Gastwirtschaften

Zum Lindenhof (Krockhaus/Saterdag, Kemnader Straße 76)

Die Geschichte der Wirtschaft „Zum Lindenhof“ an der Kemnader Straße begann mit Heinrich Kleine-Krockhaus (*1881). Im Hauptberuf war er Bergmann, so wie die meisten Stiepeler Männer zu jener Zeit. Bereits im Alter von 15 Jahren fing er auf der damaligen Zeche Glückswinkelburg (gelegen am heutigen Libellenweg) an, erst im Alter von 62 Jahren kehrte er auf der Zeche Julius Philipp in Wiemelhausen dem Bergbau den Rücken. Neben dieser Beschäftigung startete er, angetrieben durch seine Leidenschaft für Pferde, einen Nebenerwerb als Fuhrmann. Wie sollte es anders sein, mit seinem Fuhrbetrieb fuhr er natürlich Kohlen aus. Zur Eröffnung einer Gastwirtschaft, dem dritten beruflichen Standbein von Heinrich Kleine-Krockhaus, kam es im Jahr 1921.

"Zum Lindenhof" noch mit Gemüsegarten und der einspurig geführten Straßenbahn in den 1920er Jahren.

“Zum Lindenhof” noch mit Gemüsegarten und der einspurig geführten Straßenbahn in den 1920er Jahren.

Das heutige Haus wurde, wie wir alten Steuerakten entnehmen können, in den Jahren 1901/1902 neu errichtet. Es gab aber bereits deutlich früher an dieser Stelle ein Haus „Kleine-Krockhaus“. Davon zeugt zum Beispiel die Hofkarte des Hofes Krockhaus aus dem Jahr 1884. Wie sich der familiäre Übergang von „Krockhaus“ zu „Kleine-Krockhaus“ ergeben hat, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. In den Steuerakten des Hauses ist notiert, dass es „im Jahr 1904 durch Erbschaft auf den Sohn [= Heinrich Kleine-Krockhaus] übergegangen“ ist. Dessen Sohn Erwin Kleine-Krockhaus (*1912) wiederum übernahm die Gastwirtschaft im Jahr 1955, betrieb aber bereits ab 1934 im selben Haus eine Metzgerei, und zwar im Ladenlokal links der Eingangstür. Um dies zu ermöglichen, wurde das Haus 1934 entsprechend umgebaut und erweitert. Erwin führte Metzgerei und Gastwirtschaft bis 1965 parallel, dann wurde die Metzgerei verpachtet. Fortan konzentrierte er sich auf den Betrieb der Gastwirtschaft.

Metzgerei und Gaststätte von Erwin Kleine-Krockhaus, 1960er Jahre.

Metzgerei und Gaststätte von Erwin Kleine-Krockhaus, 1960er Jahre.

Dessen Tochter Gerda (*1938), verheiratet mit Heinz Saterdag (*1936), übernahm die Gastwirtschaft offiziell im Jahr 1972, sie war aber quasi von Geburt an im Betrieb aktiv. Nach ihrer Hochzeit im Jahr 1957 stand auch ihr Ehemann „nach Feierabend“ hinter der Theke. Denn Heinz Saterdag war hauptberuflich zunächst bei Eickhoff beschäftigt, später bei Opel. Mittlerweile wird die Gastwirtschaft in der vierten Generation betrieben, die Urenkelin von Heinrich Kleine-Krockhaus, Ute Hahn, geborene Saterdag (*1957) ist seit 1997 aktiv dabei. Somit ist der Lindenhof eine der wenigen Stiepeler Gastwirtschaften, die seit der Gründung vor fast 100 Jahren ununterbrochen von ein und derselben (Stiepeler) Familie betrieben wird. Neben dem bereits erwähnten Umbau 1934 wurde im Jahr 1928 ein kleiner Saal angebaut, 1960 dann ein großer Saal, mit entsprechender Erweiterung der Konzession. Rund zehn Vereine nutzen die Gastwirtschaft heute als Stammlokal, der größte davon ist Rot-Weiß Stiepel 04.

"Zum Lindenhof" nach dem 2. Weltkrieg.

“Zum Lindenhof” nach dem 2. Weltkrieg.

Hüggenberg (Hevener Straße, Querenburg)

Schauen wir ein paar Meter über die Stadtteilgrenze, die das Lottental bildet, in Richtung Querenburg, und bleiben nur „gefühlt“ in Stiepel. Genauso wie die Straße „Im Lottental“ auf Querenburger Gebiet verläuft und auch die ehemalige Zeche Klosterbusch (nur wegen ein paar Metern) eine Querenburger Zeche war, so war Haus Hüggenberg keine Stiepeler Gastwirtschaft. Das macht aber nichts, für viele Stiepeler gehörte sie einfach dazu. Die Geschichte des Hauses beginnt mit dem Kauf des Grundstücks im Jahr 1890 und der Errichtung eines Wohnhauses 1891 durch Heinrich Hüggenberg senior. Der Betrieb einer Gastwirtschaft war zunächst nicht geplant. Erst im Jahr 1916 erhält Heinrich Hüggenberg junior (*1881) die Erlaubnis zum Ausschank alkoholfreier Getränke. Dies geschah nur als Nebenerwerb, Zielgruppe waren seinerzeit die zahlreichen Wochenendausflügler, hauptberuflich war Heinrich Hüggenberg junior Bergmann auf der Zeche Klosterbusch.  Um uns ein Bild von den damaligen Gegebenheiten zu machen, können wir aus einem Protokoll der Stiepeler Gemeindevertretung des Jahres 1913 zitieren, als man auf Vorschlag der ebenfalls noch selbständigen Landgemeinde Querenburg gemeinsam über den Ausbau des Weges durch das Lottental debattierte. Dort heißt es: „ … er wird außerordentlich stark begangen von Bewohnern der Stadt Bochum, da er fern von Rauch und Staub romantisch gelegen ist.“ Einen chausseemäßigen Ausbau wollte man aber nicht, „ … da die Gefahr besteht, daß damit der Reiz des Tales beträchtlich einbüßt.“

Postkarte 1930: Die Gastwirtschaft "Zum Lottental Ausgang" von Heinrich Hüggenberg, oben Zeche Klosterbusch

Postkarte 1930: Die Gastwirtschaft “Zum Lottental Ausgang” von Heinrich Hüggenberg, oben Zeche Klosterbusch

Im Jahr 1927 erhält Heinrich Hüggenberg zusätzlich die Erlaubnis zum Bierausschank, im Jahr 1929 dann die Vollkonzession als Gastwirtschaft, dies allerdings erst nach einem fast einjährigen Rechtsstreit. Während die Gemeinde Querenburg den Antrag aus April 1928 mit Blick auf den starken Ausflugsverkehr befürwortete, legte die Polizeibehörde ihr Veto ein. Erst im März 1929 gab der Kreisausschuss des Landkreises Bochum den positiven Bescheid. Neben den Wochenendausflüglern, die in der Begründung als „wandernde Menschenmassen“ bezeichnet wurden, waren die rund 1.100 (!) Bergleute der nahe gelegenen Zeche Klosterbusch mit entscheidend, den Bedarf für eine vollwertige Gastwirtschaft anzuerkennen. Darüber hinaus wird eine weitere Zunahme des Verkehrs unterstellt, da der damalige Ruhrverband „ … in unmittelbarer Nähe der Besitzung des Klägers einen Stausee anlegen will“. Der heutige Kemnader See war also zu jener Zeit bereits in Planung, auch im ersten (Gesamt-)Bochumer Stadtplan des Jahres 1929 ist er bereits eingezeichnet. Die Wirtschaft wurde ab 1927 zunächst in einem als Holzbauwerk errichteten Saal neben dem Wohnhaus betrieben. Im Jahr 1933 wurde das Wohnhaus um einen Anbau erweitert und die Gastwirtschaft aus dem „Holzsaal“ in das Wohnhaus verlegt. Der Außenbereich wurde weiter als Gartenwirtschaft und Tanzfläche genutzt, auch um zum Beispiel an Pfingsten Blasmusik-Konzerte abzuhalten. Nach dem 2. Weltkrieg wurden dann regelmäßig sogenannte Italienische Nächte mit Tanzmusik veranstaltet. Auch hat die katholische Gemeinde Querenburg die Räumlichkeiten nach dem Krieg für Gottesdienste genutzt.

