Bauwerke

Haus Frische – Zur schönen Aussicht

Die als Haus Frische bekannte „Restauration zur schönen Aussicht“ (erster bekannter Wirt: Friedrich Frische) war ab 1857 ein über Stiepels Grenzen hinaus bekanntes Ausflugslokal. Außerdem war Haus Frische so etwas wie das soziale und gesellschaftliche Zentrum des gesamten Ortes. Neben der Postagentur war es Vereinslokal für etliche Vereine, zum Beispiel diente der Saal als Turnhalle für den Turnverein „Deutsche Eiche“. Da es bis 1919 keine Ärzte in Stiepel gab, hielten die aus den Nachbargemeinden angereisten Ärzte dort ihre Sprechstunden ab, sogar eine Zahnarztpraxis war eingerichtet. Bis ca. 1960 war im Saal das Kino „Alhambra“ beheimatet.

Im Jahr 1977 wurde das Gebäude abgerissen.

Der Name Frische hat sich im Sprachgebrauch der Stiepeler aber erhalten. Über den Bereich rund um die Haarholzer Straße wird auch heute noch mit den zwei Bezeichnungen “Auf dem Schrick” und “Frische” gesprochen. Dies zeigte sich auch in der Namensgebung der früheren Straßenbahnhaltestelle (Endstelle Linie 5) und jetzigen Bushaltestelle „Haarholzer Straße“. Diese hieß bis 1978 „Stiepel Frische“ und war Synonym für diesen Teil Stiepels.

Nachfolgend die ausführlichere Version eines Artikels aus den Ruhrnachrichten von Frank Dengler, erschienen am 26.März 2013. Er gehört zu der regelmäßig erschienenen Artikelreihe mit dem Titel ” Gruß aus Bochum”

„Zur Schönen Aussicht“ in Stiepel

Das Haus Frische war das älteste Ausflugslokal und existierte mehr als 100 Jahre

Wo die Kemnader Straße an ihrem höchsten Punkt eine scharfe Kurve beschreibt, bevor sie in das Ruhrtal hinabführt, befand sich früher ein beliebtes Ausflugslokal. Zwischen den Einmündungen der jetzigen Haarholzer und der Hevener Straße lag das weit über die Grenzen Stiepels bekannte „Haus Frische“.

Auch wenn sich die Gaststätte später als „ältestes Ausflugslokal in Stiepel“ (Anzeige 1933) bezeichnete, wurde sie nicht als solches gegründet. Als nämlich der Schlosser und „Winkelier“ Friedrich Frische im Jahr 1857 die erste „Schenkwirthschaft“ eröffnete, gab es noch keinen nennenswerten Ausflugsverkehr. So war das Haus Frische zunächst als Gastwirtschaft für die Einheimischen in Stiepel gedacht.

Als weitere Einnahmequellen dienten eine Postagentur im Gebäude (bis 1905) und Räumlichkeiten, in denen wechselnde Ärzte praktizieren konnten. (Erst im Jahr 1919 ließ sich der erste Arzt in Stiepel nieder.) Eine Zeit lang gab es dort sogar eine kleine Zahnarztpraxis. Darüber hinaus wurde Frische von vielen Stiepeler Vereinen als Vereinslokal genutzt. So entwickelte sich das Haus zu einem wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkt.

Der Charakter als rein Stiepeler Institution änderte sich, als Frische in den 1860er Jahren begann, Konzerte und Festlichkeiten zu organisieren, die er auch in Bochumer Zeitungen annoncierte. Zugleich wuchs die städtische Bevölkerung, so dass nicht nur die zahlreicher werdende Industriearbeiterschaft in ihrer karg bemessenen Freizeit nach Ausgleich und Entspannung „im Grünen“ strebte.

Dadurch entwickelte sich Haus Frische zum Ausflugslokal. Bald wurde die Wirtschaft durch einen großen Saalbau für verschiedene Veranstaltungen und umzäunte Grünanlagen (Biergarten) ergänzt. Außerdem ließ der Inhaber 1885 einen Aussichtsturm errichten. Die Höhenlage des Lokals war so günstig, dass kein richtiger Turm nötig war, sondern ein Dachreiter mit Panoramaplattform auf dem Haupthaus ausreichte. Dieser Entwicklungsstand von Haus Frische, das inzwischen „Restauration zur schönen Aussicht“ hieß, lässt sich auf dem Ausschnitt einer Postkarte aus dem Jahr 1900 gut erkennen.

Auch auf anderen historischen Ansichtskarten und in Zeitungsanzeigen wurde die „Fernsicht 15 bis 20 Meilen in der Runde“ als „schönste Aussicht 5 Stunden im Umkreis“ gepriesen. Tatsächlich konnten die Gäste nicht nur über das Ruhrtal hinaus, sondern auch nach Norden Richtung Bochum schauen, wo bei klarem Wetter die Schlote des Bochumer Vereins zu erkennen waren.

Mehrere Generationen der Frisches bewirtschafteten das Lokal, welches durch Bau der Straßenbahnlinie 5 von Bochum (1927, bei Frische war die Endhaltestelle) leichter erreichbar wurde und einen entsprechenden Aufschwung erlebte. 1931 folgte der Anschluss einer Buslinie nach Blankenstein. Die Gebäude wurden weiter ausgebaut und modernisiert, so zeigt ein Zeitungsfoto von 1932, als das 75. Jubiläum gefeiert wurde, größere und zahlreichere Fenster am Hauptgebäude. Dennoch gab die Familie ihre Wirtschaft 1935 in andere Hände (Hedwig Niepmann), und schon 1938 kam es zum nächsten Besitzerwechsel (Walter Klein).

Ob dies bereits Anzeichen eines beginnenden Niedergangs waren, ist schwer zu sagen. Nachdem es zwischenzeitlich als Befehlsstelle der NSDAP-Gauleitung herhalten musste, existierte das Lokal jedenfalls nach dem Krieg weiter, scheint aber allmählich seine Anziehungskraft als Ausflugsziel verloren zu haben. Dieser Trend lässt sich auch bei anderen Gartenlokalen seit den 1950er Jahren verfolgen und hat wohl mit den im „Wirtschaftswunder“ gestiegenen Ansprüchen und der höheren Individual-Mobilität zu tun. Mit eigenem Auto oder Motorrad konnten weiter entfernte und attraktivere Ziele leicht erreicht werden. Darunter hatten die alten Ausflugslokale „um die Ecke“ zu leiden.

Wirte der Nachkriegszeit waren nach den Bochumer Adressbüchern Günther Büsch (1953) und Luise Hasenvclever (1956). Unter der wohl letzten Pächterin, Margret Krause, lautete der Name in den 1960er Jahren wieder „Haus Frische“. Im benachbarten Saalbau residierte bis ca. 1960 das „Alhambra“-Kino (1949-53 „Apollo“). Um 1970 wurde auch die Gaststätte endgültig geschlossen. Zuletzt als Wohnhaus genutzt, erfolgte 1976 der Abbruch des Gebäudes. Die Straßenbahn war bereits Ende 1963 durch eine Buslinie ersetzt worden, deren Haltestelle noch bis 1978 „Stiepel Frische“ hieß.

Es dauerte bis 1993/94, dass das ehemalige Frische-Gelände eine Neubebauung erfuhr. Nach einigen vorherigen Änderungen im Straßenverlauf (z.B. Haarholzer Straße) steht seitdem an der Kurve der Kemnader Straße ein Wohn- und Geschäftshaus (Architekt Karl Friedrich Gehse, Bochum / Witten). Dieses auffällige, postmodern anmutende Gebäude dürfte mit seinen turmartigen Eckbauten den Bewohnern auch heute noch eine „schöne Aussicht“ bescheren.

  • Friedrich Frische, 1857 der Gründer der ersten Gastwirtschaft, war Schlosser und „Winkelier“ (auch: „Winkeliér“), ein heute ausgestorbener Begriff.
  • Diese bis ins frühe 20. Jahrhundert gängige Berufsbezeichnung meint einen Kleinsthändler, der meist als Nebenerwerb im ländlichen Raum Lebensmittel und einfache Haushaltswaren, in Westfalen auch Holzschuhe, anbot.
  • Im Niederländischen hat sich die ursprünglichen Bedeutung bis heute erhalten: „Winkel“ (kleiner Laden), „winkelen“ (Einkäufe machen).

Malakoffturm Brockhauser Tiefbau

Station  40 (alt 25) des Bergbauwanderweges Koordinaten · 51° 25′ 52,8″ N , 7° 12′ 17″ O .      

