die Schlegel-Brauerei verpachtet, die bis Ende der 1970er Jahre den Betrieb an unterschiedliche Wirte vergab. Die Wiegs konzentrierten sich fortan auf den Betrieb ihres Geschäftes. Im Jahr 1981 setzten sie sich zur Ruhe und übergaben es an die langjährige Angestellte Brigitte Stracke.

Eröffnung Tabakwaren-/Lottogeschäft 1959

Eröffnung Tabakwaren-/Lottogeschäft 1959

Das Haus Rumberg erfuhr 1979/80 einen grundlegenden Umbau, nachdem der Betrieb der Gastwirtschaft eingestellt wurde. Der alte (Holz-)Saal wurde abgerissen und für die Vermietung als Supermarkt in Betonbauweise neu errichtet, seinerzeit an Coop als erster Mieter. Das eigentliche Haus wurde kernsaniert, in der ersten Etage ließ sich der Zahnarzt Lehmann nieder, in das Dachgeschoss zog der bekannte Bochumer Architekt Karl-Friedrich Gehse ein, welcher den Umbau auch geplant hatte. Die beschriebene Neueröffnung des Geschäftshauses erfolgte im Dezember 1980.

Eröffnung des neuen Geschäftshauses 1980

Eröffnung des neuen Geschäftshauses 1980

Zum Altdeutschen (Meier-Bäumer, Brockhauser Straße 14)

Das Haus mit Gastwirtschaft im historischen Stiepeler Ortskern an der heutigen Brockhauser Straße 14 wurde im Jahr 1868 durch den Schiffsbauer Friedrich-Wilhelm Sondermann (1842 – 1889) und seiner Frau Lisette Alwine (1842 – 1905), geborene Kamplade errichtet. Weil der Junggesellenverein „Altdeutsch“ dort gegründet wurde, hatte sich der Name „Zum Altdeutschen“ etabliert. Nach dem Tod von Sondermann im Jahr 1889 wurde die Wirtschaft zunächst von seiner Witwe fortgeführt, und zwar solange, bis die Tochter Friederike Mathilde Sondermann (1869 – 1943) den Bäckermeister Wilhelm Diedrich Meier (1866 – 1901) aus Lütgendortmund heiratete und die Konzession für den Betrieb einer Schankwirtschaft im Juni 1899 auf ihn übertragen wurde. Die beiden hatten sieben Kinder, als Wilhelm Meier bereits im Jahr 1901 starb.

Ansicht der Brockhauser Straße 1966

Ansicht der Brockhauser Straße 1966

Die Witwe Sondermann/Meier heiratete daraufhin im Jahr 1903 in zweiter Ehe den genau gegenüber wohnenden Landwirt Georg Voskuhl. Fortan wurde die Wirtschaft unter dem Namen „Restaurant Zum Altdeutschen von Georg Voskuhl“ als Nebenerwerb weitergeführt. Das Haus blieb aber nicht im Besitz von Georg Voskuhl, vielmehr gingen das Gebäude und der Betrieb der Gastwirtschaft im Jahr 1925 auf einen Sohn aus erster Ehe, Wilhelm Meier jun. (1890 – 1958) und seine Ehefrau Hedwig, geb. Voskuhl (1891 – 1930) über. Eine Schwester von Wilhelm Meier jun., Alma Anna Meier (1887 – 1967) heiratete übrigens im Jahr 1914 Wilhelm Freese, den Schreiner und Gastwirt aus der Voßkuhlstraße. Nach dem Tode seiner Frau Hedwig im Jahr 1930 ging Wilhelm Meier jun. 1931 eine zweite Ehe ein. Mit Adele, geb. Fernholz, betrieb er die Wirtschaft bis zu seinem Tod im Jahr 1958. Dann übernahm die Tochter Ilse Meier (1926 – 2006) gemeinsam mit ihrem Ehemann Kurt Bäumer (1928 – 2002) den Betrieb. Seitdem war der Betrieb nur unter dem Namen Meier-Bäumer geläufig. Zusätzlich zur Gastwirtschaft war bis in die 1960er Jahre im Obergeschoss ein Saal untergebracht, im Erdgeschoss war ab Mitte der 1930er Jahre eine Poststelle untergebracht, die zuletzt (bis 1965) von Ilse Bäumer geleitet wurde.

