Straßen

Kemnader Straße – Von den Anfängen der Chaussee bis zur heutigen Hauptstraße

Schon beim Lesen der Überschrift werden viele ältere Stiepeler an die überlieferten Geschichten um den ehemaligen Stiepeler Gemeindevorsteher Sondermann denken, dem wir es zu verdanken haben sollen, dass die Stiepeler Hauptstraße so einen krummen Verlauf hat. Sondermann, der von 1876 bis 1881 und erneut von 1888 bis 1894 Gemeindevorsteher war, hatte eine Brennerei und belieferte fast sämtliche Wirte in Stiepel mit Spirituosen. Daher war klar, dass die auszubauende Stiepeler Hauptverbindungsstraße an möglichst vielen Wirtschaften vorbeiführen musste! Denn das war gut für’s Geschäft … (in Anlehnung an „Aus der Stiepeler Ortsmappe, Geschichten aus dem Königreich“ von Wilhelm Dickten). Auf diese Überlieferung gehen wir noch näher ein, doch zunächst ein Blick in die Anfänge der Planung und des Ausbaus. Soviel sei schon verraten: diese Phase hat rund 20 Jahre gedauert.

Blick von Haus Frische in Richtung Süden auf die heutige Kemnader Straße, in der Bildmitte die alte Genossenschaft, Foto ca. nach 1910

Blick von Haus Frische in Richtung Süden auf die heutige Kemnader Straße, in der Bildmitte die alte Genossenschaft, Foto ca. nach 1910

Planung und Bau der „Chaussee von Zeche Carl Friedrich bis Steinenhaus“ Die Funktion als Verbindungsstraße von Haus Kemnade über Stiepel Dorf und Haar nach Weitmar war bei der heutigen Kemnader Straße schon vor dem 19. Jahrhundert gegeben. Die erste Karte, auf der in etwa der Verlauf der heutigen Kemnader Straße durchgehend von der Ruhr über Stiepel Dorf bis nach Weitmar eingezeichnet ist, ist die sog. Preußische Gemeindekarte von 1824. Wenn man hier von „Straße“ spricht, ruft das vielleicht die falschen Vorstellungen hervor. Es war eher ein Feldweg, eine naturbelassene, unbefestigte Straße, die eine gewisse Übereinstimmung mit dem Verlauf der heutigen Kemnader Straße aufweist. Doch genau darum geht es in diesem Beitrag: wie und wann ist die Kemnader Straße in ihrer heutigen Form erstellt worden und welche historisch interessanten Aspekte gibt es über ihren Ausbau? Die erste Erwähnung von Planungen findet sich in einem Schreiben des Landratamtes vom 2. Oktober 1872 an den „Herrn Sondermann und Genossen in Stiepel“. Dort heißt es u.a.: “ … einer die Gemeinde Stiepel durchschneidenden Chaussee … . Ueber die derselben zu gebende Richtung ergeben sich weitere Verhandlungen als nothwendig, welche bisher nicht stattgefunden haben, nunmehr aber aufge­nommen worden sind …“ Ein entscheidender Termin zur „Besprechung des Projects eines Chausseebaus von Steinenhaus über Stiepel und Wiemelhausen nach Bochum mit einer Abzweigung über Weitmar, Eppendorf und Höntrop“ fand Ende September 1873 statt, vorher mussten die beteiligten Gemeinden noch „Deputierte“ wählen und entsenden. Für Stiepel wird in der Gemeindeversammlung vom 22. September 1873 zum einzigen Tagesordnungspunkt „Wahl der Deputierten zur Besprechung eines Projektes des Chausseebaus“ protokolliert: „… nach vorgängiger Berathung, wurden als Deputierter 1. der Ortsvorsteher Hautkapp und 2. der Gemeindeverordnete Heinrich Sondermann mit Majorität gewählt.“ In dem oben genannten Termin Ende September 1873 wurde der Beschluss gefasst, die Vorarbeiten für den Ausbau der Chaussee zu beauftragen. Daraufhin wurde für den 9. Oktober 1873 durch „Kreisbauinspector Haarmann“ eine Bereisung der geplanten Strecke organisiert und protokolliert. Insgesamt 18 Personen, darunter insbesondere die beteiligten Gemeinde- und Amtsvorsteher, prüften schließlich mögliche Streckenführungen vor Ort. Im Protokoll heißt es: „In Ausführung eines […] in Bochum seitens verschiedener Gemeinde-Vertretungen und Interessenten gefaßten Beschlusses die Vorarbeiten für eine Chaussee von Bochum über Stiepel nach Steinenhaus mit Abzweigung nach Bahnhof Weitmar, Eppendorf und Höntrop anfertigen zu lassen, hatte Unterzeichneter zur Bereisung der Strecke von Bochum nach Stiepel resp. Steinenhaus auf heute Termin angesetzt, zu welchem die nachstehend Bezeichneten eingeladen und erschienen waren. Die Bereisung nahm ihren Anfang in Bochum, und fand sich innerhalb des Stadtbezirks Nichts Erhebliches über die Trassierung zu bemerken. Es wurde nur festgesetzt, daß die Straße am Eisenbahn-Uebergang der Wiemelhauser Straße beginnen soll und die vorhandenen Krümmungen der alten Straße in der Hauptsache abgeschnitten werden sollen. Letzteres wurde auch für die Fortsetzung bis Dorf Wiemelhausen angemessen erachtet. […] Von Zeche Carl Friedrich wurde die Straße in Gemeinschaft der Vertretung von Stiepel so wie verschiedener Interessenten in der Richtung auf Steinenhaus weiter begangen und allseitig die Beibehaltung des alten Weges, unter Abschneidung einiger Krümmungen […] zweckmäßig befunden.“ Am 12. April 1875 wird es dann konkret. Der Amtmann des Amtes Blankenstein lädt zu einer wichtigen Sitzung: „Zur Beschlußnahme über den chausseemäßigen Ausbau einer Straße von Steinenhaus über Stiepel, Wiemelhausen nach Bochum mit einer Abzweigung über Weitmar nach Eppendorf und Höntrop ist Termin auf Montag den 26. April Nachmittags 3 Uhr in dem Velten’schen Gasthofe zu Bochum anberaumt, wozu ich die Gemeindevertretungen im Auftrage des Herrn Landraths hierdurch einlade.“