Brockhauser Tiefbau um 1900 mit Maschinenschacht Carl Friedrichs Erbstollen (links oben)

Die Zeche Brockhauser Tiefbau entstand am 1.April 1873 durch die Konsolidation von 5 Zechen Die Anzahl der Kuxe  wurde auf 1000 festgelegt. Daran hatten  die  beteiligten Zechen folgende Anteile.

Zeche Friedrich  (verliehen   1752 und  1856)                                                     421

Preußisch Zepter (verliehen   1858)                                                                      228

Diebitsch  (verliehen am   1846 und  1846)                                                          171

Vereinigte Treue und Amsterdam (verliehen    1749 und 1842)                      129

Ignatius   (verliehen   1819)                                                                                       34

Glückswinkelburg (Feld oberhalb St.Matthias Erbstollensohle)   (1845)        17

Die Angaben und Daten wurden  der Bekanntmachung des Königlichen Oberbergamtes Dortmund  im Amtsblatt für  den Regierungsbezirk Arnsberg   mit Datum 7.Juli 1875 entnommen.  

Hinweis auf weiterführende  Information

  Eine sehr gute und ausführliche  Darstellung der Entwicklung , Bedeutung, Funktion und Architektur  der Malakowtürme  (von Walter Buschmann) ist auf der Seite Rheinische Industriekultur unter folgendem Link veröffentlicht. Malakowtürme (rheinische-industriekultur.de)

Stiepeler Gemeindehaus – Zeitzeuge unterschiedlicher politischer Systeme

Die Einwohnerzahl Stiepels hatte sich vom Ende des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts fast verdoppelt, von rund 3.500 im Jahr 1880 bis auf rund 6.500 Einwohner im Jahr 1908. Damit wuchs auch der Bedarf an „Verwaltung“, was die damalige Gemeindevertretung dazu veranlasste, eine neues Amts- und Gemeindehaus zu errichten. Bis zum Jahr 1910 wurden die Amtsgeschäfte der Stiepeler Gemeinde in dem heutigen Haus „Im Königsbusch 5“ getätigt, insbesondere waren dort das Standesamt und die Wohnung des Standesbeamten untergebracht.

Amtshaus "Im Königsbusch" (bis 1910), Foto 1950er Jahre (Sammlung Willi Dickten)

Amtshaus “Im Königsbusch” (bis 1910), Foto 1950er Jahre (Sammlung Willi Dickten)

Im Juni 1908 wurde der Beschluss gefasst, auf den Grundmauern der 1904 abgebrannten Schule an der Kreuzung Koster- / Haar- und Kemnader Straße ein neues Gemeinde­haus zu errichten. Im März 1910 erfolgte der erste Spatenstich, im Oktober 1910 wurde das Gebäude fertiggestellt. Im Erdgeschoss wurden die Büros des Gemeindevorstehers, des Standesbeamten, des Meldeamtes sowie das Trauzimmer  und das Sitzungszimmer der Gemeindevertretung untergebracht. Im ersten und zweiten Geschoss befanden sich Dienstwohnungen, unter anderem für eine Krankenschwester und den Polizeisergeanten. Dazu kamen in einem kleinen Anbau zwei Arrestzellen. Heute noch von der Rückseite erkennbar ist ein kleines vergittertes Fenster in dem eingeschossigen Anbau. Somit diente das Gemeindehaus auch als Polizeistation. Die erste Sitzung der Stiepeler Gemeindevertretung im neuen Gebäude fand am 18.Januar 1911 statt, Dieses Datum hatte man wohl mit Bedacht ausgewählt, da es sich um den 40 jährigen Jahrestag der Kaiserproklamation und Reichsgründung im Jahre 1871, also einen Gedenktag mit besonderer Bedeutung für das wilhelminische Deutschland handelte. Die letzte Sitzung fand im Juli 1929 statt, wenige Tage vor der Eingemeindung nach Bochum.

Das im Jahr 1910 errichtete "neue" Gemeindehaus, 1950er Jahre (Sammlung Willi Dickten)

Das im Jahr 1910 errichtete “neue” Gemeindehaus, 1950er Jahre (Sammlung Willi Dickten)

Bei der Eröffnung hielt der Blankensteiner Amtmann Thiel eine Ansprache, in der er betonte, dass der Zweck des Gemeindehauses sei, „ … für die Gemeinde Stiepel einen kommunalen Mittelpunkt zu schaffen, es soll ein Wahrzeichen sein für echten starken Bürgersinn, Einigkeit und Strebsamkeit, für Bürgerrechte und Bürgerpflichten.“ Das Gemeindehaus steht als Zeitzeuge der höchst unterschiedlichen Ausrichtungen politischer Systeme, ausgehend vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis zur Demokratie. Es war für die Stiepeler  Bürger mit allen wesentlichen Stationen eines menschlichen Lebens in einer politischen Gemeinde, wie Geburt, Heirat, Tod, medizinische Betreuung, politische Betätigung, polizeiliche Angelegenheiten, Ausweis- bzw. Passangelegenheiten, Steuerangelegenheiten, Genehmigungen, Bücherei, Wohnung des Polizisten   usw. verbunden.

Ehemalige Arrestzellen auf der Rückseite, Zustand 2019

Ehemalige Arrestzellen auf der Rückseite, Zustand 2019

Die Stadt Bochum nutzte das Gebäude ab 1929 als Außenstelle für unterschiedliche Ämter. Insbesondere wurde eine sogenannte Fürsorgestelle eingerichtet mit Arzt- und Schwesternsprechstunden für Säuglinge und Kinder. Aber auch (ehemalige) Bergleute fanden dort ärztliche Unterstützung bei Lungenkrankheiten. Bis in die 1970er Jahre waren im Gemeindehaus das Standes- und das Gesundheitsamt vertreten. Für die Stiepeler war es selbstverständlich, dass man auch in Stiepel heiraten konnte.

Aktuell wird das Gebäude zum Großteil von der Freiwilligen Feuerwehr genutzt, es ist aber in keinem besonders guten Zustand. Um eine mögliche Schädigung der Bausubstanz zu verhindern, müssten bauliche Maßnahmen umgesetzt werden. Der Stiepeler Heimatverein setzt sich dafür ein, dass dieses historisch wertvolle Gebäude langfristig erhalten bleibt.

Aktualisierung März 2024: Die Stadt Bochum als Eigentümerin des Gebäudes startet jetzt die Sanierung!

Das über der Eingangstür hängende Schild wurde nach 1929 abmontiert

Das über der Eingangstür hängende Schild wurde nach 1929 abmontiert

Eingerüstetes Gemeindehaus März 2024
Eingerüstetes Gemeindehaus März 2024

Lutherhaus

Das Lutherhaus der evangelischen Kirchengemeinde Bochum-Stiepel

Seit 1930 hat das Lutherhaus viele Veränderungen erfahren, die sich im Lauf der Zeit aus den sich wandelnden Bedürfnissen der Menschen ergaben, für die es gebaut wurde. Als Betsaal und Gemeindehaus angelegt, ist es inzwischen zu einem pulsierenden Zentrum des aktiven Stiepeler Gemeindelebens gewachsen, in dem Glaube, Kunst, Kultur und gemeinsame Freude ihren festen Platz haben. Aber wie ist das Lutherhaus, wie wir es heute kennen, eigentlich zu dem geworden, was es ist? Was hat sich seit der Grundsteinlegung getan und wie kam es dazu?