Postkarte Meier-Bäumer 1960er Jahre

Postkarte Meier-Bäumer 1960er Jahre

Nachdem die Gastwirtschaft über vier Generationen von derselben Familie betrieben wurde, wurde sie ab 1992 verpachtet. Ca. 2006/2007 wurde der Betrieb eingestellt, im Jahr 2008 erfolgte ein Umbau der Wirtschaft und der ehemaligen Poststelle zur Wohnung, ein Anbau wurde abgerissen.

Postkarte um 1940

Postkarte um 1940

Becker links (Unter den Linden, Kemnader Straße 251)

Das Haus an der heutigen Kemnader Straße 251 (an der Bushaltestelle Gräfin-Imma-Straße in Richtung Stadt) ist mit zwei Dingen untrennbar verbunden: zum einen ist die historische Unterscheidung von zwei gegenüber wohnenden Brüdern in „Becker links“ und „Becker rechts“ bis heute geläufig, zum anderen steht das Haus für die Geschichte der ersten katholischen Schule in Stiepel. Erbaut wurde das Haus im Jahr 1863 von Heinrich Bernhard Becker (*1830) und seiner Ehefrau Wilhelmine, geb. Stollmann (*1837). Zu jener Zeit war die Stiepeler Bevölkerung nahezu ausschließlich evangelisch, die katholische Minderheit wurde betreut von der Kirchengemeinde Blankenstein. Beim Bau des Hauses wurde in der ersten Etage neben einem kleinen Saal, der zur Gastwirtschaft gehörte, ein weiterer als „Schulsaal“ bezeichneter Raum vorgesehen. Im Oktober 1866 nahm dort die aus Blankenstein betreute katholische Schule ihren Unterricht mit immerhin 42 Kindern auf. Darüber hinaus wurde im Haus eine Wohnung für den Lehrer angemietet. Allerdings schien die Kombination von Schule und Gastwirtschaft in ein und demselben Gebäude nicht die Zustimmung aller zu finden. In einer Kirchenzeitschrift des Jahres 1872 wird erläutert, warum über den Bau eines eigenen Schulgebäudes nachgedacht wird: „ … die in letzterer Zeit in diesem Hause betriebene Schenkwirthschaft Vorkommnisse und Eventualitäten gar unerquicklicher Natur hervorgerufen hat, so daß die Beschaffung eines anderweitigen Schullocals im Interesse der guten Sache unumgänglich nothwendig erscheint.“ Bereits 1869 wurde durch die katholische Kirchengemeinde Blankenstein ein anderes Grundstück an der heutigen Kemnader Straße 248 gekauft, ab Oktober 1872 wechselt die katholische Schule dorthin. Allerdings nur für drei Jahre, dann wird die Schule wieder geschlossen, die mittlerweile 49 katholischen Kinder werden auf die übrigen evangelischen Schulen in Stiepel und die katholischen Schulen in Blankenstein und Wiemelhausen verteilt.