Postkarte 1938: links der "Holzsaal", rechts das Wohnhaus mit der neuen Gastwirtschaft

Postkarte 1938: links der “Holzsaal”, rechts das Wohnhaus mit der neuen Gastwirtschaft

Die Wirtschaft wurde in den ersten Jahren übrigens „Lottental Ausgang“ genannt. Damit war das Ende, d.h. der „Ausgang“ des Lottentals gemeint. Im Jahr 1940 ist Heinrich Hüggenberg junior verstorben, seine Witwe Emilie, geborene Berner, führte die Gastwirtschaft bis 1954 weiter. Danach ging der Besitz auf den Sohn Wilhelm Hüggenberg (*1905) über, welcher die Wirtschaft bis 1966 weiterführte. Wilhelm Hüggenberg hatte noch eine weitere gastronomische Beschäftigung: Parallel zur Gastwirtschaft betrieb er in den Jahren 1929 bis 1961 eine kleine Trinkhalle unmittelbar vor sowie die Kantine innerhalb der Zeche Klosterbusch. Zunächst als „Holzbude“ konstruiert, wurde die Trinkhalle im Jahr 1939 als massiv gemauertes Häuschen neu errichtet. Mit der Stilllegung der Zeche Klosterbusch im August 1961 endeten diese beiden Teile des gastronomischen Gewerbes. Haus Hüggenberg wurde als Ausflugslokal weiterbetrieben, ab 1966 hat in dritter Generation die Tochter Margarete (*1932) gemeinsam mit ihrem Ehemann Karl-Heinz Ruschinski (*1932) die Wirtschaft bis 1990 betrieben. In all den Jahren gab es mehrere Erweiterungen der Gasträume (1962) und Saals (1978). Nach 1990 wurde die Wirtschaft von unterschiedlichen Pächtern betrieben, bis das Gebäude schließlich im Jahr 2007 an den heutigen Betreiber (See Nami) verkauft wurde.

Skizze zum Erweiterungsantrag 1927 mit Wirtschaft, Gartenanlage, Wohnhaus

Skizze zum Erweiterungsantrag 1927 mit Wirtschaft, Gartenanlage, Wohnhaus

von Hagen (Kemnader Straße 59)

Die genauen Anfänge der ehemaligen „Schenkwirtschaft Heinrich von Hagen“ lassen sich nicht exakt rekonstruieren. Fest steht, dass Heinrich von Hagen (*1877) im Jahr 1911 zusammen mit seiner Frau Hulda, geb. Diergardt (*1878) an der seinerzeitigen Hauptstraße 29a, heute Kemnader Straße 65, ein Wohn- und Geschäftshaus mit zwei Ladenlokalen errichtet hat. Genehmigt wurde der Bau durch die Gemeinde Stiepel im Juni 1911, in den Steuerakten ist notiert „ … benutzbar seit Oktober 1911“. Zunächst betrieb Heinrich von Hagen dort eine Kolonialwarenhandlung. In den Jahren bis 1919 erwirbt er dann die Konzession für den Betrieb einer Gastwirtschaft, aber zunächst nicht für sein eigenes Haus. Es ist vielmehr überliefert, dass Heinrich von Hagen die Konzession für die Wirtschaft „Zur steilen Höh“ an der heutigen Gräfin-Imma-Straße 12 erwarb. Er soll der letzte Konzessionsinhaber gewesen sein, bevor das Haus an den ersten in Stiepel niedergelassenen Arzt, Dr. Gerhard Gilbert, verkauft wurde Diese auf die Person des Gastwirts bezogene Konzession wurde dann benutzt, um in seinem Haus an der heutigen Kemnader Straße zusätzlich zum Lebensmittelgeschäft eine Gastwirtschaft zu eröffnen. Dies war der Beginn der „Schenkwirtschaft Heinrich von Hagen“.

"Schenkwirtschaft Heinrich von Hagen" 1930er Jahre

“Schenkwirtschaft Heinrich von Hagen” 1930er Jahre

Der Familienname „von Hagen“ findet sich auch in zwei Straßennamen wieder. Die heutige Sandfuhrstraße, die gegenüber der Krockhausstraße an der Kemnader Straße beginnt, war bis 1928 ein reiner Privatweg und wurde zunächst nach der dort ansässigen Familie „Hagenstraße“ benannt. Die Umbenennung in Sandfuhrstraße erfolgte im Zuge der Eingemeindung Stiepels nach Bochum im Jahr 1929. Heutzutage findet sich der Name in der im Jahr 2011 erstellten Straße Hagen-Hof-Weg wieder, die unmittelbar neben der ehemaligen Krockhaus-Villa von der Krockhausstraße abzweigt. Das Haus von Heinrich von Hagen an der Kemnader Straße erhielt im Mai 1943 beim schwersten Luftangriff auf Stiepel einen Bombentreffer und wurde komplett zerstört. Dieses Schicksal ereilte übrigens zahlreiche Häuser entlang der Kemnader Straße, auch das unmittelbare rechte Nachbarhaus, das ebenfalls der Familie von Hagen gehörte.

Skizze 1911: links das neue, rechts das bereits vorher bestehende Haus der Familie von Hagen

Skizze 1911: links das neue, rechts das bereits vorher bestehende Haus der Familie von Hagen

Das Haus wurde nicht wieder aufgebaut, vielmehr hatten die von Hagens bereits vorher das unmittelbare linke Nachbarhaus von Familie Waskönig erworben, heute Kemnader Straße 59. Dort wurde unmittelbar nach Kriegsende die neue Wirtschaft eröffnet und vom Sohn Walter von Hagen (*1907) und seiner Frau Albertine, geb. Rumberg (*1914) bis zum Ende der 1960er Jahre betrieben. Nach einer kurzen Verpachtung wurde die Wirtschaft Anfang der 1970er Jahre geschlossen, die Räumlichkeiten wurden in eine Wohnung umgewandelt. Die Tochter Marianne, verheiratete Klein, (*1939) hat zwar immer im elterlichen Betrieb mitgearbeitet, die Wirtschaft aber nicht fortgeführt. Im Jahr 1968 hat sie ein Blumengeschäft im Haus eröffnet, welches noch heute unter dem Namen „Blumen Klein“ (Inhaber M. Wabbels) weitergeführt wird.

Zur steilen Höh (Gräfin-Imma-Straße 12)

Viele der beschriebenen Gastwirtschaften haben sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass sie über Generationen von ein und derselben Familie geführt wurden. Bei der Schankwirtschaft „ Zur steilen Höh “, die an der heutigen Gräfin-Imma-Straße 12 beheimatet war und nach 1919 die Praxisräume des ersten in Stiepel niedergelassenen Arztes waren, ist das genau andersherum. Es gab viele, nach jeweils kurzer Zeit wechselnde Eigentümerfamilien, von denen die meisten wohl nicht besonders erfolgreich waren. Doch der Reihe nach: Begonnen hat es mit dem Wirt Wilhelm Vohwinkel. Wann genau er sein Haus erbaut und den Betrieb der Gastwirtschaft begonnen hat, lässt sich nicht mehr exakt nachvollziehen. Es ist aber davon auszugehen, dass er das Grundstück bis spätestens 1869 als Teil des ehemaligen Kirchenwaldes, des sog. Pastoratsbusches, vom evangelischen Pastorat erworben hat. Wilhelm Vohwinkels Zeit als Wirt währte aber nur einige Jahre. Ein Eintrag in den Kirchenbüchern verrät uns, dass er im Jahr 1885 verstorben ist und eine Witwe sowie drei Kinder hinterlassen hat. Fortan führte die Witwe Vohwinkel die Gastwirtschaft. Im Jahr 1894 beantragte dann der Sohn, der Bergmann Wilhelm Vohwinkel junior bei der Gemeinde Stiepel, die Konzession für den Betrieb der Gastwirtschaft von seiner Mutter auf ihn zu übertragen. Durch diesen heute noch erhaltenen Konzessionsantrag können wir uns ein Bild von dem Gebäude machen. Wilhelm Vohwinkel junior beschreibt darin, dass die Wirtschaft das Vereinslokal für drei Vereine war (Militär-Verein Stiepel, Knappen-Verein Glück auf, Dilletanten-Verein Arion) und insbesondere einen Saal in der Größe von 387 Quadratmetern umfasste und (zu jener Zeit) „ … ein so großer Saal wie der unsere in Stiepel nicht vorhanden ist.“ Aufgrund der Lage fast genau im geografischen Mittelpunkt Stiepels wurde der Saal „ … stets zu Versammlungen bei Reichstagswahlen benutzt.“ Der Saal besaß eine Bühne und wurde später um eine Kegelhalle erweitert.