Das Lutherhaus in Bochum-Stiepel, 2017

Titelbild: Das Lutherhaus in Bochum-Stiepel, 2017

Betrachtet man die Bevölkerungsentwicklung in Stiepel, stellt man eine große Veränderung zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Beginn des 20. Jahrhunderts fest. 1871 hatte Stiepel, damals noch einschließlich Buchholz, 3.100 Einwohner. 1905 hatte sich mit 6.000 die Einwohnerzahl fast verdoppelt, darunter eine große Anzahl Menschen evangelischen Glaubens. So wurde es erforderlich, für die seelsorgerische Versorgung eine weitere Pfarrstelle einzurichten. Die größere Gemeindevertretung fasste in einer Sitzung am 22. Juni 1909 den Beschluss, eine zweite Pfarrstelle mit Amtssitz auf der Haar ins Leben zu rufen. Das Konsistorium (Verwaltungsbehörde der Landeskirche) lehnte eine Beihilfe zur Einrichtung zunächst jedoch ab. Im Mai 1910 stellten das Presbyterium und die Repräsentanten der Gemeinde erneut einen Antrag mit neuen Finanzierungsplänen. Endlich stimmte das Konsistorium zu und erteilte zum 1. Juni 1911 die Einrichtungsurkunde. Zu dieser Zeit hatte der Lehnsherr, Inhaber des Patronats auf Kemnade, Freiherr Ludwig von Berswordt Wallrabe, noch das Vorschlagsrecht für die Besetzung der Pfarrstelle, machte davon aber keinen Gebrauch. Das Königliche Konsistorium in Münster berief daher den Hilfsprediger Max Joachim auf die neue Planstelle. Er wurde am 26. März 1912 in die Gemeinde eingeführt. Da noch kein Pfarrhaus vorhanden war, bezog er eine Wohnung im Gebäude der Gemeindeverwaltung an der damaligen Hauptstraße, heute Kemnader Straße, Ecke Haarstraße. Joachim legte 1922 sein Amt nieder, ihm folgte 1923 Karl Heuer, der bis 1927 die zweite Pfarrstelle innehatte. Die Gottesdienste fanden im Wegmannschen Saal, heute Haus Spitz an der Kemnader Straße, Ecke Hülsbergstraße, statt. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und Überwindung der Wirtschaftskrise konnte an den Bau des Pfarrhauses gedacht werden. 1924 erwarb Landwirt Heinrich Haarmann zwei Preußische Morgen, an der Kemnader Straße und an der heutigen Königsallee. Das Pfarrhaus wurde in den Jahren 1927 und 1928 errichtet.

Lutherhaus: Das alte Pfarrhaus

Lutherhaus (1): Das alte Pfarrhaus

Die finanziellen Mittel konnten durch den Vertrag mit der Stadtgemeinde Bochum über die Ablösung der Patronatsverpflichtungen generiert werden. In § 2 des Vertrages verpflichtete sich die Stadtgemeinde Bochum für die Patronatsablösung 110.000 RM an die Kirchengemeinde zu zahlen. Von dieser Summe wurde auch 18.000 RM für den Betsaal im Haarbezirk eingeplant.1927 folgte Karl Husemeyer Pfarrer Heuer auf die zweite Pfarrstelle. 1929 kaufte die Gemeinde dann einen weiteren Morgen an der Kemnader Straße von Heinrich Haarmann für den geplanten Betsaal. In der Presbyteriumssitzung vom 4. Januar 1929 wurde der grundsätzliche Beschluss zum Bau des Gemeindehauses neben dem neuen Pfarrhaus gefasst. Die Kirchenvertretung beschäftigte sich in mehreren längeren Sitzungen mit der Finanzierung des Betsaales. Es wurde eine Kommission gewählt, die einige solcher Bauten besichtigen sollte. Architekten aus der Nachbarschaft sollten aufgefordert werden, Pläne einzureichen, aus denen dann der passendste ausgesucht werden sollte. Von der Betsaalkommission wurden die Architekten Schmiedeknecht und Stommel aus Bochum vorgeschlagen. Die Pläne sollten so beschaffen sein, dass eine sich später eventuell ergebende Vergrößerung des Betsaales oder der notwendige Bau einer Kirche in der Nähe des Saales ohne besondere Schwierigkeiten durchführbar wäre.

Lutherhaus: Postkarte um 1930

Lutherhaus (2): Postkarte um 1930

Zur Finanzierung wurde der Beschluss gefasst, ein Darlehen beim Deutschen Sparerbund für Eigenheime in Düsseldorf aufzunehmen. Am 10. Februar 1929 wurde im Wegemannschen Saal ein Kirchenbauverein gegründet. Seine Aufgabe sollte es sein, durch freiwillige monatliche Beiträge einen Fonds zu schaffen, der der Kirchengemeinde beim Bau des Betsaales auf der Haar zur Verfügung gestellt wird.

Lutherhaus: Gründung Kirchenbauverein

Lutherhaus (3): Gründung Kirchenbauverein

Der Bochumer Architekt und Regierungsbaumeister Wilhelm Stommel wurde mit der Planung des Baus beauftragt. Stommel hatte Erfahrung in der Planung von multifunktionalen Sakralgebäuden, er plante und baute auch die Kreuzkirche in Wattenscheid-Leithe. Am 26. Januar 1930 wurden sein Bauplan und der Kostenvoranschlag in Höhe von 95.000 Reichsmark vom Presbyterium und der größeren Gemeindeversammlung genehmigt. Zur Überwachung dieses Projekts wurde eine Baukommission gewählt. Sie bestand aus den Pfarrern Husemeyer (2. Pfarrstelle Haar) und Lohmeyer (1. Pfarrstelle Dorf), den Kirchmeistern Heinrich Kosthaus und August Thierhoff, den Gemeindeverordneten Gottfried Ansorge und Gustav Thierhoff aus dem Haarbezirk, Emil Behrenbeck und Lehrer Wilhelm Linnhoff aus dem Dorfbezirk. Auf die Gemeindeglieder im Haarbezirk kam viel Arbeit zu, denn sie verpflichteten sich, die Ausschachtungs- und Erdarbeiten in Eigenhilfe auszuführen.

Lutherhaus: Ausschachtungsarbeiten

Lutherhaus (4): Ausschachtungsarbeiten

Die gesamte Inneneinrichtung sollte durch freiwillige Gaben und Spenden beschafft werden. Der erste Spatenstich erfolgte am 10. März 1930, die Maurerarbeiten begannen am 7. Juli; und am 24. August erfolgte die Grundsteinlegung.

Lutherhaus: 1. Spatenstich März 1930

Lutherhaus (5): 1. Spatenstich März 1930

Nach einem Festgottesdienst im Schreierschen Saal zog die Gemeinde bei herrlichstem Wetter zum festlich geschmückten Bauplatz. Pfarrer Lohmeyer eröffnete mit einer Schriftlesung und einem Gebet die Feier. Die Festansprache hielt Superintendent Neuhaus. Danach verlas Pfarrer Husemeyer die hier im Wortlaut folgende „Urkunde zur Grundsteinlegung des Betsaales und Gemeindehauses in Stiepel-Haar.“ Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen! Am zehnten Sonntag nach dem Trinitatisfest, dem 24. August, im Jahre des Heils 1930, als Generalfeldmarschall von Hindenburg Reichspräsident und D. Zoellner Generalsuperintendent von Westfalen und Pfarrer Neuhaus Superintendent des Kirchenkreises Hattingen war, wurde der Grundstein dieses Hauses gelegt. In der Kirchengemeinde Stiepel in Bochum, die in der über 900 Jahre alten Kirche im Dorf eines der ältesten Gotteshäuser an der Ruhr besitzt, ersteht auf der Haar das Luther-Haus: Betsaal und Gemeindehaus. Es sei uns Stätte der Anbetung und Erbauung, Hort des standhaften Glaubens und ein Wahrzeichen des Treuebekenntnisses vieler zum Herrn der Geister und der Gemeinde Jesu Christi. Das Haus soll Luther-Haus heißen, den Namen unseres großen Reformators Dr. Martin Luther tragen, durch den Gott unserem Volke den köstlichen Schatz des Evangeliums wiederschenkte. Sein Bild leuchte uns vor als der fromme und mutige in Gottes Wort und Geist gefestigte Glaubensheld, der uns in unserer gärenden und unruhevoll wogenden Zeit den festen Grund des Glaubens weist. In ernster und schwerer Zeit wird dieses Haus gebaut. Der Wunsch, daß es erstehe, geht zurück bis in die Vorkriegszeit. Im Jahre 1912 erhielt der Haarbezirk eine selbständige Pfarrstelle, seitdem verlangte man in der Gemeinde nach eigenem Raum zum Gottesdienst und zur Sammlung der Gemeinde. Der harte Verteidigungskampf im Weltkriege 1914-18 und die schweren Erschütterungen des deutschen Volkslebens in der Nachkriegszeit verhinderten zunächst die Ausführung dieses immer dringenderen Verlangens. Der Gottesdienst mußte bisher im Schreierschen Saal gehalten werden. Im Jahre 1925 wurde unter Pfr. Karl Heuer das Grundstück zum Bau des Pfarrhauses und Betsaales von dem Landwirt Heinrich Haarmann erworben und 1929 erweitert. Nach Einführung der beiden Pfarrer Hermann Lohmeyer (Dorf) und Karl Husemeyer (Haar) im Juni 1927 wurden im Jahre 1928 die langwierigen Verhandlungen wegen Ablösung des Jahrhunderte alten Patronats zum Abschluß gebracht. Nach Erbauung des Pfarrhauses Haar 1927/28 ging man an den Bau des Betsaals. Im Frühjahr 1929 entstand der Kirchenbauverein, der durch freiwillige Beiträge die Innenausstattung des Hauses besorgen will. Nach langen und ernsten Erwägungen gewann der Plan zum Bau dieses Hauses im Frühjahr endgültige Gestalt. Aus mehreren auftragsgemäß eingereichten Entwürfen wurde das Projekt des Architekten Reg.-Baumeister Stommel Bochum zur Ausführung erwählt und der Kostenanschlag von 95.000 Mark durch einmütigen Beschluß der kirchl. Vertretung am 26. Januar 1930 genehmigt. In der Baukommission, der die sorgfältige Durchberatung und Förderung des Baues obliegt, wurden gewählt die Herren: Pfr. Lohmeyer und Husemeyer, Kirchmeister Heinrich Kosthaus und August Thierhoff, Gemeindeverordneter Emil Behrenbeck und Wilhelm Linnhoff, Gottfried Ansorge und Gustav Thierhoff. Der erste Spatenstich wurde nach einer schlichten Feier am 10. März 1930 getan. Von opferwilligen Gemeindegliedern wurden dann in fröhlichem Wetteifer die gesamten Erdarbeiten und viele Fuhren freiwillig ausgeführt. Nach Überwindung der letzten Schwierigkeiten konnte am 7. Juli mit den Maurerarbeiten begonnen werden. Eben ist ein Jahr vergangen, seitdem Stiepel seine Selbständigkeit aufgab und nach Bochum eingemeindet wurde. Das Jahr 1930 hat mit den schweren Krisen im Wirtschaftsleben viel Arbeitslosigkeit und Not gebracht, auch die in unserer Gemeinde gelegene Zeche Karl Friedrich wurde zum 15. August stillgelegt. Dennoch legen wir den Grundstein in der Hoffnung, daß der Herr dies Werk gelingen lassen und segnen möge! Das Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde Stiepel Karl Husemeyer, Pfr. pr. presb.; Hermann Lohmeyer, Pfr.; Heinrich Kosthaus, Kirchmeister; Hugo Böhle; Wilhelm Behrenbeck; August Thierhoff, Kirchmeister; Karl Diergardt; Heinrich Haarmann; Wilhelm Rumberg; Fritz Riepenberg; Heinrich Heiermann; Heinrich Strunk. In die Kupferkapsel, die im Grundstein eingelassen wurde, sind noch weitere Dokumente eingelegt worden. Neben dem Sonntagsblatt „Friede und Freude“ vom 24. August waren es zwei Tageszeitungen sowie Verzeichnisse der Mitglieder des Kirchenbauvereins, der gesamten Kirchenvertretung, aller freiwilligen Mitwirkenden bei den Erd- und Fuhrarbeiten und der Spender. Aufgeführt wurden auch die beteiligten Bauunternehmer Wilhelm Behrenbeck, Karl Diergardt und Georg Kortwig sowie die übrigen bis dahin beauftragten Handwerker.