Postkarte der Gastwirtschaft von Witwe Ewald Becker, 1920er Jahre

Postkarte der Gastwirtschaft von Witwe Ewald Becker, 1920er Jahre

Die bereits genannten Erbauer des Hauses, die Eheleute Heinrich Bernhard und Wilhelmine Becker, waren die ersten Wirte der Gastwirtschaft „Unter den Linden“. Ungewöhnlich war zu jener Zeit, dass Heinrich Bernhard Becker nur mit dem Beruf „Wirt“ als Haupterwerb nachzuweisen ist. Denn überwiegend wurden Gastwirtschaften als Nebenerwerb betrieben. Er verstarb im Jahr 1895, ein Jahr zuvor wurde die Konzession auf seinen Sohn Heinrich Becker junior übertragen. Dieser wiederum hatte den für die meisten Stiepeler Männer zu jener Zeit üblichen Beruf des Bergmanns. Das ursprünglich rund 13.500 m² große Grundstück lag zu beiden Seiten der Kemnader Straße. Bereits zu Lebzeiten des Seniors wurde es unter zwei Söhnen (von insgesamt 12 Kindern) aufgeteilt. Heinrich junior (*1856), der die Wirtschaft 1894 übernahm, bekam das Haus mit dem größeren Teil des Grundstücks, der jüngere Bruder Gustav (*1857) einen kleineren Teil südlich der Kemnader Straße, auf dem er ein neues Haus errichtete, heute das Haus Kemnader Straße 258. Im Volksmund haben sich zur Unterscheidung der beiden Brüder bzw. der beiden Häuser die Bezeichnungen „Becker links“ für die Wirtschaft und „Becker rechts“ für das neue Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite etabliert. Im Jahr 1890 inspiziert der damalige Ortsvorsteher Sondermann im Zusammenhang mit dem Übergang der Konzession auf Heinrich Becker junior die Wirtschaft und hält unter anderem fest: „ … das Haus bekleidet einen Namen Beckerlings …“. Den Rechtschreibfehler im Wort „links“ geben wir wie im Originaltext wieder. Offensichtlich gab es keinen eigenen Namen für die Gastwirtschaft, wenn der Gemeindevorsteher einen solchen mit keinem Wort erwähnt, sondern die offensichtlich bereits etablierte Bezeichnung „Becker links“ verwendet.

Zitat des Ortsvorstehers Sondermann 1890

Zitat des Ortsvorstehers Sondermann 1890

In dritter Generation übernahm Ewald Becker (*1883) die Gastwirtschaft. Das genaue Jahr lässt sich nicht mehr ermitteln, bekannt ist aber, dass er als Haupterwerb das Bäckerhandwerk ausübte und im Jahr 1906 im Keller eine Backstube samt Backofen errichtete. Eine Gartenwirtschaft, deren Fläche auch heute noch rechts vom Haus zu erkennen ist, gehörte mit dazu. Als Pionier fiel Ewald Becker im Januar 1917 im 1. Weltkrieg, beigesetzt wurde er fernab der Heimat auf dem Garnisonsfriedhof Berlin. Fortan wurden Gastwirtschaft und Bäckerei von seiner Frau Klara, geborene Kogelheide (*1883) unter der Bezeichnung „Witwe Ewald Becker“ fortgeführt. Im Jahr 1936 wurde die Gastwirtschaft verkleinert, der Saal im Obergeschoss wurde in eine Wohnung umgebaut. In der Zeit des Nationalsozialismus war das Büro des NSDAP-Ortsgruppenleiters im Haus untergebracht. Überliefert ist, dass im Erdgeschoss in der linken Hälfte das Parteibüro war, in der rechten Hälfte die Gastwirtschaft.

„Becker links“ mit Straßenbahn (Linie 5/15), 1950er Jahre

„Becker links“ mit Straßenbahn (Linie 5/15), 1950er Jahre

In vierter Generation hat Else Becker (*1911), verheiratet mit dem Knappschaftsbeamten Hugo Stollmann (*1899), die Wirtschaft bis Ende der 1950er Jahre fortgeführt. Dann wurde die Wirtschaft in eine Wohnung umgebaut, in der später wiederum eine Arztpraxis eingerichtet wurde. Else Stollmann hat jedoch weiterhin in einem kleinen Raum im Erdgeschoss ihre alte „Stammkundschaft“ durch den Verkauf von Flaschenbier weiter bewirtet.