Straßenansicht 1894: links im Anbau der Eingang zum großen Saal, Quelle: Stadtarchiv Bochum

Straßenansicht 1894: links im Anbau der Eingang zum großen Saal, Quelle: Stadtarchiv Bochum

Die Konzession für den Bergmann Wilhelm Vohwinkel junior wurde im Mai 1894 erteilt. Seine Zeit als Wirt dauerte aber höchstens zehn Jahre, denn für das Jahr 1904 ist im Einwohnerverzeichnis der Wirt Friedrich Röder verzeichnet. Für die Jahre 1908/1909 lässt sich als nächster Wirt der Hauer Hugo Stollmann nachweisen. Aber auch dessen Zeit währte nicht lange. Ungefähr ab 1910 war Ewald Stracke als Eigentümer des Hauses der neue Wirt. Und genau in dieser Zeit passierte das Unglück, über das die Hattinger Zeitung  unter dem Datum 3.6.1912 berichtet: „In der Nacht zum Sonntag brannte die Wirtschaft des Herrn Stracke „Zur steilen Höh“ bis auf die Umfassungsmauern nieder. Der Besitzer und seine Frau waren nicht zu Hause, sondern auf einer Privatfeierlichkeit, als das Feuer zum Ausbruch kam. Die Löscharbeiten litten unter dem zu schwachen Wasserdruck. Nur ein kleiner Teil des Mobiliars konnte gerettet werden. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt.“

Grundriss 1894, Quelle: Stadtarchiv Bochum

Grundriss 1894, Quelle: Stadtarchiv Bochum

Im September 1912 wurde der Bau eines neuen Hauses genehmigt und war -neben der katholischen Kirche- der Überlieferung nach das einzige Haus in Stiepel, das während des 1. Weltkrieges fertiggestellt wurde. Sehr wahrscheinlich hat der 1. Weltkrieg aber dazu geführt, dass der Betrieb dieser Gastwirtschaft nicht mehr rentabel war. Es ist bekannt, dass sich so mancher Wirt während dieser Zeit nach einer weiteren Tätigkeit umsehen musste. Die Schulchronik der Schule in Stiepel-Dorf notiert im Jahr 1916: „Am meisten haben unter dem Einfluß des Krieges die Wirte zu leiden. Die Wirtschaften sind zum größten Teil fast immer leer … Manche Wirte haben, dem Druck des Krieges sich fügend, auf Zechen und Fabriken Beschäftigung gesucht.“ Daher überrascht es nicht, dass sich ab 1916 die Familie Hülsmann in Eickel (Brauerei) als Eigentümer nachweisen lässt. Es ist überliefert, dass der letzte Konzessionsinhaber für diese Gastwirtschaft Heinrich von Hagen war. Er soll die Konzession, die immer auf die Person des Wirtes bezogen war, genutzt haben, um eine neue Wirtschaft an der heutigen Kemnader Straße 65 zu begründen.

Das "neue" Haus vom Garten aus betrachtet, im Vordergrund Cornelia Gilbert, geb. zur Oven Krockhaus, mit den Kindern Renate und Gerd, 1931

Das “neue” Haus vom Garten aus betrachtet, im Vordergrund Cornelia Gilbert, geb. zur Oven Krockhaus, mit den Kindern Renate und Gerd, 1931

Das Haus an der Gräfin-Imma-Straße wurde dann von Dr. Gerhard Gilbert erworben, der sich am 1. Dezember 1919 als erster Arzt in Stiepel niederließ. Dies war möglich geworden, nachdem die Knappschaft ihm die Versorgung der in Stiepel wohnenden Bergleute übertragen hatte. Abgesehen vom Anbau einer Wagenhalle im Jahr 1924 ist das Haus in seiner äußeren Form seit der Fertigstellung unverändert. Dr. Gilbert betrieb dort bis 1956 seine Praxis, als Nachfolger übernahm Dr. Hans Rath das Haus, danach ließ sich Familie Harder mit zwei Arztpraxen nieder.

Spitz (Kemnader Straße 138)

Haus Spitz (seit 1939), vormals Gastwirtschaft Schreier (1875 – 1919) und Gastwirtschaft Wegemann (1919 – 1939) An der Kemnader Straße 138 in Stiepel-Haar liegt die Gastwirtschaft mit Saalbetrieb „Haus Spitz“. Sie wurde 1875 eröffnet und ist das älteste noch an selber Stelle bestehende Lokal in Stiepel. Erbauer waren der Bäckermeister Gustav Schreier aus Mittelstiepel (heute Gräfin-Imma-Str. 49), Sohn des Bäckers und Gastwirts Johann Heinrich Schreier (1797-1875) und Elisabeth Maria Anna Catharina Wefelscheid gen. Wüstenhof (1807-1879) und seine Ehefrau Juliane geb. Haarmann „vom Gebrannten“ (heute Am Gebrannten 51), Tochter des Metzgers und Gastwirts Heinrich Friedrich Wilhelm Haarmann gen. Kruse (1827-1904) und Maria Margarethe Appelmann (1823-1870). Das Haus, in zwei Bauabschnitten bis 1876 vollendet, wurde auf einem drei Morgen großen Stück Land des Hofes Haarmann „auf der Haar“ (heute Haarstraße 19) nördlich der Ackerfläche mit Flurnamen „Hogel“ errichtet, von der heute noch das Feld vor dem Zisterzienserkloster übriggeblieben ist. Von vornherein als Gast- und Backstube mit Gesellschaftszimmern geplant, diente die Gastwirtschaft Schreier im Anfang auch für einige Jahre als Wechselstation für Postpferde. Eine bauliche Besonderheit sind die verschiedenen Materialien, die für die Außenwände verwendet wurden. So ist die nördliche Giebelwand aus Ziegel, während die südliche Wand aus Fachwerk besteht und mit bergischem Schiefer belegt ist. Die Seite zur Kemnader Straße mit Ziegel ausgefachtes Fachwerk und die Seite zum Innenhof besteht aus hellem Ruhrsandstein. Neben dem weitgehend erhaltenen Hausflur war diese Mischung einer der Hauptgründe, warum das Haus 2007 von der Stadt Bochum als „erhaltenswertes Gebäude“ eingestuft wurde und eine Plakette bekam. Eine erste Vergrößerung der Anlage fand bis 1880 statt, als ein Anbau aus Ziegel für Stallungen und Kohlenlagerung errichtet wurde. Zum Haus gehörten ein Obsthof, ein 650m² großer Gemüsegarten und 4.800m² Ackerfläche, die zum Unterhalt des Betriebs genutzt wurden.

Das ursprüngliche Grundstück Schreier, Luftaufnahme 1926

Das ursprüngliche Grundstück Schreier, Luftaufnahme 1926

  Aufgrund des Bevölkerungswachstums im Zusammenhang mit dem Bergbau und der fortschreitenden Industrialisierung in der Kaiserzeit benötigte der Norden Stiepels bald neue Versammlungsstätten. Gustav Schreier baute deshalb 1902 einen Saal für zunächst bis zu 400 Personen mit einer Größe von 270m². Der Bau wurde unter anderem durch ein Darlehen des Bochumer Braumeisters Wilhelm Schlegel finanziert. Der neue Saal erhielt kurz darauf einen 60m² großen Bühnenanbau, der später für Veranstaltungen verschiedenster Art genutzt wurde. Darunter befindet sich seit 1977 ein Schießstand mit 10 Metern Schießbahn für Kleinkaliber. Ein neuer Parkplatz auf dem Gelände des alten Obsthofs wurde 1975 angelegt.