Lutherhaus: Grundsteinlegung August 1931

Lutherhaus (6): Grundsteinlegung August 1931

Nach fast einem Jahr, am 30. August 1931, wurde das Lutherhaus feierlich eingeweiht. Die Feierlichkeiten, wieder ausgehend vom Wegemannschen Saal, werden in nachfolgendem Programm und Zeitungsartikel ausführlich beschrieben.

Lutherhaus: Einweihung August 1931

Lutherhaus (7): Einweihung August 1931

 

Lutherhaus: Zeitungsauschnitt zur Einweihung

Lutherhaus (8): Zeitungsauschnitt zur Einweihung

 

Lutherhaus: Einladung zur Einweihung

Lutherhaus (9): Einladung zur Einweihung

 

Lutherhaus: Eröffnung 1931

Lutherhaus (10): Eröffnung 1931

In dieser arbeits- und ereignisreichen Zeit war Pfarrer Husemeyer bis 1956 Seelsorger der Haargemeinde. Er verstarb als bisher einziger Pfarrer während seiner aktiven Dienstzeit.

Lutherhaus: Pfarrer Husemeyer

Lutherhaus (11): Pfarrer Husemeyer

In diese fielen 1951 auch die Renovierungs- und Aufräumarbeiten nach Ende des zweiten Weltkrieges. Dabei wurden gleichzeitig der etwas problematische Zugang zur Kanzel verbessert und die Treppe erneuert.

Lutherhaus: Saal, 1950

Lutherhaus (12): Saal, 1950

 

Lutherhaus: Saal, 2017

Lutherhaus (13): Saal, 2017

Vor der Bleiverglasung im Altarraum wurden von innen Schlagläden angebracht, die Kirchenmaler Fritz Mannewitz bemalte. Fritz Mannewitz, geb. 1902 in Tharand bei Dresden, Lehrzeit als Dekorationsmaler, Aufnahme in die staatliche Kunstgewerbeschule, Tätigkeit als selbstständiger Malermeister mit Schwerpunkt Restaurierung und Ausgestaltung von Gutshäusern und Kirchen; 1950 Übersiedlung nach Bochum, dort bis 1956 tätig; verstorben 1962 in Ehlershausen bei Hannover. Die Schlagläden zeigen die Evangelisten aus dem Neuen Testament Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, mit ihren Symbolen und typischen Sprüchen aus den Evangelien.  

Lutherhaus: Schlagläden von Fritz Mannewitz

Lutherhaus (14): Schlagläden von Fritz Mannewitz

Auf Husemeyer folgte Dr. Reinhard Runge, welcher das Amt bis 1964 innehatte, dann Harald Bedenbender bis 1971, Wilhelm Tefehne bis 1978, Werner Posner bis 1986 und Gerd Heil bis 1992. Erstmalig besetzte zwischen 1993 und 1995 eine Frau, Angelika Martin, die zweite Pfarrstelle. Nach einem Jahr Wirken der Vertretungspastoren Dr. Udo Arnold und Pascal Schilling wurde Ortwin Pfläging auf die Stelle berufen, die er bis 2016 wahrnahm. Aktuelle Stelleninhaberin ist seit 2017 Christine Kükenshöhner. Das Lutherhaus hat einen Andachtsraum, der je nach Ausrichtung der Bestuhlung und Öffnen oder Schließen von Faltwänden für kleinere und größere Gottesdienste, Versammlungen oder andere Veranstaltung eingerichtet werden kann. Dominiert wird der große Altarraum durch drei Fenster in farbiger Antikschnittverglasung, nach einem Entwurf des Kunstmalers K. W. Heyer von der Essener Glasmalerei W. Hallermann ausgeführt und eingebaut.

Lutherhaus: Verglasung Altarraum

Lutherhaus (15): Verglasung Altarraum

In der kleinen Apsis befinden sich zwei weitere Fenster vom selben Künstler. Karl Willy Heyer, geboren am 27.4.1900 in Dortmund, lebte zunächst in Köln, dann bis 1982 in Bochum. Er studierte an der Staatlich genehmigte Handwerker- und  Kunstgewerbeschule, heute   Folkwangschule für Gestaltung  in Essen, war 1921 Mitbegründer der Westfälischen Künstler und Kunstfreunde (VWKuK) und seit 1946 Mitglied im Bochumer Künstlerbund (BKB). Als freischaffender Künstler beschäftigte er sich mit Malerei, Grafik, Schriftkunst, Mosaik und Glaskunst. Beispiele seiner Arbeit sind u. a. in der Pauluskirche, Melanchthonkirche und Petrikirche zu finden. Auf der Empore wurde erst im Laufe der 1940er Jahre eine gebrauchte Orgel eingebaut, eine Neuanschaffung war zu kostspielig. Die Gottesdienste wurden mit einem Harmonium musikalisch begleitet.  1975 wurde die alte Orgel durch eine Bosch Opus 657 ersetzt.  

Lutherhaus: Bosch-Orgel

Lutherhaus (16): Bosch-Orgel

Organisten waren bis 1937 der Lehrer August Haarmann, bis 1957 Pfarrfrau Walpurg Husemeyer, ihr folgte Paul Wieber, ab 1975 Ernst Schulte-Umberg, Wernfried Lahr bis 1978. Ab 1980 war Else Zöger Organistin, das Amt wurde dann ab 1994 von Angelika Henrichs übernommen. Weitere Räumlichkeiten sind vorhanden: Im Erdgeschoss befindet sich ein großer Raum, das sogenannte Musikzimmer. In einem Teil des Flures wurde im Rahmen der Renovierung eine barrierefreie Toilette eingebaut. Die Garderobenanlage der Düsseldorfer Firma Johannes Melzer aus dem Jahr 1931 ist immer noch in Funktion. Für ihre Montage erhielt Gustav Gathmann seinerzeit 36 Reichsmark. Im ersten Obergeschoss befindet sich eine ca. 100 qm große Wohnung. Diese wurde zeitweise von den Stiepeler Gemeindeschwestern Hedwig Hölper (1947 bis 1950) und Luise Herbst (1950 bis 1984) bewohnt. Als Luise Herbst nach 34 Jahren aus dem Dienst verabschiedet wurde, ging nach Empfinden der alten Stiepeler die „Gemeindemutter“.