Eickmeier / Hohensee (Hülsbergstraße 66)

Viele der alten Stiepeler Wirtschaften wurden gegründet in den 1870er Jahren in einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich und der Gründung des Deutschen Reiches. Nur wenige gab es vor dieser Zeit, so wie die hier vorgestellte „Gast- und Schankwirtschat Eickmeier“. Wahrscheinlich wurde sie bereits vor 1860 an der heutigen Adresse Hülsbergstraße 68 von Friedrich Eickmeier und seiner Frau Louisa errichtet. Das Haus selber existiert heute nicht mehr, es gibt aber aus einem späteren Konzessionsantrag die gezeigte Skizze.

Skizze des ersten Hauses Eickmeier, um 1860

Skizze des ersten Hauses Eickmeier, um 1860

Im Jahr 1895 übernimmt der Sohn Friedrich Wilhelm Eickmeier (*1861) die Gastwirtschaft offiziell, aus dessen umfangreichen Konzessionsantrag geht viel über sein Leben und seine Visionen einer zukünftigen Gebäudenutzung hervor. So erfahren wir, dass er, bedingt durch eine schwere Krankheit des Vaters, ab seinem 13. Lebensjahr den Betrieb der Wirtschaft zunächst zusammen mit seiner Mutter, später dann alleine stemmen musste. Die Konzession wird letztendlich im Jahr 1895 nach einigen Auseinandersetzungen mit dem Kreis Hattingen auf ihn übertragen. Die Konzession für das erste (alte) Haus sollte zunächst nicht verlängert werden, dann entschloss er sich im Jahr 1895 zum Neubau eines Geschäftshauses auf dem vorhandenen Grundstück, heute die Adresse Hülsbergstraße 66. Das neue Haus, so beschreibt es Friedrich Wilhelm Eickmeier in seinem Konzessionsantrag, ist ein Geschäftshaus, das den gesundheitlichen und polizeilichen Anforderungen entspricht und sich „ … mit jedem Geschäftshause des Kreises Hattingen messen kann.“ Für das damals von Landwirtschaft und Bergbau geprägte Stiepel war es tatsächlich ein außergewöhnliches Haus. Es sollte nicht nur eine sogenannte Schankwirtschaft sein, sondern bot, neben einem Ladenlokal, im Obergeschoss drei „Logiszimmer“, gedacht für die Übernachtung von durchreisenden Geschäftsleuten und erholungsbedürftigen Städtern aus Bochum.

Foto des zweiten Hauses Eickmeier, nach 1900

Foto des zweiten Hauses Eickmeier, nach 1900

Die in unmittelbarer Nähe vorbeiführende, 1892 fertiggestellte „Chaussee von Weitmar nach Steinenhaus“, die heutige Kemnader Straße, sollte das Publikum heranleiten. Seine Vision war, mit einer solchen Schank- und Gastwirtschaft Stiepel zu einem Ausflugsort zu machen „ … für solche Menschen denen es nicht möglich ist immer reine Gebirgsluft zu atmen.“ Er führt weiter aus: „Mit Sommerlokalen ist zwar das Kohlenrevier reichlich genug versehen aber die meisten liegen so zwischen Fabriken und Zechen, daß von gesunden Anlagen nicht die Rede sein kann.“ Friedrich Wilhelm Eickmeier ließ einen Teil des Grundstücks als Ziergarten anlegen, was auf einer kurz nach 1900 erstellten Karte deutlich zu erkennen ist. Um dies zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass das Bild der damaligen Industriestadt Bochum dominiert wurde vom Ruß und Rauch von Berg- und Stahlwerken, Kokereien, usw. Die an der Ruhr gelegene damalige Landgemeinde Stiepel diente den Bochumern unter diesem Aspekt als Naherholungsgebiet.

Gartenanlage an der Hülsbergstraße nach 1900

Gartenanlage an der Hülsbergstraße nach 1900

Die neu errichtete Wirtschaft bestand unter dem Namen Eickmeier nur wenige Jahre. Näheres ist heute nicht mehr bekannt, Tatsache ist aber, dass kurz nach 1900 der Eigentümer wechselte. Fortan war Johann Hohensee der neue Wirt. Aus dieser Zeit stammt das einzige bekannte historische Foto des Hauses mit der versammelten Familie Hohensee. Johann Hohensee starb im Jahr 1918, über die Fortführung der Gastwirtschaft und des Lebensmittelladens ist nichts bekannt.