Postkarte 1923: Restauration Witwe Schreier

Postkarte 1923: Restauration Witwe Schreier

  Für das Leben der Stiepeler Gemeinde wurde die Gastwirtschaft schnell zu einem örtlichen Zentrum und Identifikationsmerkmal. So wurde der bis 1892 angelegte Damm zwischen der Hülsbergstraße und der heutigen Einmündung der Straße Am Varenholt im Volksmund „Schreiers Damm“ genannt. Hier fuhr ab 1926 die Straßenbahn von Weitmar nach „Frische“ (Linie 5) und „Hofstiepel“ (Linie 15) an der damaligen Koster Brücke. Die nächstgelegenen Haltestellen waren „zur Oven“ auf Höhe des heutigen Kindergartens „Im Haarmannsbusch“ und „Lohfeld“ an der ehemaligen Gaststätte „Westermann“ und der 1910 errichteten Stiepeler Gemeindeverwaltung (Kemnader Str. 199). In Folge der wachsenden evangelischen Kirchengemeinde Stiepel wurde 1911 der Haarbezirk von der Dorfkirche abgespalten. Für 20 Jahre bis zur Fertigstellung des Lutherhauses diente dann zunächst der Saal als Raum für die sonntäglichen Gottesdienste sowie Gemeindefeiern. In jener Zeit machte jedoch auch der politische und gesellschaftliche Wandel vor Stiepel nicht halt. Während des Nationalsozialismus diente die Gastwirtschaft bis zum Ende der 1930er Jahre als Treffpunkt des örtlichen SA-Sturms. Nach dem Tod Gustav Schreiers ging das Eigentum auf seine Frau über und die Wirtschaft wurde ab 1919 vom Viehhändler, Metzger und Gastwirt Heinrich Albrecht August Wegemann aus Blankenstein, dem Ehemann der ältesten Tochter Ottilie geb. Schreier, weitergeführt. Der „Wegemann’sche Saal“ wurde weiter wie bisher genutzt, doch ging die Wirtschaftskrise der späten 1920er Jahre nicht spurlos an dem Betrieb vorüber. Eine Erkrankung des Wirts Wegemann, die Anstellung des aus Bayern stammenden Wirts und Bierbrauers Kilian Schreiber zwischen 1936 und 1939 sowie wirtschaftliche Schwierigkeiten führten am 26. Juli 1939 zum Verkauf des Anwesens an Heinrich Spitz (1906-1985), Sohn des Bäckers und Bergmanns Wilhelm Spitz und Emma geb. Baak und seine Frau Ida geb. Hilleringmann (1908-1978), Tochter des Landwirts Alex Hilleringmann und Ida geb. Mätte (Pächter auf Hof Kortwig). Heinrich Spitz war zuvor Landwirtschaftsgehilfe auf dem Hof Brüggeney in Stiepel-Brockhausen gewesen, der ebenso wie die Gastwirtschaft „Stiepeler Hof“ (ehem. Brockhauser Str. 289) seinem Onkel, dem Land- und Gastwirt Gustav Hofstiepel (1881-1944) gehörte. Er übernahm den die Gastwirtschaft samt Vorräten, welche auf einer erhaltenen Inventurliste aufgeführt sind. Die nun „Haus Spitz“ getaufte Gastwirtschaft verfügte neben dem Saal über drei Gesellschaftszimmer sowie den Schankraum, wovon ausführliche Skizzen aus der Übergabezeit zeugen.

Der Innenhof mit der in Ruhrsandstein gemauerten Wand, Biergarten und Brunnen

Der Innenhof mit der in Ruhrsandstein gemauerten Wand, Biergarten und Brunnen

  Im ersten Jahr behob Heinrich Spitz den angefallenen Investitionsstau und installierte neue Sanitäranlagen, besserte diverse Räume aus und erneuerte die nötigen Versicherungen, um erneut als Gast- und Schankwirtschaft sowie für den Saalbetrieb zugelassen zu werden. Dem neuen Start kam dann jedoch der 2. Weltkrieg in den Weg. Nach den ersten Bombardements in dieser Region durch die Alliierten kam es am 31. März 1943 zu einer vom Bochumer Polizeipräsidenten erlassenen Schließung der Gastwirtschaftsbetriebe, um Menschen und sog. kriegswichtiges Material freizusetzen. Spitz protestierte vehement und doch vergeblich gegen die Schließung, u.a. durch Verweis auf die Benutzung der Wirtschaft durch den Knappenverein „Gute Hoffnung“. In Folge wurden im Haupthaus Bombengeschädigte einquartiert (1943-1947), der Saal als Getreide- und Möbellager genutzt und später auch Heimatvertriebene untergebracht. Erst 1948 konnte der geregelte Betrieb wieder aufgenommen werden. Das Haus, abgesehen von einem Blindgängereinschlag auf der südöstlichen Seite, überstand den Krieg unbeschadet. Schnell erlangte Heinrich Spitz von der britischen Verwaltung die nötigen Unterlagen und Konzessionen. Darunter war 1949 auch eine Singspielkonzession, die angesichts des Mangels an geeigneten, unzerstörten Räumen für Kulturveranstaltungen sehr wertvoll war. Im Laufe der Jahre war „Haus Spitz“ Heimat vieler Vereine und Veranstaltungen. Bis Mitte der 1950er Jahre fanden sonntags Boxkämpfe des „Boxring 48“ im Saal statt – Löcher für die Ringpfosten sind auf der Bühne bis heute vorhanden. Seit 1955 tritt die „Volksbühne Bochum“ (vormals „Kornblume“) mit Theaterstücken auf, wobei früher auch Operetten gegeben wurden. Der Geflügelzuchtverein „Phönix Stiepel“ stellte im Saal aus und der Gesangsverein „Gut Klang“ gab hier Konzerte. Zudem dient „Haus Spitz“ als Vereinslokal der Kompanien Brockhausen (seit 1977) und Mittelstiepel (seit 2015) des Bürgerschützenvereins Stiepel. Früher traf sich hier auch der Taubenverein „Rumplertaube “. Neben der Volksbühne richtet der Verein Preziosa Stiepel seit 1981 Karnevalsfeiern aus, die zuvor der Schäferhundeverein zusammen mit der Ruhrlandbühne organisierte.

Haus Spitz in den 1980er Jahren

Haus Spitz in den 1980er Jahren

  Im Aufschwung der Nachkriegszeit erholte sich das Gaststättengewerbe und „Haus Spitz“ entwickelte sich als Vereinssitz und Bühne prächtig. Mit daran beteiligt waren seit der Kaiserzeit Mitglieder der Familie Kost, so später Günter Schmidt (1927-2015) und seine Frau Brunhilde geb. Kost (1925-1999), die neben Tätigkeiten im Bergbau und der Schwerindustrie über Jahrzehnte den Betrieb unterstützten sowie Haus und Garten pflegten. Nach 28 Jahren als Wirt verpachtete Heinrich Spitz die Wirtschaft ab 1967 der Reihe nach an die Pächter Schmidtke, Pape und zuletzt Horst Meißner. Das Ehepaar Meißner betrieb in den 1980er Jahren neben Saal und Gastwirtschaft auch eine Kaffeestube in einem ehemaligen Gesellschaftszimmer im Erdgeschoss. Heinrich Spitz‘ Ehefrau Ida verstarb, ohne dass das Ehepaar Kinder gehabt hatte und so fiel „Haus Spitz“ nach seinem Tod im Jahr 1985 an seinen Neffen 2. Grades Gustav Hoffstiepel. Nach weiteren Verpachtungen an die Familien Meißner und Cramer übernahm 1999 Bettina Hoffstiepel den Betrieb. Seitdem hat sich vieles geändert. So wurden Saal und Wirtschaft modernisiert, der Bühnenraum samt Technik auf den neusten Stand gebracht und neue Veranstaltungsformate eingeführt. Seit 2016 besitzt die Gastronomie einen gemütlichen Biergarten im Innenhof rund um den 1987 errichteten Brunnen, der nach wie vor zur Bewässerung des Anwesens genutzt wird. Heute, 142 Jahre nach der Eröffnung, steht Haus Spitz wie nur noch wenige andere Gastwirtschaften für den Wandel, den unsere Region in dieser Zeit erlebt hat. Text: Maximilian Willner

Höltermann (Kemnader Straße 335)

Die Geschichte des „Café Restaurant Höltermann“ beginnt eigentlich mit dem Familiennamen Hasenkamp, denn es war der Viehhändler Friedrich Wilhelm Hasenkamp (*1861), der das Haus an der heutigen Kemnader Straße 335 im Jahr 1886 errichtet hat. Dessen Witwe Helene, geborene Schulte Hoffstiepel (*1870), hat sich im Jahr 1900 neu verheiratet mit dem Bäckermeister und Gastwirt Wilhelm Julius Höltermann (*1878). Dieses Ehepaar Höltermann hat dann die Wirtschaft mit angeschlossener Bäckerei und Konditorei begründet. Im Jahr 1911 wurde das Haus um einen Anbau erweitert, der zur Vergrößerung des Gesellschaftszimmers und der Errichtung einer Veranda diente, welche einen Ausblick in Richtung Norden weit über die Stadt Bochum hinaus bot. Der zweite Sohn Arthur (*1902) hat nach Beendigung der Schulzeit zunächst einige Jahre im elterlichen Betrieb gearbeitet, von 1922 bis 1925 seine Lehrzeit als Bäcker und Konditor absolviert und später den Meisterbrief erworben. Seit dieser Zeit hat er wegen Krankheit des Vaters den Betrieb nahezu selbständig geführt und ihn im Jahr 1935 -im Alter von 33 Jahren- übernommen. Kurz vorher, im Jahr 1933, hatte er Elfriede, geborene Grünewald (*1910), geheiratet.