Lutherhaus: Gemeindeschwester Hölper

Lutherhaus (17): Gemeindeschwester Hölper

Auch die Küster der Gemeinde, von 1934 bis 1975 Lilli Ose, von 1975 bis 1991 Rose-Marie Zint und ab 1991 Walter Wiesemer, wohnten im Gemeindehaus. Im zweiten Obergeschoss befinden sich mehrere Räume, die in letzter Zeit für die Jugendarbeit genutzt wurden. Von hier aus erreicht man auch das „Glockentürmchen“, in dem die von der Herforder Läutemaschine „Voco“ angetriebene Glocke hängt. Diese wurde von der Verwaltung der Zeche Klosterbusch gestiftet. Klosterbusch war mit 1.133 Beschäftigten nach Stilllegung der Zeche Karl-Friederich im Jahr 1929 neben der Henrichshütte der größte Arbeitgeber in Stiepel. Hergestellt wurde die Glocke vom Bochumer Verein. Ihre Inschrift lautet: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Am 9. Oktober 1932 wurde sie eingeweiht.

Lutherhaus: Glockenweihe 1932

Lutherhaus (18): Glockenweihe 1932

Im Kellergeschoss befinden sich die Sanitärräume und eine große Küche mit eigenem Eingang von der hinteren Umfahrung. Die Küche ist mit einem Speisenaufzug ausgestattet, der den Vorraum des großen Saales direkt mit der Küche verbindet. Der ursprüngliche Handaufzug der Firma Joseph Tepper aus Münster mit einer maximalen Tragkraft von 40 kg wurde in den 60er-Jahren auf elektrischen Antrieb mit 50 kg Tragkraft umgestellt. Hinter der Küche befindet sich ein Raum, in dem sich heute die Konfirmanden treffen. In dem als Turnhalle konzipierten Raum unter der Altarbühne, früher von den Jünglingsvereinen als solche genutzt, befindet sich heute das „Luther`s“, Bar/Lounge/Disco. Auch die „Turnhalle“ hat einen eigenen Zugang. Der große Außenbereich, das Grundstück war mittlerweile auf drei Morgen angewachsen, veränderte sich im Laufe der Zeit. In den Kriegs- und Nachkriegszeiten wurden große Teile des Pfarrgartens zur Versorgung der Pfarrfamilien landwirtschaftlich genutzt. Heute überwiegt die Nutzung als Garten. Auch die Zugänge zum Lutherhaus änderten sich. Bevor die Königsallee entstand, wurde der hintere Eingang vor allem von Besuchern aus der Haar-, Voßkuhl- und Surkenstraße genutzt. Der Pastor bevorzugte den Seiteneingang, um schnell vom Pfarrhaus in die Kirche zu kommen. Der Haupteingang befindet sich jedoch in der westlichen Giebelwand und ist über die Kemnader Straße zugänglich. Die gesamten Räumlichkeiten verteilten sich auf eine Grundfläche von ca. 500 qm. Das Haus ist ca. 39 m lang und 13 m breit, im westlichen Bereich zweieinhalbgeschossig, im eigentlichen Saal aber, bis auf einige kleine Nebenräume, nur eingeschossig. So multifunktional das Gebäude geplant und gebaut ist, stellte einen Nachteil, besonders in früheren Jahren, der Friedhofsweg dar. Fand die Trauerfeier im Lutherhaus statt, musste der Leichnam über die Kemnader- und die Gräfin-Imma-Straße bis zum Friedhof ins Dorf gebracht werden. In den ersten Jahren nach Eröffnung des Lutherhauses wurde dies noch mit einem von Pferden gezogenen offenen Leichenwagen bewerkstelligt.  

Lutherhaus: Leichenzug bis ins Dorf

Lutherhaus (19): Leichenzug zum evang. Friedhof in Stiepel-Dorf

Nicht selten wurde der Zug von der Kapelle „Stock“ begleitet, die auch am Grab spielte. Zwar war ein Friedhof für den Haarbezirk geplant, doch kam es nie zur Ausführung. In den Jahren 1964/65 wurde ein neues Pfarrhaus errichtet. Das alte wurde dann 1967 dem evangelischen Kirchenkreis für die Dauer von 20 Jahren überlassen, entsprechend der Laufzeit eines landeskirchlichen Darlehens zur Finanzierung des neuen Pfarrhauses.

Lutherhaus: neues Pfarrhaus (1964/1965)

Lutherhaus (20): neues Pfarrhaus (1964/1965)