Nettelbeck (Am Varenholt 96)

Mit einem Alter von 149 Jahren (Stand: 2024) ist das Haus Nettelbeck heute die älteste ohne Unterbrechung bestehende und von derselben Familie betriebene Gastwirtschaft Stiepels und wohl auch Bochums. Als sich Georg Heinrich Nettelbeck 1875 dazu entschied, seinen Bergmannsberuf aufzugeben, um künftig als Wirt, Kaufmann und Bäcker zu arbeiten, war dies ein Wagnis, aber auch eine Chance. Nach der Gründung des Deutschen Reiches Anfang 1871 hatte eine rasante wirtschaftliche Entwicklung eingesetzt. Im Überschwang nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich und gestützt auf französische Reparationszahlungen kam es zu einem ungeahnten Aufschwung. Im Ruhrgebiet wurden zahlreiche Zechen und Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie gegründet. Überall herrschte Arbeitskräftemangel und es folgte eine starke Einwanderungswelle in das junge Industriegebiet. Bochum Einwohnerzahl wuchs innerhalb von nur vier Jahren um rund ein Drittel von 21.200 auf 28.400. Auf den Boom folgte jedoch schon bald die Krise. Unseriöse Finanzierungsmodelle, Börsenspekulationen und zu hohe Produktionskapazitäten ließen ab 1873 zahlreiche Unternehmen zusammenbrechen. Massenentlassungen, Lohnsenkungen und ein allgemeiner Preisverfall erschütterten das Ruhrgebiet.

Haus Nettelbeck, 1920er Jahre

Haus Nettelbeck, 1920er Jahre

Die Motive Nettelbecks zum Start eines neuen Berufslebens sind unbekannt, doch scheint dieser Schritt wohlüberlegt gewesen zu sein. Als Standort seines Geschäftes wählte der aus einer alteingesessenen Stiepeler Familie stammende Brockhausen und damit einen Ort, in dem seinerzeit ein solches fehlte. Ähnliches galt für das nahegelegene Sundern. Auch wenn die Stiepeler bereits zu dieser Zeit neben der Landwirtschaft vor allem im Bergbau arbeiteten, waren die Entwicklungen der 1870er Jahre hier nur vermindert spürbar. Rund 3600 Einwohner im Ortsteil verhießen eine stabile Nachfrage, und diese war notwendig, um die hohen Anfangsinvestitionen zu decken. Immerhin zahlte Nettelbeck für das Grundstück 415 Taler bzw. 1250 Mark. Dies entsprach etwa dem Bergmannslohn von 16 Monaten. Und außerdem musste er eine unbekannte Summe für Bau und Einrichtung eines Hauses aufbringen. Dementsprechend zahlte er den Kaufpreis auch nicht sofort, sondern vereinbarte eine ratenweise Tilgung. Das Grundstück stammte aus dem Besitz der Witwe Maria Catharina Brüggenei, genannt Henke, und lag verkehrsgünstig an beiden Seiten des Weges in Richtung Ruhrbrücke nach Hattingen, versprach also zahlreiche Kundschaft. Mit einer Größe von rund 7.500 Quadratmetern erlaubte es zudem noch eine gewisse landwirtschaftliche Tätigkeit. Gemahlen wurde das Getreide bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der immer noch nach dem Namen des damaligen Besitzers so benannten Knösels Mühle am Fuß der Brückstraße, so der damalige Name des Vahrenholts, im Bereich der heutigen Fischteiche.