Einladung „Zur Beschlußnahme über den chausseemäßigen Ausbau…“, April 1875

Einladung „Zur Beschlußnahme über den chausseemäßigen Ausbau…“, April 1875

  Bei diesem Treffen waren 45 Personen anwesend. Neben den Vertretern der beteiligten Ämter und Gemeinden waren dies die Direktoren der in den Gemeinden liegenden Zechen, der „Rittergutsbes. v. Berswordt Wallrabe zu Haus Weitmar“ sowie der „Gutspächter Rhode für das Rittergut Haus Kemnade“. Das Protokoll fasste das wesentliche Resultat zusammen: „Sämtliche Gemeinde-Vertretungen mit Ausnahme derjenigen von Buchholz u. Höntrop […] beschließen einstimmig, die Kosten des Chausseebaus nach dem vorliegenden Kosten-Anschlage aufzubringen und den Bau gemeindeweise auszuführen. […] Wegen der künftigen chausseemäßigen Unterhaltung beschließen die betheiligten Gemeinde-Vertretungen sich unter Abfassung von Statuten zu einem gemeinschaftlichen Verbunde zu vereinigen. […] Die erschienenen Vertreter der interessierten Zechen stellten mit Ausnahme des Vertreters der Zeche Carl Friedrich die Entrichtung außerordentlicher Leistungen in Aussicht“. In der folgenden Zeit wurde offensichtlich die Detailplanung angepasst, sodass sich bis zum Jahr 1877 eine projektierte Gesamtlänge der Strecke von 13.807 m ergab. Die kalkulierten Kosten lagen bei 225.000 Mark, was 75.000 Talern entsprach. Die einzelnen Gemeinden sollten jeweils den Anteil für die in ihrem Gemeindegebiet liegende Strecke tragen. Am 29. Januar 1877 wurde die Aufteilung unter den vier beteiligten Gemeinden und der Stadt Bochum festgelegt. Eppendorf und Höntrop hatten sich zwischenzeitlich wahrscheinlich aus Kostengründen aus dem Projekt zurückgezogen Mit Bezug auf die eingangs erwähnten Geschichten rund um den Gemeindevorsteher Sondermann können wir bereits an dieser Stelle eine erste Erkenntnis ziehen: der Ausbau der Chaussee von Steinenhaus nach Weitmar war keine reine Stiepeler „Erfindung“, er wurde Landkreis-übergreifend als Ausbau einer Nord-Süd-Verbindung angeordnet. Die übrigen beteiligten Gemeinden wurden bereits im vorigen Abschnitt genannt, jedoch war mit einer Länge von rund 6,0 km der Stiepeler Anteil der weitaus größte an der gesamten ursprünglich geplanten Strecke von 13,8 km. Im Mai 1875 sind die Planungen soweit gediehen, dass für die Ausführung der Vorarbeiten erste Abschlagszahlungen anstehen, und zwar für den „Geometer Weißenfels“ und den „Königl. Bauinspector Haarmann“ jeweils 1.500 Mark. Zu dieser Summe haben die Gemeinden entsprechend des „… am 26. September 1873 gefassten Beschluß nach Maßgabe der Länge der Chaussee innerhalb eines jeden Gemeindebezirks beizutragen.“ Die ursprüngliche Planung war jedoch der Gemeinde Stiepel technisch zu aufwendig und viel zu teuer, schlicht ausgedrückt: eine Nummer zu groß. Beanstandet wurde insbesondere der geplante Ausbau vom Steinenhaus bis Stiepel Dorf. Dabei liest sich die ursprüngliche Planung recht wohlwollend: „Die projektierte Straße bezweckt zunächst die bisher vom Verkehr fast ganz abge­schlossene Gemeinde Stiepel demselben zu erschließen. sodann aber verbindet sie voraus­sichtlich die bereits fertig ausgebauten Wegstrecke von Zeche Carl Friedrich durch Weitmar nach Bochum … mit der Straßenkreuzung Steinenhaus, von wo … nach Elberfeld als auch nach Witten, Blankenstein und Hattingen Chausseen führen, sodaß der projektierte Wegebau auch für den durchgehenden Verkehr von der größten Wichtigkeit ist. Der in 1 ½ Kilometer Entfernung vom Dorfe Stiepel belegene Bahnhof Blankenstein, welcher bisher von Stiepel mangels jeder Verbindung überhaupt nicht