1981 konnte die Gemeinde den fünfzigsten Geburtstag des Lutherhauses feiern. Am Samstag, 11. Juli 1981, ab 17.00 Uhr wurde das Fest im Rahmen einer Feierstunde mit Kirchenchor, Posaunenchor und einem Vortrag von Dr. Schonefeld über die Geschichte der Gemeinde sowie anschließendem gemütlichem Abend „oben“ und Jugendfete „unten“ begangen. Der Sonntag begann um 11.00 Uhr mit einem Familiengottesdienst. Anschließend folgte ein gemeinsames Mittagessen, offenes Singen mit dem Kirchenchor, ab 14.00 Uhr gab es Kaffee und Kuchen, Spiele für Jung und Alt. Posaunenchor und Feuerwehr waren vor Ort. Kehraus war ab 18.00 Uhr. Am 30. Juni 1992 wurde das Lutherhaus unter Denkmalschutz gestellt. Auf der Karteikarte der Denkmalschutzliste wird es wie nachfolgend beschrieben: Gemeindehaus: Zweigeschossiger Putzbau über Sandsteinsockel unter Walmdach mit Glockentürmchen. Runderker und zwei weitere, verspringende Bauteile auf der Rückseite des Gebäudes, sonst strenge geometrische Gebäudeform. Seitlich liegendes Portal. Typische Formensprache der ausgehenden 20er Jahre des 20. Jhd. Rechter Gebäudeteil durch hohe, über zwei Geschosshöhen gehende Rechteckfenster, als Saalbau auch äußerlich erkennbar. Im Gebäudeinneren weitestgehend noch ursprüngliche Raumaufteilung und -gestaltung, die in einigen Bereichen durch noch ursprüngliche, bewegliche Wandelemente unterschiedlichsten Nutzungsanforderungen angepasst werden kann. Großer Gottesdienst- und Gemeindesaal mit an der Ostwand angefügtem, halbkreisförmigen Erker zur ursprünglichen Aufnahme des Altarraumes. Aus seiner Lage ergeben sich weiter städtebauliche, kirchengeschichtliche und stadtteilgeschichtliche Gründe, die Objekte geeignet scheinen lassen, historische Vorgänge und Entwicklungen des Stadtteils Stiepel und der Kirchengemeinde Stiepel aufzuzeigen. Im Jahr der Renovierung (1998) wurde ein Änderungsantrag zum Denkmal gestellt. Der Vorplatz mit den Baracken, der dem Kindergarten provisorisch Platz gab, sollte aus dem Denkmalschutz herausgenommen werden. Im Zuge dieses Antrages wurde von der unteren Denkmalbehörde eine Fortschreibung des Denkmals vorgenommen. Mit freundlicher Genehmigung der Behörde wird auch diese Beschreibung wörtlich wiedergegeben, da sie das Denkmal treffend beschreibt. Denkmalliste der Stadt Bochum, Karteikarte: A260, Lutherhaus, K__emnader Str. 127  Der Denkmalwert erstreckt sich auf das Äußere des Gebäudes mit seinem konstruktiven Innengerüst, der Raumaufteilung sowie den Resten originaler Wand fester Ausstattung, wie z. B. Bühne, Empore, Farbverglasung im Saal, Treppe in das Obergeschoss, Haustüren. Zugehörig ist auch die terrassenartige Außenanlage auf der Nordostseite des Gebäudes. Es handelt sich bei dem Gebäude Kemnader Straße 127 in Bochum um ein langgestrecktes, zweigeschossiges Gebäude unter mit Pfannen gedecktem Walmdach, auf dessen First ein kleiner quadratischer Glockendachreiter sitzt. Betont schlicht gestalteter Baukörper, dessen einziger Schmuck der Sockel und die rechteckigen Portaleinfassungen aus roh gebrochenen Sandsteinquadern sind. Darüber sind alle Fensteröffnungen bündig in die glatten, weißen Putzflächen eingeschnitten. Nur die Sohlbänke treten als Tropfleisten leicht vor. Die kubische Großform wird ausschließlich durch funktionsbedingte Vorbauten wie Haupt- und Nebeneingänge, Altarapsis und Nebenraum zur Bühne gegliedert. Ebenso sind die Fensterformate jeweils den Belichtungsbedingungen angepasst, woraus sich wiederum gliedernde Elemente ergeben zwischen schmalen hochformatigen und eher „quadratischen“ Fenstern verschiedener Größe, wobei stets gliedernde und ordnende Regeln beachtet sind. Der Haupteingang des Gemeindehauses befindet sich auf der nordwestlichen Schmalseite. Eine einläufige Freitreppe, die die Höhendifferenz des Sockels ausgleicht und aus dem Material wie diese erstellt ist, ist ihm vorgelegt. Die innere Erschließung erfolgt über eine Art Längsflur, der in Windfang und sich foyerartig aufweitende Raumeinheiten gegliedert ist. An ihm liegen Versammlungsräume und rückwärtig der große Gemeindesaal. Er ist das Kernstück des Lutherhauses und kann je nach Bedarf als Festraum mit Ausrichtung auf die als leicht bespielbare Laienbühne eingerichtete Bühne oder im rechten Winkel dazu mit Ausrichtung auf die Altarapsis als Gottesdienstraum benutzt werden. Bunte Glasfenster mit Darstellung des Reformators Luther, der Stiepeler Dorfkirche als Mutterkirche, der benachbarten Burg Blankenstein, der christlichen Symbole von Taube und Kreuz erläutern die Standortbestimmung der Kirchengemeinde. Empore und (im Laufe des Verfahrens des Änderungsantrages) erneuerte Falttüren bieten die Möglichkeit, je nach Besucherzahl oder Benutzerkreis die Raumgröße zu variieren. Auch in seinem üppigen Raumangebot für kirchlichen Unterricht und Gruppenarbeit entspricht das Gebäude noch der ursprünglichen Raumaufteilung. Auch hier ermöglichen (kürzlich erneuerte) Faltwände eine variable Nutzung. Die Zimmerfenster sind inzwischen zum größten Teil als Isolierfenster mit ungeteilten Scheiben erneuert worden. Ebenso wurde die Tür zum Saal und der Bodenbelag im erdgeschossigen Flur im Laufe des Unterschutzstellungsverfahrens erneuert. Für Erhaltung und Nutzung liegen wissenschaftliche, d. h. hier baugeschichtliche Gründe vor, weil die Baugruppe exemplarisch die Gestaltung und Organisation eines evgl. Gemeindezentrums in den Jahren vor der Machtübernahme des nationalsozialistischem Regimes dokumentiert. Die beim Lutherhaus angewandte, betont schlichte, auf Funktion ausgerichtete Architekturauffassung entspricht den allgemeinen Gestaltungstendenzen am Ende der 1920er-Jahre. Mit Kenntnis der Erscheinungen des Internationalen Stils entstanden auf Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit ausgerichtete Bauten, die in ihrer Gestaltungsstrenge und Übersichtlichkeit einen neuen Klassizismus vorbereiteten. Abweichend vom Internationalen Stil vermittelt jedoch sparsam eingesetzter Naturstein und ausschwingendes Walmdach heimatlich gefärbte Assoziationen. Als vorrangige Bauaufgabe entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg das Gemeindehaus, das unter einem Dach die verschiedenen Aspekte des Gemeindelebens vereinigt. Neben der Knappheit der finanziellen Mittel lag der Bauaufgabe auch ein neues biblisches Verständnis zugrunde, dass die kirchliche Gemeinde eine Lebensgemeinschaft bedeutet. In diesen Mehrzweckbauten sollte der Abendmahltisch eine besondere Stellung haben, was im Lutherhaus durch Ausbildung der runden Apsis geschah. Stilistische Empfehlungen zielten auf modernere Architektur als Baukörper, funktionalistisch ohne „Fassade“ und Ornament (Paul Girkon, Neubauten evgl. Gemeinden und Verbände in Westdeutschland. Im Auftrag der Beratungsstelle für kirchliche Kunst beim ev. Pressedienst…..). Hans Herkommer, Kirchliche Kunst der Gegenwart, Stuttgart 1930, propagierte, dass Geist und Wesen des Protestantismus eine schlichte, unrepräsentative, anspruchslose Formgebung in Bau und Ausstattung verlange. Nach Jahrzehnten der romantischen Wiederbelebung geschichtlicher Großstile sollten die auf das tatsächliche Bedürfnis beschränkten Bauten streng und unsymmetrisch gestaltet werden unter Verzicht auf äußere Aufmachung.  Datum der Fortschreibung 31. März 1999 Stadt Bochum, Der Oberbürgermeister, Im Auftrage, Dipl.-Ing. Göschel In der Beschreibung der Bleiglasfenster hinter dem Altar auf der Bühne irrte Herr Göschel. Beim Motiv des rechten Fensters handelt es sich nicht um die Burg Blankenstein, sondern um die Wartburg in Thüringen, wo Luther an seiner Bibelübersetzung arbeitete. Im Jahre 1998 beschloss die Gemeinde nach langer, fast 70-jähriger Nutzung eine umfassende Renovierung des Kirchensaals. Diese wurde im Zeitraum Februar bis Mai 1999 durchgeführt. Altar- und Innenraum wurden neu gestaltet, die Deckenausmalung wurde nach einer Planung durch Dr. Christel Darmstadt so gestaltet, dass nun beide Ausrichtungen der Kirche – bei großen Gottesdiensten Ausrichtung auf den Hauptaltar, bei kleineren Ausrichtung auf die seitliche Apsis – gegeben sind. In beiden Richtungen sind die Deckenbemalungen und Lampen mittig angeordnet. Die Treppen zum Altar und das Podest der Apsis wurden erneuert. Ferner wurden die Kanzel, das Taufbecken, die Bestuhlung und der Altar in der Apsis erneuert. Die bleiverglasten Fenster wurden gegen doppelt verglaste ausgetauscht. Nur die Fenster im Altarraum und im Erker blieben erhalten.

Lutherhaus: Deckausmalung (1999)

Lutherhaus (21): Deckausmalung (1999)

 

Lutherhaus: Verglasung / Erker

Lutherhaus (22): Verglasung / Erker

An der Außenfront wurde der mittlere Seiteneingang mit einer Rampe versehen, um das Lutherhaus auch mit Rollstuhl erreichbar zu machen. Neben diesem Eingang fand ein von Bildhauermeister Peter Suerken aus Esslingen künstlerisch gestalteter Grabstein einen ansprechenden Platz. Der Grabstein wurde zum Gemeindejubiläum von der Familie Darmstadt geschenkt. Mit einem Festgottesdienst wurde das neugestaltete Lutherhaus am 9. Mai 1999 von der Gemeinde in Besitz genommen.

Lutherhaus: Seiteneingang

Lutherhaus (23): Seiteneingang

Im Jahre 2006 feierte die Gemeinde Stiepel-Haar das 75-jährige Jubiläum des Lutherhauses. Die funktionale Bauweise machte es möglich, dass sich im Lutherhaus die vielfältigsten Veranstaltungen etablierten. Neben Gottesdiensten, Taufen und Hochzeiten werden Saal und Bühne auch für die Zusammenkünfte und Darbietungen einiger Vereine genutzt. Als Beispiel sei der Stiepeler Verein für Heimatforschung genannt, der seinen plattdeutschen Gottesdienst seit Jahren dort abhält, oder der Theaterverein Preziosa, der seine Theaterstücke auch im Lutherhaus aufführte. Des Weiteren wird das Lutherhaus vom Posaunenchor Haar als Proberaum genutzt. Der Gospelchor „Children oft Light“ übt und gibt Konzerte im Lutherhaus, so auch der Musikverein „Gut Klang“, der sein Jahreskonzert dort gibt. Von Jugendgruppen bis zu den Senioren in verschiedensten Bastel-, Gesprächs- und Arbeitskreisen, alle finden hier Platz und Raum. Betrachtet man z. B. den Veranstaltungskalender im Gemeindebrief Nr.17, so findet fast jeden Tag ein Treffen statt. Eine solche Anzahl von Veranstaltungen lässt auf ein reges Gemeindeleben und erfolgreiche Jugendarbeit schließen.   Text: Gerhard Hagenkötter Quellenverzeichnis: Winfried Schonefeld, Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Stiepel 1983 Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Stiepel Archiv Ev. Stiftung Diakoniewerk Ruhr-Witten Privatsammlung Wilhelm Haarmann, Stiepel Stadt Bochum, Stadtplanungs-und Bauordnungsamt Manfred Bär, Bochumer Zechen Eine Datensammlung 1620-1974 2012 Privatsammlung Dr. Andreas Mannewitz Interviews mit Anne Steven, Gerda Hoffstiepel, Christa Haard, Renate Reininghaus-Seifert, Elisabeth Loos, Siegfried Seifert, Dr. Christel Darmstadt, Paul Ose, Bernd Figgemeier, Werner Fernholz. Bildnachweise: Bild Nr. 1,13,16,20,22,23,Titelbild Gerhard Hagenkötter Bild Nr. 2,4,6,9,11,12,17,18,19,21 Archiv evangelische Kirchengemeinde Stiepel Bild Nr. 3,5,7,8,10 Stadtarchiv Hattingen: Hattinger Zeitung Bild Nr. 14,15 Stadt Bochum, Presse- und Informationsamt Stand 30.9.2017