Innenansicht Haus Nettelbeck, 1950er Jahre

Innenansicht Haus Nettelbeck, 1950er Jahre

Noch in den 1870er Jahren wurde das erste Haus im Bereich des heutigen Parkplatzes gegenüber von Haus Nettelbeck errichtet. Über den Betrieb ist wenig bekannt, doch besaß die Wirtschaft eine Kegelbahn und wurde bald zum Vereinslokal mehrerer Stiepeler Vereine. Die Arbeitsbelastung muss immens gewesen sein, denn die parallelen Tätigkeiten des Gastwirtes und des Bäckers erlauben nur eine kurze Nachtruhe. Nach Georg Heinrichs Tod 1891 übernahm wohl zunächst seine Witwe Wilhelmine das Geschäft, da die vier Kinder noch minderjährig waren. Unterstützt wurde sie vom ältesten Sohn Hugo Heinrich, der bald in die Fußstapfen des Vaters trat. 1901 wechselte Nettelbeck die Straßenseite und zog in das heutige Gebäude, wo sich nun auch eine Poststation befand. Ende der 1920er Jahre folgte Werner Wilhelm Nettelbeck seinem Vater und 1961 nach dessen frühem Tod Achim Nettelbeck, der bis heute in vierter Generation Haus Nettelbeck führt. Die Bäckerei und der Lebensmittelhandel wurden in den 1960er Jahren zugunsten des Restaurants aufgegeben, da seit der Umgestaltung 1971 seine unverändert rustikale Atmosphäre besitzt. Tradition besitzt bei Nettelbeck eben auf allen Ebenen einen hohen Stellenwert.

Text: Dr. Dietmar Bleidick


Ergänzung Mai 2024: “Gastwirt aus Leidenschaft” – Beitrag im Stiepeler Boten

Stiepeler Bote Mai 2024
Stiepeler Bote Mai 2024

Königshof (Gathmann, Haarstraße 21)

Die Gastwirtschaft „Königshof“ an der Haarstraße, die Anfang 1995 geschlossen wurde, war vielen eher unter dem Namen der Eigentümer Gathmann geläufig. Der ursprüngliche, spätestens seit dem 17. Jahrhundert nachweisbare Hof- und Familienname war aber König. Nach der Heirat der letzten weiblichen Hoferbin Anna Catharina König (*1783) mit Conrad Heinrich Große-Munkenbeck (*1777) ist „König“ zwar als Familienname verschwunden, er lebt aber insbesondere in der Straßenbezeichnung „Im Königsbusch“ weiter. Im Zuge der sogenannten Markenteilung des Jahres 1786 wurde der ehemals gemeinschaftlich genutzte Stiepeler Wald einzelnen Höfen zugeordnet. So erhielt beispielsweise der benachbarte Hof Haarmann einen Teil des Waldes, der „Haarmanns Busch“ genannt wurde. Der Hof König erhielt einen Teil, der entsprechend „Königs Busch“ war. Bis zur Einführung der Straßennamen in Stiepel im Jahr 1909 hat der alte Hofname König offensichtlich überlebt, denn die damaligen Gemeindeväter hatten für den Weg von der Haarstraße hinunter zur Straße Im Haarmannsbusch den Namen „Königstraße“ vergeben. Im Zuge der Eingemeindung nach Bochum im Jahr 1929 wurde der Name geändert in „Im Königsbusch“. Das oben genannte Ehepaar König/Munkenbeck hat den Hof nur kurz selber betrieben, er wurde etliche Jahre verpachtet und schließlich verkauft. So gelangte der Hof im Jahr 1840 in den Besitz des aus Stiepel Dorf stammenden Bergschmieds Johann Friedrich Gathmann (*1811) und seiner Ehefrau Maria Catharina (*1816).