erreicht werden konnte, wird durch diesen Wegebau mit Stiepel in direkte Verbindung gebracht. … Die Straße beginnt am Straßenkreuzungspunkt Steinenhaus, führt über Bahnhof Blanken­stein bis an die Ruhr, welche mittels einer Schiffbrücke von 100 Meter Länge überschritten werden soll, von der an dem Gehöft des Hasenkamps vorbei und erreicht mit wenigen Biegungen die Hochebene, auf welcher das Dorf Stiepel liegt. Von hier geht die Straße unter Benutzung des vorhandenen öffentlichen Weges über den Bergrücken der Haar, bei der Schule daselbst vorbei nach Zeche Carl Friedrich, wo sie in den vorhandenen Communalweg nach Weitmar und Bochum einmündet“ Genau diese Planung brachte das gesamte Chaussee-Projekt im Jahr 1878 zunächst für knapp zehn Jahre zum Erliegen. Die genannte Brücke sollte mehr ein teures, großes und technisch aufwendiges Damm-Bauwerk werden, mit viel zu kleinen Durchlässen für die Schifffahrt. Nicht bedacht wurde auch, dass die adeligen Herren des Hauses Kemnade ein Fährrecht für sich reklamierten, was den Bau einer Brücke über Jahrhunderte verhinderte. Um diesen Aspekt kurz zu erläutern: Die erste Kemnader Brücke wurde im Jahr 1928 fertiggestellt, nachdem die Stadt Bochum im Jahr 1921 das Haus Kemnade erworben und sich die Frage des Fährrechts damit erledigt hatte. Die Straße endete bis 1928 unmittelbar an der Ruhr. Die Fortsetzung der Fahrt war nur mit einer Fähre möglich. Wahrscheinlich bis zum Jahr 1909 gab es dort außerdem eine Furt, die bei niedrigem Wasserstand von Fuhrwerken genutzt werden konnte. Weil der Ausbau der Chaussee von übergeordnetem Interesse war, ordnete der Landrat im Oktober 1878 in einem Schreiben an den Amtmann von Blankenstein an: „ … sind die Verhandlungen wegen ordnungsmäßigen Ausbaues des Communalweges von Stiepel nach Bochum … wieder aufzunehmen … falls die Gemeinde­vertretung sich auf jetzt noch weigerlich verhält den Ausbau des erwähnten Communalweges vorzunehmen, derselbe im Zwangsverfahren zur Ausführung gebracht werden wird.“ Es dauerte bis zum Jahr 1887, eine überarbeitete Planung zu erstellen. Diese konzentrierte sich jetzt auf die Strecke von der Ortsgrenze Weitmar bis Stiepel Dorf, die Fortführung von Stiepel Dorf bis Steinenhaus wurde -verglichen mit der vorherigen Planung- nur mit dem Notwendigsten berück­sichtigt. Mit Datum 16. Mai 1887 wird ein neuer „Kostenanschlag zur Erstellung einer Straße von Zeche Carl Friedrich durch das Dorf Stiepel nach dem Steinenhaus auf einer Länge von 6113,0 m Länge“ durch den Geometer Weißenfels vorgelegt. Diese Ausbauplanung wird zur Ausführung gebracht. Zum Verlauf der Straße heißt es in den Planungsunterlagen u.a.: „Die Richtung der neuen Straße ist so gewählt, daß die alten Wege möglichst beibehalten wurden, der voraussichtliche Grunderwerb beläufe sich, trotzdem im Nachstehenden einzeln nachgewiesenen opulenteren Ausstattung der Straße bezüglich der Breite der Banquets und Gräben sowie der Anlage der Böschungen auf noch nicht 300 Ar …“. Am 9. Juli 1888 erfolgt durch den Amtmann des Amtes Blankenstein die folgende öffentliche Bekanntmachung: „Der Ausbau des Weges von Zeche Carl Friedrich durch das Dorf Stiepel über die Ruhr nach Steinenhaus bei Bahnhof Blankenstein ist nunmehr endgültig beschlossen worden und sollen die Arbeiten schleunigst in Angriff genommen werden. Zur Verhandlung über die Abtretung des zu dem Wege erforderlichen Grund und Bodens ist Termin auf Freitag, den 13. de. Mts., Nachmittags 21/2 Uhr, im Lokale des Wirths Wefelscheid zu Stiepel anberaumt, zu welchem Sie hierdurch ergebenst eingeladen werden.“