Restaurant Höltermann - Rückansicht mit Terrasse, Veranda und Spielwiese

Restaurant Höltermann – Rückansicht mit Terrasse, Veranda und Spielwiese

Das „Café Restaurant Höltermann“ warb auf seinen Postkarten mit dem Slogan „Altbekanntes Ausflugslokal mit schattigem Garten und Spielwiese“. Gebacken wurde überwiegend für den Eigenbedarf des Cafés und Ausflugslokals, nur der bekannte Stiepeler Bauernstuten wurde auch außer Haus verkauft. An Speisen gereicht wurde das seinerzeit übliche „Kaffee mit Zubrot“, dies waren verschiedene Brote mit Schinken und Wurst, die ebenfalls aus eigener Herstellung kamen. Arthur und Elfriede Höltermann haben die Gastwirtschaft bis zum Tode von Arthur im Jahr 1958 geführt, danach wurde sie bis zum Ende der 1960er Jahre verpachtet. Der Sohn Friedhelm Höltermann (*1941) hat die Gastwirtschaft nicht übernommen. Während der Zeit der Verpachtung ist er zunächst als Stewart zur See gefahren und hat danach seine Bundeswehrzeit absolviert. Er hat sich aber nach seiner Hochzeit im Jahr 1964 dazu entschieden, gemeinsam mit seiner Ehefrau Gisela ein Textil- und Gardinengeschäft zu eröffnen, welches von 1971 bis 1981 in den Wirtschaftsräumen und der Veranda betrieben wurde.

Restaurant Höltermann - Gesellschaftszimmer mit Klavier, Ende 1930er Jahre

Restaurant Höltermann – Gesellschaftszimmer mit Klavier, Ende 1930er Jahre

In der eher als Ausflugslokal konzipierten Gastwirtschaft wurde allerlei Unterhaltung geboten. Sonntags gab es im Gesellschaftszimmer Klavierkonzerte, in der Gartenwirtschaft spielte an schönen Sommertagen die Kapelle Teddy Stauber, die Abende hießen dann „Eine Nacht unter Sternen“ oder „Florentinische Nächte“. Auch viele Hochzeiten wurden von den Stiepelern bei Höltermann gefeiert. Und nicht zu vergessen die „Städter“ aus Bochum, die mit der Straßenbahn Linie 5 bis zur Stiepeler Endstelle fuhren, die genau vor Höltermanns Tür lag. Sehr zum Ärger von Arthur Höltermann hieß die Endhaltestelle aber bekanntermaßen „Haus Frische“. Daran änderte auch nichts, dass die Fahrer und Schaffner der Bogestra das Café als Pausen- und Frühstücksraum nutzen durften. Eine von der Bogestra vorgeschlagene Änderung in Frische-Höltermann kam für Arthur Höltermann aber nicht in Frage.

Restaurant Höltermann 1962, mit Drogerie Höltermann (links) und Feinkost Leese (rechts)

Restaurant Höltermann 1962, mit Drogerie Höltermann (links) und Feinkost Leese (rechts)

Das Haus beherbergte neben der Gastwirtschaft und einem Saal in der ersten Etage noch weitere Geschäftsräume. Von 1948 an führte ein Vetter von Arthur Höltermann eine Drogerie. Diese „Drogerie Helmut Höltermann“ wurde zuletzt verpachtet, aber bis 1973 unter diesem Namen weiterbetrieben. Und bevor Friseur Hasenkamp der Familie Höltermann auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein Teil des Grundstücks abkaufte und ein eigenes Haus baute, war er Mieter bei Höltermanns. Die bekanntesten Mieter aber dürften Familie Leese gewesen sein, deren gleichnamiges Feinkost- und Gemüsegeschäft dort von 1955 an 42 Jahre lang geführt wurde. Gegründet wurde das Geschäft mit dem Handel von Obst und Gemüse von Johanna Leese, später übernahm es ihr Sohn Herbert Leese (*1943). Heute sind die Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Hauses an ein Blumengeschäft, ein Reisebüro sowie ein Änderungsatelier vermietet.

Schreier (Gräfin-Imma-Straße 48)

Heute ist es „Der Grieche“ in Stiepel, doch die Geschichte der Gastwirtschaft an der Gräfin-Imma-Straße 48 beginnt mit Familie Schreier bereits im Jahr 1836 am ursprünglichen Standort auf der anderen Straßenseite schräg gegenüber, heute die Hausnummer 49. Das genaue Jahr des Grundstückerwerbs und des Hausbaues ist nicht bekannt, aber man kann davon ausgehen, dass Heinrich Schreier vor 1824 mit dem Beruf des Leinenwebers nach Stiepel gekommen ist, denn auf der sogenannten Preußischen Gemeindekarte von 1824 ist das Haus bereits eingezeichnet. Das von ihm erworbene, ursprünglich rund 19.000 m² große Grundstück war Teil des seit der sog. Markenteilung 1786 dem evangelischen Pastorat gehörenden Waldstücks, des „Pastoratsbusches“. Auf diesem Grundstück errichtete er zusammen mit seiner Ehefrau Anna Catharina, geborene Wefelscheid, das Fachwerkhaus. Ab 1836 betrieb er dort eine Schankwirtschaft, die später zunächst sein Sohn Friedrich Wilhelm Schreier (* 1841, verheiratet mit Mathilde, geborene Schulte-Schüren), dann sein Enkel Heinrich Schreier (* 1871, verheiratet mit Caroline, geborene Grünendiek) weiterbetrieben. Die beiden letztgenannten Schreiers hatten als Haupterwerb den Beruf des Bäckers, von der Bäckerei zeugt noch der gemauerte außenliegende Kamin an der Ostseite des Hauses. Heute ist dieser Kamin mit Schiefer verkleidet. Neben der Bäckerei betrieben sie einen kleinen Laden und die besagte Gastwirtschaft. Aus dieser Zeit ist im heutigen Garten noch eine Steinplatte erhalten, die, versehen mit neun eingemeißelten kleinen Kreisen, zu einer Außen-Kegelbahn gehörte und als Stellfläche für die Kegel diente.

Das ursprüngliche Haus Schreier mit dem gemauerten Kamin, Schankwirtschaft ab 1836

Das ursprüngliche Haus Schreier mit dem gemauerten Kamin, Schankwirtschaft ab 1836

Erwähnenswert ist der nach 1900 auf dem Grundstück liegende ehemalige Sportplatz. In der Gründerzeit des Fußballs um die vorletzte Jahrhundertwende hatte Stiepel mehrere Fußballvereine, aber keinen vernünftigen Sportplatz. Diesen stellte Wirt Heinrich Schreier auf seinem Grundstück zur Verfügung, und zwar auf der Fläche der heutigen Siedlung Auf der Egge. Allerdings war die Existenz des Sportplatzes nicht von langer Dauer. Im Jahr 1913 verkaufte Heinrich Schreier die Grundstücksfläche, auf der in den 1920er Jahren durch die Gemeinde Stiepel die Siedlung Auf der Egge errichtet wurde. Mit den Erlösen aus diesem Grundstücksverkauf wurde unter Verwendung von Steinen aus dem ebenfalls auf dem Grundstück liegenden Steinbruch im Jahr 1913 schräg gegenüber mit dem Bau der „neuen“ Gastwirtschaft begonnen. Bis 1929 war dies die Kirchstraße 18, nach der Eingemeindung Stiepels nach Bochum die heutige Gräfin-Imma-Straße 48. Zunächst nannte Heinrich Schreier seine Wirtschaft, die ebenfalls eine Kegelbahn und einen Saal beheimatete, „Restauration Zum Sportplatz“. Der Name blieb aber nicht bestehen, die Stiepeler nannten es schlicht „Haus Schreier“. In vierter Generation wurde es danach von August Steinsträßer (* 1895, verheiratet mit Hedwig, geborene Schreier), der ebenfalls Bäcker war, und schließlich in fünfter Familiengeneration von 1950 bis 1965 von Heinz Steinsträßer und seiner Frau Edith betrieben.