Pflug der Schmiede Gathmann, Foto an der Haarstraße

Pflug der Schmiede Gathmann, Foto an der Haarstraße

Die relativ kleine Landwirtschaft war nur ein Nebenerwerb, hauptsächlich betrieb dieser erste Gathmann auf seinem Hof eine Schmiede. Diese war über die Generationen hinweg auch immer der Haupterwerb. In der zweiten Generation wurde die Schmiede deutlich erweitert. Friedrich Gathmann (*1837) hat in Aachen Maschinenbau studiert und im Jahr 1865 an der Haarstraße seine „Fabrik und Lager landwirthschaftlicher Maschinen“ gegründet. Es wurden zum Beispiel Pflüge, Eggen und Jauchepumpen hergestellt. Nach einem Brand der Hofgebäude im Jahr 1860 wurde das Wohnhaus 1867 wieder aufgebaut. Als drittes Standbein hat Friedrich Gathmann in diesem Jahr eine kleine Gastwirtschaft gegründet.  Im Erdgeschoss des neuen Wohnhauses wurden zwei Zimmer als Gasträume genutzt, im Obergeschoss war, wie in vielen Gastwirtschaften zu jener Zeit, ein kleiner Saal. Für die Benennung der Gastwirtschaft wurde der ursprüngliche und historische Hofname herangezogen: Königshof.

Königshof, Grundriss zum Konzessionsantrag 1898

Königshof, Grundriss zum Konzessionsantrag 1898

Dessen Sohn Gustav Friedrich Gathmann (*1865) hat den Betrieb im Jahr 1898 übernommen, dessen Konzession für den Betrieb einer Schankwirtschaft datiert auf den 7. März dieses Jahres. Seine Ehefrau Emma geb. Best (*1872) hat eine Gartenwirtschaft anlegen lassen, die bis zum Beginn des 2. Weltkriegs an den Sonntagen im Sommer gut besucht war. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie bis in die 1950er Jahre nur genutzt, wenn an der Katholischen Kirche (heute das Kloster am Varenholt) die Eichsfelder-Wallfahrt stattfand. Dann verteilten sich regelrechte Massen an Pilgern auf die umliegenden Gastwirtschaften.

Vater und Sohn Gathmann mit Gesellen vor der Schmiede, 1920er Jahre

Vater und Sohn Gathmann mit Gesellen vor der Schmiede, 1920er Jahre

Im Jahr 1930 wurde der Betrieb an die nächste Generation weitergegeben: Gustav Gathmann (*1901) hat neben der Schmiede noch etwas Land- und die Gastwirtschaft betrieben. Zur Landwirtschaft gehörten Kühe und Schweine sowie ein Pferd, das zum Transport der Schmiede-Produkte benötigt wurde. Auch war er nicht nur Schmied, sondern hat sich zusätzlich zum Feinmechaniker ausbilden lassen und Verkauf und Reparatur von Naumann-Nähmaschinen (Dresden) angeboten. Dieses Zusatzgeschäft war eine ausgesprochene Winterarbeit, wenn es in der landwirtschaftlich orientierten Schmiede ruhiger zuging. Nach dem Tod von Gustav Gathmann im Jahr 1959 wurde die Landwirtschaft aufgegeben, der Sohn, der wiederum Gustav (*1929) hieß, hat sich auf die Schmiede und die Gastwirtschaft konzentriert. Nach der Hochzeit 1964 mit Ilse, geb. Rost wurde die Gastwirtschaft im Jahr 1967 umgebaut und erweitert. Erst nach diesem Umbau wurde aus der Gastwirtschaft ein „richtiges“ Restaurant.

Königshof, Postkarte 1967

Königshof, Postkarte 1967

Gustav Gathmann hat dann noch zehn Jahre lang beide beruflichen Standbeine gehabt, bis die Schmiede im Jahr 1977 verpachtet wurde und er sich ganz auf die Arbeit als Koch konzentrierte. Seine Frau Ilse war für die Theke zuständig. Nach dem Tod von Gustav Gathmann Ende 1993 wurde der Betrieb der Gastwirtschaft in der Folge eingestellt. Nach dem Auslaufen des Pachtvertrages für die Schmiede wird diese seit 2005 vom Sohn Gisbert (*1971) als „Werkstatt und Vertrieb von Kommunal-, Forst- und Gartentechnik“ betrieben.