Altes Pastorat

Das ehemalige Pastorat bzw. Pfarrhaus der evangelischen Gemeinde Stiepel liegt am unteren Ende der Straße “Im Sonderfeld”, heute hat es die Hausnummer 68. Ein Vorgängerbau musste im Jahr 1770 abgerissen werden, das “neue” Pfarrhaus wurde unter Pastor Bruns (Pastor in Stiepel von 1775 – 1815) im Jahr 1780 errichtet. Im Jahr 1952 verkaufte die Gemeinde das Gebäude (Infomationen entnommen aus der Festschrift “1000 Jahre Dorfkirche Bochum-Stiepel”). Das Gebäude liegt zwar etwas verborgen, ist aber bei einem Spaziergang durch den sog. Pastorssiepen südlich des alten Friedhofs gut zu sehen. Die charakteristische Fensterform, so wie auf dem historischen Foto, ist heute noch gut zu erkennen.

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Das alte Pastorat um 1900, im Vordergrund Pfarrer Schimmel mit Familie

 

Heutiger Blick auf Haus Nr. 68 aus dem sog. Pastorssiepen

Heutiger Blick auf Haus Nr. 68 aus dem sog. Pastorssiepen

Ziegelei Munkenbeck – der erste Industriebetrieb in Stiepel

In unserem über Jahrhunderte durch Landwirtschaft und Bergbau geprägten Ortsteil ist vor etwas mehr als 100 Jahren -wenn man es so sehen will- der erste Industriebetrieb deutlich erweitert worden: die Ziegelei Munkenbeck. 1890 in Betrieb gegangen, wurde im März 1912 die geplante Erweiterung im Hattinger Anzeiger bekanntgemacht, Widerspruchsfrist inklusive. Dort heißt es: „Die Frau Witwe Georg Munkenbeck zu Stiepel beabsichtigt auf ihrem … Grundstücke … einen Ziegel-Ringofen anzulegen.“ Mit diesem Grundstück ist das Gelände des heutigen Sportplatzes an der Kemnader Straße gemeint, das zum Hof Munkenbeck gehörte. Die Genehmigung wurde am 8. Mai 1912 erteilt. Mit demselben Datum wurde darüber hinaus die Anlegung eines feststehenden Dampfkessels genehmigt. Bestandteil der Anlage waren dann neben dem Ringofen und dem Dampfkessel zwei Schornsteine sowie ein großer Wasserteich.

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Blick nach Norden: die Ziegelei Munkenbeck mit der Kemnader Straße im Hintergrund, deren Verlauf durch die alleeartige Baumbepflanzung sichtbar wird. Foto: Archiv W. Dickten

Zunächst, d.h. ab 1890, handelte es sich vermutlich um eine sog. Feldbrandziegelei. Im Stiepeler Einwohnerverzeichnis aus dem Jahr 1891 werden rund 10 „Ziegelarbeiter“ genannt, die auch auf dem Gelände der Ziegelei gewohnt haben. Der Umstieg auf einen sog. Ringofen im Jahr 1912 bedeutete eine höhere Mechanisierung und effizientere Produktion.

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Blick nach Süden: die Wiese im Vordergrund ist der ehemalige Sportplatz, dort wo heute die Flaßkuhlstraße beginnt. Dahinter ein Kornfeld, dann die Ziegelei. Der Höhenzug im Hintergrund ist die Henkenbergstraße. Foto: Archiv W. Dickten

Nach dem Tod der Witwe Munkenbeck kauft die Gemeinde Stiepel den Erben die Ziegelei im Jahr 1920 ab. In der Versammlung der Gemeindevertretung von 1. April 1920 wird protokolliert: „… beschließen wir heute den Ankauf der in unserer Gemeinde liegenden Munkenbeckschen Ziegelei zum Preis von 130.000 M. … durch die Produktion der Bausteine einerseits preisausgleichend und preisermäßigend zu wirken … und andererseits wird die Rentabilität durch den mit starker Wahrscheinlich­keit grossen Bedarf auf längere Zeit sichergestellt sein.“ Neben der eigentlichen Finanzverwaltung der Gemeinde gibt es in den Folgejahren eine separate „Ziegeleikasse“. Nach der Eingemeindung Stiepels nach Bochum (1929) betrieb das Tiefbauamt der Stadt Bochum die Ziegelei. Das Rohmaterial wurde im Steinbruch gewonnen und je nach Beschaffenheit und Art der herzustellenden Produkte mit Sandstein und Lehm aufbereitet. Nach der Weltwirtschaftskrise wurde die Ziegelei in den Jahren 1930 und 1931 nur mit halber Produktion betrieben, im Jahr 1932 ruhte der Betrieb. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkriegs wurde ein Drittel der Belegschaft (von insgesamt rund 25 Personen) eingezogen. Solange es eben ging, wurde die Produktion aufrecht erhalten. Im Frühjahr 1941 konnte die Ziegelei aber nicht wieder in Betrieb gehen, sie wurde als “nicht kriegswichtig” stillgelegt. Beim schweren Luftangriff auf Stiepel am 13./14. Mai 1943 wurde sie so stark beschädigt, dass ein Wiederaufbau nicht machbar erschien. Die noch vorhandenen Maschinen wurde an andere Ziegeleien verkauft bzw. ein Rest verschrottet und die Gebäudereste Anfang der 1950er Jahre abgebrochen (Informationen aus den Verwaltungsberichten der Stadt Bochum 1928 – 1952). Der Tonschieferbruch und der große Ziegelei­teich wurden mit Trümmern aus dem zerstörten Bochum zugeschüttet, der gesamte Bereich wurde planiert. Anfang der 1950er Jahre wurde auf dem Gelände der Stiepeler Sportplatz erstellt.

Stadtplan-Ausschnitt 1929: An der Stelle der Ziegelei ist heute der Tennis- und Sportplat. Foto: Amt für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster der Stadt Bochum, Kontrollnummer: BO/11/367 Stadt Bochum

Stadtplan-Ausschnitt 1929: An der Stelle der Ziegelei ist heute der Tennis- und Sportplatz. Foto: Amt für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster der Stadt Bochum, Kontrollnummer: BO/11/367 Stadt Bochum

Glockengeläut auf dem Haarmannshof

Die Existenz des Haarmannshofes an der Haarstraße ist urkundlich 1486 (Stiepeler Grenzbegehung) nachgewiesen. Es gibt jedoch auch schon eine Urkunde aus dem Jahre 1382, die auf einen sogenannten Vorratskamp an dieser Stelle hinweist. Das heutige Bauernhaus wurde 1750 gebaut. Im Dachstuhl dieses Hauses befindet sich das aus dem Jahre 1590 stammende Uhrwerk mit einer auf dem Giebel des Hauses angebrachten Glocke. Dieses kleine Glockenhaus ist das Wahrzeichen des Gehöftes. Das Uhrwerk ist somit älter als das Wohnhaus und muss schon auf einem vorherigen Gebäude existiert haben.