Das 1913 erbaute neue Haus Schreier (Postkarte 1914)

Das 1913 erbaute neue Haus Schreier (Postkarte 1914)

Nach 129 Jahren mit fünf Generationen der Familie Schreier wurde die Wirtschaft verpachtet, das Haus wurde später im Zuge einer Erbteilung verkauft.  Im Haus wurde, wie im Vorgängerbau, zunächst eine Bäckerei und bis in die 1970er Jahre ein Lebensmittelgeschäft von Frieda Wegmann, geborene Schreier betrieben. Bis heute erhalten ist das „Kläppchen“, durch das einst die Bergleute auf dem Weg zur und von der Zeche ihren Schnaps kauften (damit sie nicht mit schmutziger Kleidung in die Wirtschaft mussten) und bis in die 1970er Jahre als eine Art Kiosk diente. Seit 1998 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Die Stadt Bochum nennt in ihrer Denkmalliste „baugeschichtliche und volkskundliche Gründe“ und schreibt: „… Auch die malerische Anordnung des dreiteiligen Gebäudes mit dem turmartigen Mittelteil ist typisch für Gasthausbauten der Jahrhundertwende.“

Das erhaltene Kläppchen, Gräfin-Imma-Straße 48

Das erhaltene Kläppchen, Gräfin-Imma-Straße 48

Allgemeines über Stiepeler Gastwirtschaften

Gastwirtschaften und ihre Entwicklung Das erste Adressbuch der Gemeinde Stiepel aus dem Jahre 1891 gibt genaue Hinweise auf die Anzahl der Wirtschaften. Setzt man die mit der Berufsbezeichnung Wirth, Schenkwirth, Gastwirth etc. versehenen Namen gleich der Anzahl an Wirtschaften, so kommt man auf 26 Gastwirtschaften bei einer Einwohnerzahl von seinerzeit 4.283. Die Aufteilung auf die einzelnen Bauerschaften sieht wie folgt aus: Brockhausen 6, Haar 5, Schrick 2, Mittelstiepel 11 und Oberstiepel 2. Damit kommen im Schnitt 165 Einwohner auf eine Wirtschaft. Gleichzeitig wird im Adressbuch ersichtlich, dass mit dem alleinigen Betrieb einer Wirtschaft unter den gegebenen Bedingungen kaum das Existenzminimum einer damals üblichen mehrköpfigen Familie erwirtschaftet werden konnte, zumal häufig neben den Kindern auch noch die Eltern mitversorgt werden mussten. Bis zum Jahr 1908 hatte sich die Anzahl der Gastwirtschaften dann auf 35 erhöht. Haupterwerbszweige Zieht man die Adressbücher und alte Katasterunterlagen zu Rate, so ist dem Wirtschaftsbetrieb häufig noch ein Ladengeschäft angegliedert. Bäckereien und sogenannte Spezereigeschäfte sind dabei in der Mehrzahl. Auch Landwirte finden sich unter den Wirten. In der Regel konnten die zumeist spärliche Anzahl an Gästen dann von den älteren Familienmitgliedern, für die die Feldarbeit zu schwer war, versorgt werden. Ein Teil der Wirte ging der relativ gut bezahlten Bergmannstätigkeit nach. Hierzu schreibt der Autor der Dorfschulchronik im Jahre 1916 speziell zum Einfluss des (1. Welt-)Krieges auf das Schankgewerbe: „Am meisten haben unter dem Einfluß des Krieges die Wirte zu leiden. Die Wirtschaften sind zum größten Teil fast immer leer und gut ist es, daß unsere Wirte nicht allein von der Wirtschaft zu leben brauchen, sondern nebenbei noch anderes Geschäft betreiben. Manche Wirte haben dem Druck des Krieges sich fügend, auf Zechen und Fabriken Beschäftigung gesucht.” Einer Schmiede (Wefelscheid/Kamplade) oder einem Landmaschinenbau (Gathmann) eine Wirtschaft anzugliedern, war auch kein schlechter Gedanke. Ließ sich doch die Wartezeit bei kleineren Reparaturen ganz gut mit einem Schnäpschen. Natürlich gab es auch Wirtinnen und Wirte, die aufgrund körperlicher Einschränkungen keiner weiteren Tätigkeit nachgehen konnten und die Wirtschaft als Zubrotquelle zu den meist kärglichen Witwen-, Invaliden- und Militärinvalidenrenten nutzten. Weiter waren unter den Wirten Handwerker wie Schreiner (Freese, Voßkuhlstraße) und Anstreicher (Hasenkamp, Zum Deutschen Eck, Ecke Kemnader-/Ministerstraße) oder Fuhrleute (Krockhaus, Kemnader Straße) zu finden. Auf dem Foto “Zum deutschen Eck” kann man beispielhaft die zwei Berufe des Heinrich Hasenkamp erkennen: vorne der Eingang zu seiner Wirtschaft, rechts der Eingang zum Malergeschäft. Die Wirte Hellmich im Bezirk Haar und Haarmann-Thiemann in Oberstiepel hatten sich im Jahr 1902 das Recht ersteigert, für die Benutzung der Chaussee (Kemnader Straße) im Namen der Gemeinde die zum Erhalt der Straße und zur Abtragung der Straßenbaukosten bestimmten „Chausseegelder” zu erheben. Zu diesem Zweck bezogen die „Pächter“ die entsprechenden Chausseegeldzettel von der Gemeinde und erhielten nach Abrechnung der ausgegebenen Zettel eine dem Verkehrsaufkommen und der Verkehrsart entsprechende Vergütung. Es wurde dabei zum Beispiel zwischen gummibereiften und nicht gummibereiften Fahrzeugen, sowie nach Anzahl der zur Verfügung stehenden Sitze unterschieden. Auch der Viehtrieb war gebührenpflichtig. Bei dem zur Entrichtung der Gebühr notwendigen Aufenthalt wird sicherlich manch einer eingekehrt sein und den Umsatz an Bier und Schnaps gefördert haben. Dass aber nicht immer Einigkeit zwischen Straßenbenutzer und Chausseegelderheber bestand, geht aus Beschwerden und Klagen gegen die Gemeinde hervor.