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Glockentürmchen

 

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Uhrwerk

Der Mechanismus des Uhrwerks wurde von einem Bruder des um 1600 den Hof bewirtschaftenden Haarmann-Bauern entworfen. Dieser wurde dann durch einen nicht mehr bekannten Stiepeler Fachhandwerker konstruiert und mit der Hand jedes einzelne Teil geschmiedet. Die Stiepeler Bewohner richteten sich in den frühen Jahren und während des 30jährigen Krieges, später dann auch die Bergleute, nach diesem Uhrwerk. Zur damaligen Zeit gab es noch keine Kirchen, Schulen und Fabriken, die durch Läuten Mittag und Feierabend verkündeten. Seit Ende des 19. Jahrhunderts stand die Uhr. Mehrere Uhrmacher hatten den Versuch unternommen, dieses Werk wieder in Gang zu bringen, was jedoch nicht gelang. Die Uhr ist dann langsam verrottet und verfallen. Im Jahre 1935 wurde das Uhrwerk von dem Bochumer Uhrmacher Wedekind überholt. Die im Uhrinneren eingeritzten Jahreszahlen 1590, 1709, 1790 und 1798 deuten jedenfalls an, wann dieses seltene Werk erbaut ist, bzw. nachgesehen wurde. Das Uhrwerk ist im Moment betriebstüchtig und in der Lage, zu jeder vollen und halben Stunde zu schlagen. Es wird jedoch nicht in Gang gesetzt, da es ansonsten auch die gesamte Nacht hindurch schlagen würde, welches mit einer unvertretbaren Lärmbelästigung der Nachbarn einherginge. Das schmiedeeiserne Uhrwerk mit mehr als 40 Zahnrädern hat etwa die Größe eines Fernsehgerätes. In der Mitte vorn ist das Pendel mit einem Gewicht aus Blei zu erkennen. Nachdem das Uhrwerk wieder erste Anzeichen von Korrosion zeigte, wurde es im Juni 2019 ausgebaut und dann einer grundlegenden Sanierung bei einem Restaurator in Recklinghausen unterzogen. Sämtliche Teile wurden einzeln von Farbresten (Silberbronze und Lack) befreit und ausgeschlagene Lager wieder gangbar gemacht. Die Metallteile wurden abschließend mit einer speziellen Schutzschicht überzogen und das Uhrwerk dann wieder zusammengesetzt. Am 19.10.2019 kehrte das weiterhin funktionstüchtige Uhrwerk auf den Hof zurück und wurde in den zwischenzeitlich ebenfalls restaurierten Schutzschrank eingebaut. Es kann nun bei Bedarf wieder in Betrieb genommen werden.

Uhrwerk nach Wiedereinbau (2019)

Uhrwerk nach Wiedereinbau (2019)

Wieder erkennbare Jahreszahlen der Herstellung und Reparaturen

Wieder erkennbare Jahreszahlen der Herstellung und Reparaturen

  Winterlinde Auf dem Hofraum 10 m mittig vor dem 260 Jahre alten Wohnhaus steht eine Winterlinde. Dieser Baum ist 14 m hoch, hat einen Stammumfang von 4,10 m und einen Kronendurchmesser von ca. 16 Meter. Die Blüten der Winterlinde sind reich an ätherischen Ölen mit schleimlösender Wirkung und werden häufig in Form von Tee verabreicht. Dieser mittlerweise über 200 Jahre alte Baum ist in seiner Wuchsform für Bochum einmalig und wurde deshalb 1980 in die Liste der Bochumer Naturdenkmäler aufgenommen und einer entsprechenden baumpflegerischen Maßnahme unterzogen; er befindet sich noch heute in einem guten Allgemeinzustand. Bis 1980 war der Baumstamm von einer handgezimmerten Sitzbank fast vollständig umgeben auf der man mit dem Rücken zum Stamm sitzen konnte. Dieser Sitzplatz mit Blick auf das Wohnhaus, die Scheune und den Teich bot im Sommer den Knechten und Mägden Schatten und wurde gerne für die Mittagspause oder auch zum sonstigen Verweilen genutzt. So wurde an einem vor dem Baum in den Boden eingelassenen Metallblock die Sense auf der Bank sitzend durch Hammerschläge begradigt und auch wieder geschärft. Der Platz auf der Bank lud auch gerne in der Abend-dämmerung zu Gesprächen mit Nachbarn und Besuchern ein. An einem waagerecht nach Westen verlaufenden Ast war ab 1955 eine Kinderschaukel angebracht, die allerdings 1980 im Rahmen der Baumerhaltung entfernt werden musste.

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Nach wie vor ist dieser Baum ein sehenswerter Mittelpunkt des gesamten Hofraumes.

Autor: Wilhelm Haarmann

Kemnader Brücke

Bauwerk über die Ruhr wurde am 26. Mai 1950 eingeweiht Die Geschichte der Ruhr-Überquerung in Richtung Blankenstein zieht sich für die Stiepeler Bürger eher zäh durch die Jahrhunderte, bis es endlich in den Jahren 1926 – 1928 zum Bau der Kemnader Brücke kam. Wer die Ruhr in der Zeit davor überqueren wollte, war auf die Fähre Westerberg (später Diergardt, an der Straße „An der alten Fähre“) angewiesen, die ihren Betrieb wahrscheinlich im 18. Jahrhundert aufnahm. Auch nachdem im Jahr 1893 die „Chaussee von Weitmar bis zur Ruhr“, die heutige Kemnader Straße, fertiggestellt war, endete diese unmittelbar an der Ruhr. Zur Überquerung wurde dort dann eine weitere Personen- und Lastfähre eingerichtet, und zwar durch die adeligen Herren des Hauses Kemnade. Der Bau einer Brücke wurde durch die Gemeinden Stiepel und Blankenstein immer gefordert, er wurde aber durch die Herren von Kemnade verhindert, da diese ein Fährrecht für sich reklamierten und offensichtlich über die Jahrhunderte auch durchsetzen konnten. Auch die Fähre Westerberg hatte auf Grund des mit Haus Kemnade verbundenen Fährrechts einen „Fähr-Pacht-Contract“ (*), für den eine jährliche Pacht zu entrichten war. In Höhe der heutigen Kemnader Brücke gab es darüber hinaus eine Furt, die bei niedrigem bzw. normalem Wasserstand durch Fuhrwerke genutzt werden konnte. Sie ist aber nach einem Hochwasser im Jahre 1909 ganz verschwunden (*).

Spuren des Zweiten Weltkriegs: die Reste der im April 1945 zerstörten Kemnader Brücke

Spuren des Zweiten Weltkriegs: die Reste der im April 1945 zerstörten Kemnader Brücke

Die Planung einer Brücke über die Ruhr wurde trotz des drohenden Streits über das Fährrecht und dessen finanzieller Entschädigung ab dem Jahr 1903 aufgenommen. Bis zum Jahr 1914 war die Finanzierung der Brücke zwischen den beteiligten Gemeinden und der Provinzialverwaltung in Münster geklärt und es lagen alle Genehmigungen vor. Dann brach jedoch der erste Weltkrieg aus und jegliche Aktivität zum Bau der Brücke wurde auf Eis gelegt. Erst ab dem Jahr 1925 wurde das Projekt wieder in Angriff genommen, die (erste) Brücke wurde am 18. Juni 1928 eingeweiht. Die Frage des Fährrechts hatte sich zwischenzeitlich dadurch gelöst, dass die Stadt Bochum im Jahr 1921 Eigentümerin des Hauses Kemnade geworden ist. Nach Fertigstellung der Brücke wurde der Fährbetrieb an dieser Stelle eingestellt. In einem damaligen Bericht heißt es: „Mit dem Bau dieser Brücke wurde damit eine seit langem notwendig gewordene Verbindung zwischen Bochum und dem Bergischen Land geschaffen.“ Neben der lokalen Bedeutung hatte die Kemnader Brücke diese übergeordnete Funktion bis zur Fertigstellung der Autobahn A43 Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre. Ende des zweiten Weltkriegs wurde die Brücke zerstört, deutsche Truppen sprengten sie beim Rückzug am 11. April 1945 (*). Im Jahr 1947 begann man zunächst damit, die Trümmer aus dem Ruhrbett zu entsorgen, im Jahr 1949 begann der Wiederaufbau. Nach genau einjähriger Bauzeit konnte die (zweite) Kemnader Brücke dann am 26. Mai 1950 eingeweiht und dem Verkehr übergeben werden. In der Zeit zwischen Zerstörung und Wiederaufbau wurde an dieser Stelle der Fährbetrieb durch die Familie des vor 1928 letzten Fährmanns Aghte wieder aufgenommen.

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Die Kemnader Brücke nach dem Wiederaufbau. Im Vordergrund ist die Fähre Aghte zu sehen, die nach der Zerstörung 1945 eingesetzt wurde. Foto: Stadtarchiv Hattingen

(Die mit (*) gekennzeichneten Informationen sind mit freundlicher Unterstützung des Heimatvereins Blankenstein entnommen aus: E. und K.-H. Breitenbach: Blankenstein an der Ruhr, Band 2 – Neues von damals, Selbstverlag 2006)