Zum Deutschen Eck, Kemnader-/Ecke Ministerstraße

Zum Deutschen Eck, Kemnader-/Ecke Ministerstraße

Standorte der Wirtschaften Bei Betrachtung der in Stiepel aktuell vorhandenen und der ehemaligen Gastwirtschaften fallen zwei Dinge auf: zum einen eine Häufung der Standorte entlang der Hauptverbindungsstraßen, speziell im Bereich der Kemnader Straße, und zum anderen, was bei der Anzahl der in Stiepel seinerzeit bestehenden Zechen- und Stollenbetriebe nicht unbedingt verwunderlich ist, die räumliche Nähe derselben zu Gastwirtschaften. Ein wesentlicher Faktor für das Entstehen und Bestehen der Wirtschaften war dabei das Verkehrs-aufkommen durch den Durchgangsverkehr, den Wochenendverkehr und den Berufsverkehr. Eine möglichst dichte Bebauung im Umkreis der Wirtschaften spielte offensichtlich keine, und wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle. In unterschiedlichen Quellen (Schulchronik, Protokollen zur Eingemeindung Stiepels im Jahre 1929 nach Bochum, Zeitungsartikel, Konzessionsanträgen zur Erlangung der Schankgenehmigung usw.) kommen die Punkte „Wochenend-”, „Ausflugs-” und „Berufsverkehr” besonders stark zum Tragen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Gastwirtschaft im Lottental, vielen noch als „Wengeler-Schmuch“ bekannt (heute Post’s Lottental), hatte ca. ab den 1930er Jahren knapp unter 1.000 Stühle im Biergarten. Die gesamte Außenfläche, die heute noch als Minigolfplatz erkennbar ist, war zu jener Zeit Biergarten. Und es waren nicht nur Stiepeler Bürger, die diesen und andere Biergärten besuchten. Es ist überliefert, dass sehr viele „Städter“ aus Bochum sonntags mit der Straßenbahn bis Weitmar fuhren und dann reihenweise zunächst über die Kemnader Straße sich in die Stiepeler Ausflugslokale begaben. Die Straßenbahnlinie 15 fuhr erst ab 1926 über die Kemnader Straße bis Stiepel und dann weiter über die Kosterstraße nach Hattingen. In der Schulchronik der damaligen Dorfschule (Ecke Nettelbeckstraße / Brockhauser Straße) schreibt der seinerzeitige Hauptlehrer Böhle im Jahre 1903: „… Dagegen ist eine Überfülle von Wirtschaften vorhanden (ungefähr 40). Die Vergnügungssucht ist groß. Es gibt während des Sommers wohl kaum einen Sonntag ohne Festlichkeit. Vielfach finden zwei oder drei statt; ja es ist schon vorgekommen, daß an einem Sonntag an sieben Stellen gleichzeitig gefeiert wurde.” In den Protokollen zur Eingemeindung Stiepels wird Stiepel als Verbindungsglied zur Ruhr, seine Bestimmung als zukünftiger Wohnort und Naherholungsgebiet im Vorstadtbereich sowie seine herausragende landschaftliche Schönheit schon zur damaligen Zeit herausgehoben. Die Gastwirtschaften an der Ruhr profitieren dabei natürlich von allen drei Verkehrsarten. Angebot an Speisen und Getränken Die ausgewiesene landschaftliche Schönheit des Ruhrtales war Anreiz für so manche Bochumer, das Wochenende zu einem Ausflug an die Ruhr zu und sich beim Faulenzen oder auch beim häufig angebotenen Tanzvergnügen zu erholen. Angeboten wurde dabei neben den üblichen Getränken von fast allen Wirten (nicht nur an der Ruhr) der sogenannte ,,Kaffee mit Zubrot”. Dieser bestand, mit leichten Variationen, aus einer Kanne Kaffee, einer Schnitte Schwarzbrot, einer Schnitte Stuten (selbstgebacken), einem Stück Kuchen (Streusel / Eiserkuchen / usw.), Butter und Marmelade. Ein weitreichendes Angebot an Speisen, wie es heute in fast allen Gaststätten gebräuchlich ist, kann nicht nachgewiesen werden. In der Regel beschränkte man sich auf einfachste Speisen, die einfach herzustellen und zu konservieren oder auch ohne Kühlung länger haltbar waren. Beispiele hierfür sind: Soleier, Bratheringe, eingelegte Gurken, belegte Schnittchen, Bratkartoffeln und Spiegeleier. Hierbei konnten sich natürlich die Wirte etwas hervortun, die nebenbei auch eine Metzgerei betrieben. Auch das Getränkeangebot war nicht einheitlich. Amtliche Schreiben zu Konzessionsanträgen aus den 1890er Jahren führen verschiedene Einschränkungen in der Ausschankgenehmigung auf: „ohne Einschränkung”, „ohne Branntweinausschank” und „nur für alkoholfreie Getränke”. Der katholischen Kirche wurde beispielsweise nur der Ausschank alkoholfreier Getränke zur Verpflegung auswärtiger Kirchenbesucher gestattet. Das Kameradschaftsheim, das von Bediensteten und Mitarbeitern der Stadt Bochum umgebaut und 1932 fertiggestellt wurde, hatte einen Sonderstatus und war lange Zeit nur Mitarbeitern der Stadt und deren Angehörigen zugänglich, Dabei war der Ausschank von Fassbier nicht erlaubt. Schriftstücke in den Anträgen zur Konzessionserlangung weisen darauf hin, dass das Gebäude eine ehemalige Mühle gewesen sein soll. Flurkarten aus der Zeit zu Anfang des 19. Jahrhunderts weisen das Gebäude als Mühle aus. Der Name Langenbach ist sowohl auf diesen Karten wie auch auf der Flurberichtigungskarte der Zeche „Schiffsruder” eingetragen.  

Wirtschaft von Heinrich Schreier, 1914

Wirtschaft von Heinrich Schreier, 1914

Anderweitige Aufgaben und Nutzung der Wirtschaften

  • Kioskfunktion

Eine der typischen baulichen Eigenheiten der Gastwirtschaften, die sich allerdings im gesamten Ruhrgebiet wiederfindet, ist das in Stiepeler Umgangssprache sogenannte „Kläppcken”. Gemeint ist damit ein Schiebefenster im Eingangsbereich, das eine Verbindung zum Schankraum bildete. Der Kiosk im heutigen Sinne existierte Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht in Stiepel. Seine Funktion wurde teils von dem sogenannten „Winkelier” und teils von den Wirtschaften ausgefüllt. Bergleute ließen sich auf dem Weg zum ,,Pütt” eben ihren mitgebrachten Schoppen füllen, ihre Zigaretten stückweise oder portionsweise durchs ,,Kläppcken” reichen. Kinder wurden geschickt, um das Bier zuerst in der mitgebrachten ,,Kruke” und später flaschenweise zu holen oder Tabakwaren mitzubringen. Flaschenbier wurde übrigens von der Schlegelbrauerei erst seit 1909/1910 und von der Fiegebrauerei seit 1928 abgefüllt. Bis in die 1970er Jahre in Betrieb und heute noch sichtbar ist das “Kläppcken” der ehemaligen Wirtschaft Schreier / Steinsträßer, heute ein griechisches Restaurant an der Gräfin-Imma-Straße 48. Auf dem Foto der Wirtschaft von Heinrich Schreier befindet es sich am Eingang unter dem Schlegel-Bräu-Schild.

  • Kirchenraum

Der fehlende Kirchenraum bzw. auch die große Entfernung zur bestehenden Kirche führte dazu, dass alle Konfessionen zumindest teilweise zum Gottesdienst oder zur Bibelstunde auf die den Wirtschaften zugehörigen Säle auswichen. Die katholische Gemeinde hielt 1902 in Ermangelung einer eigenen Kirche nach langer Zeit ihren ersten Gottesdienst wieder ab im Saal der Wirtschaft “Unter den Linden”, den Stiepelern besser bekannt unter “Becker-links”, wobei das Attribut „links” sich auf die vom Gemeindehaus her gesehene linke Seite der Kemnader Straße bezieht. Der zweite Bezirk der evangelischen Gemeinde (seit April 1928) hielt seine Gottesdienste vor dem Bau des Lutherhauses zeitweise im Saal der Wirtschaft Spitz ab, dem einzigen noch in Stiepel verbliebenen Saal, den man auch als solchen bezeichnen kann. Die Baptisten feierten unter Leitung des wohl allen älteren Stiepelern noch bekannten August Hahnefeld in Steinsträßers Saal ihre Weihnachtsfeiern.

  • Arztpraxis

Vor Dr. Gilbert, dem ersten in Stiepel niedergelassenen Arzt, praktizierten sowohl der in Weitmar ansässige Arzt Dr. Pickert wie auch der aus Blankenstein oder der aus Wiemelhausen wöchentlich anreisende Arzt ambulant zu festgesetzten Zeiten in den Räumlichkeiten der Wirtschaft Frische. Dr. Gilbert selbst hielt nach seiner Niederlassung als Knappschaftsarzt dienstags und samstags bei Frische sowie an den anderen Wochentagen bei Westermann seine Sprechstunden ab.

  • Truppenunterkunft und Notquartier

In und nach den Kriegen erfüllten Säle der Stiepeler Gastwirtschaften (und nicht nur der Stiepeler) die Funktion einer Truppenunterkunft. So waren sie laut Chronik der Dorfschule beispielsweise vom 29. November 1919 bis zum 6.Dezember 1919 von Truppenteilen der aus dem Kriege heimkehrenden Soldaten belegt. In der Zeit der Ruhrbesetzung zogen die Franzosen am 15. Januar 1923 in Stiepel ein, und laut Chronik wurden wiederum mehrere hiesige Säle für die Mannschaften mit Beschlag belegt. Dabei lagen im Saal des Wirtes Nattkemper eine Pionierkompanie und im Saal von G. Hofstiepel an der Kosterbrücke eine Infanteriekompanie.

  • Warenlager

Bochumer Geschäfte lagerten im 2. Weltkrieg einen Teil ihrer Waren nach Stiepel aus, um sie vor den Angriffen der englischen Luftwaffe in Sicherheit zu bringen. Die Firma Baltz brachte z. B. Wäsche, Tuchwaren und Kleidung im Saal der Wirtschaft „Zum Mailand” an der Hevener Straße und in den Räumen der Wirtschaft ,,Zum deutschen Eck”, Ecke Kemnader-/Ministerstraße, unter. Im Saal der Wirtschaft Rumberg wurden Schuhe gelagert. Nach Einmarsch der Amerikaner erfolgte teilweise die Plünderung der eingelagerten Waren.

  • Turnhalle

Vor dem Bau der Turnhalle betrieben die Sportvereine ihre Leibesübungen in den Sälen der Gastwirtschaften. Es heißt, dass die Säle teilweise für diese Nutzung ausgelegt wurden. Am bekanntesten war der legendäre Verein „Deutsche Eiche”, der seine Wettkämpfe gegen benachbarte Vereine in Frisches Saal austrug.

  • Boxring

Bis in die 1950er Jahre war der Saal bei Spitz Schauplatz so manchen ,,Großkampftages” des Boxring 48. Die Bühne konnte zu diesem Zweck schnell in einen Boxring umgewandelt werden

  • Tanzlokal

Wie schon zuvor bemerkt, wurde bis zum Aufkommen der Diskotheken in wesentlich stärkerem Maße sonntags in den Wirtschaften getanzt. Die Musiker wurden hauptsächlich vom Wirt engagiert, und die Tanzvergnügen fanden regelmäßig statt. Namen wie Kestermann, Schüttelrutsche, Hoffstiepel werden von älteren Stiepelern automatisch mit Tanz am Wochenende verbunden.

  • Theaterbühne

Von mehreren in Stiepel früher existierenden Bühnen besteht nur noch die im Saal des Hauses Spitz. Sie wird heute noch von der Volksbühne Wiemelhausen und bei einzelnen Veranstaltungen von Preziosa genutzt.

  • Lohnzahlstelle

Der Wirtschaft von G. Hofstiepel an der Ecke Brockhauser Straße / Kosterstraße gegenüber befand sich der Stollenbetrieb Margaretenglück / Anton Übelacker. Die Auszahlung der Wochenlöhne an die Belegschaft erfolgte jeweils am Freitag sprichwörtlich in der Lohntüte über den Wirtschaftstisch.

  • Versicherungsbüro

Die Wirtschaft von Haarmann-Thiemann beherbergte eine sogenannte „Schweinelade” und die Wirtschaften von Wefelscheid / Kamplade und Gathmann jeweils eine „Kuhlade”. Dieses war eine genossenschaftliche Versicherung für die sogenannten Kötter, die nur eine sehr begrenzte Anzahl an Schweinen und Kühen besaßen, und die ein Verlust sehr hart getroffen hätte, zumal das Vieh im Stall größtenteils zur Senkung der Lebenshaltungskosten und teilweise, z.B. durch den Verkauf überschüssiger Milch, direkt zum Familieneinkommen beitrug.

  • Rentenzahlstelle

An von der Knappschaft festgesetzten Tagen wurden in verschiedenen Wirtschaften die Witwen- und Invalidenrenten ausgezahlt.

  • Steuerzahlstelle

In anderen wurden wiederum an vom Amt Blankenstein festgesetzten Zeiten Steuern eingezogen.

  • Gerichtssaal / Schiedsstelle

Im 17./18. Jahrhundert wurde in der Kamplade unterhalb der Dorfkirche Gericht gehalten. 1786 wurde der Überlieferung nach hier das letzte Todesurteil gefällt. Zu diesem Zeitpunkt befand sich in der Kamplade noch eine Wirtschaft. Die Wirte August Haarmann zu Schrick und Friedrich Gathmann werden im Jahre 1891 als Schiedsmänner ausgewiesen, später der Wirt Haarmann-Thiemann.

  • Zentrale Uhrenstelle für Taubenuhren

Der Taubensport hatte im Freizeitsport speziell hier im Kohlenrevier bis in die 1960er Jahre einen weit höheren Stellenwert, als er ihn heute noch innehat. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre war dabei die Anschaffung einer sogenannten „Konstatieruhr”, mit der die Ankunftszeiten der Tauben nach Eintreffen im heimatlichen Schlag festgehalten wird, für den einzelnen nahezu unerschwinglich. Daher wurde eine gemeinsame Uhr meist im Vereinslokal stationiert. Traf eine Taube auf dem Schlag ein, wurde der sich am Fuß befindliche Gummiring abgenommen und auf dem schnellsten Wege zum Lokal gebracht, wo er dann „eingedreht” wurde. Je nach Entfernung des Taubenschlages vom Uhrenstandpunkt wurden dann Zeitgutschriften gewährt.

  • Poststelle

In folgenden Wirtschaften waren Poststellen installiert: 1. Frische (Zur schönen Aussicht), heute Haarholzer Straße 2 2. Rumberg, heute Kemnader Straße 319 3. Meier (Zum Altdeutschen), heute Brockhauser Straße 14 4. Witthüser (Zur Sonne), heute Brockhauser Straße 42 In diesen vier Gastwirtschaften wurde der Postdienst auch von dem Wirt bzw. einer/m Angehörigen des Wirtes versehen. In den 1960er Jahren wurden teilweise Renten auch über den Postschalter ausgezahlt, da das Girokonto noch nicht verbreitet war. Schenk-, Schank- und Gastwirtschaften Der Begriff „Schenkwirtschaft” oder „Schankwirtschaft” findet sich in Konzessionsanträgen um 1900 in beiden Schreibweisen. Letztendlich ist damit aber eine Wirtschaft gemeint, deren Konzession sich auf die, wenn auch manchmal eingeschränkte, Erlaubnis zum Ausschank von Getränken bezog. Die Befugnisse zum Betrieb einer Gastwirtschaft, einem Begriff, der heute umgangssprachlich im gleichen Sinne wie Kneipe, Pinte gebraucht wird, waren jedoch weitergehend. Dem Inhaber einer Gastwirtschaftskonzession war es erlaubt, Zimmer zu vermieten und Gäste zu beherbergen. Die in Stiepel ursprünglich vertretenen Brauereien Die Schlegel-Brauerei (gegr. 1854) war wohl diejenige, die neben den Stiepeler Hausbrauereien die längste Liefertradition in Stiepel hatte. Nach Übernahme durch den Schultheiß-Konzern, wurde sie geschlossen (Einstellung der Produktion im Juli 1980). Auch wenn ein lückenloser Nachweis der Bierlieferungen nach Stiepel nicht mehr möglich ist, so erscheint doch auf den älteren Fotos und Postkarten von Stiepeler Wirtschaften immer wieder das Schlegel-Emblem. Die bekannten Schlegel darin sind dabei nicht mit den hier im Ruhrgebiet aus dem Bergbau bekannten Schlägeln, sondern mit den im Küfereiberuf benutzten Hämmern gleichzusetzen, wenngleich eine Anlehnung nicht unbeabsichtigt war. Die im Dreieck angeordneten weißen Schlegel auf blauem Grund symbolisieren die bayrischen Landesfarben. Bis in die 1950er Jahre wurde der für unsere Gegend wahre Spruch ,,Bier braucht Heimat” im engsten Sinne ausgelegt. Die Biere kamen bis in die 1920er Jahre fast ausschließlich von den Brauereien Schlegel (Schlegel/Scharpenseel) in Bochum, Müser in Langendreer, Hülsmann in Wanne-Eickel. Das Glückauf-Bier und die Dortmunder Biere, wie Dortmunder Aktien, Dortmunder Union und Ritter waren wesentlich schwächer vertreten. Ihr Marktanteil nahm in Stiepel erst nach dem 2. Weltkrieg zu. Dieses trifft auch für die heute dominierende Brauerei zu: die Moritz Fiege Brauerei in Bochum.