Einladung „… zur Verhandlung über die Abtretung des … Grund und Bodens“, Juli 1888

Einladung „… zur Verhandlung über die Abtretung des … Grund und Bodens“, Juli 1888

  Die Gemeinde Stiepel musste zur Ausführung der Arbeiten rund 30.000 m² Grund und Boden erwerben. Zum einen war die Erstellung komplett neuer Teilstrecken notwendig, zum anderen wurde der vorhandene und zum Großteil genutzte „Communalweg“ verbreitert. Als neu erstellte Wegstrecke können insbesondere drei Teilstücke genannt werden: – Erstens von der heutigen Kreuzung mit der Brockhauser Straße bis zur Kreuzung mit der Galgenfeldstraße / Am Brunen. Vorher stellte die heutige Düsterstraße die Verbindung in Richtung Norden dar. Für dieses Teilstück haben die Besitzer … entsprechende Flächen abgegeben. Mit dem Neubau wurde die Straße begradigt und auf einen Damm gelegt. – Zweitens kam als vielleicht markantestes neues Teilstück die langgezogene Kurve bei Haus Frische hinzu. So unglaublich es klingt, man kann z.B. auf der Preußischen Gemeindekarte aus dem Jahr 1824 gut erkennen, dass vorher die heutige Steilstraße die Verlängerung der Wege aus Stiepel Dorf in Richtung Norden darstellte. Durch die Kurve wurde die erhebliche Steigung dieser Strecke herausgenommen. – Drittens hatte die Straße im Bereich ab der heutigen Surkenstraße und Ministerstraße einen anderen, „geraderen“ Verlauf quer durch dasjenige Gelände zwischen Surken- und Kemnader Straße, das jetzt erschlossen werden soll. Mit dem Ausbau der Chaussee wurde der Straßen­verlauf rechtwinklig gestaltet mit der 90°-Kurve an der heutigen Ministerstraße. Darüber hinaus wurden Bereiche auf einen Damm bzw. in Einschnitte gelegt. Im bereits genannten „Kostenanschlag“ aus dem Jahr 1887 heißt es dazu: „Der höchste Auftrag erreicht die Höhe von 4,5 m, der tiefste Einschnitt eine Tiefe von 3,6m.“

„Schreiers Damm“ am oberen Bildrand zwischen Kloster und dem heutigen Haus Spitz, benannt nach dem seinerzeitigen Wirt Gustav Schreier, auf einer Postkarte, Foto: Archiv W. Dickten

„Schreiers Damm“ am oberen Bildrand zwischen Kloster und dem heutigen Haus Spitz, benannt nach dem seinerzeitigen Wirt Gustav Schreier, auf einer Postkarte, Foto: Archiv W. Dickten

  Weiterhin wurde zur Verbreiterung des vorhandenen Weges eine ebenfalls beachtliche Fläche benötigt. Um nochmal den Bezug auf die eingangs erwähnten Geschichten rund um den Gemeinde­vorsteher Sondermann herzustellen: wir können eine zweite Erkenntnis aus den Erläuterungen ziehen: der Verlauf der durch die Gemeinde führenden Hauptstraße wurde nicht grundlegend verändert, ganz im Gegenteil: soweit möglich, wurde der vorhandene Weg genutzt. Der Straßen­verlauf wurde demnach nicht nach den Wirtschaften ausgerichtet. Der Gemeindevorsteher Sondermann war zwar aktiv (als „Deputierter“ für das „Projekt des Chausseebaus“) an den Planungen beteiligt, den Verlauf der Straße konnte er aber nicht grundlegend beeinflussen. Fertiggestellt wurde die neue Straße im Jahre 1893. Sie endete aber bis 1928 unmittelbar an der Ruhr. Mit dem Bau der Kemnader Brücke wurde die bis dahin kurvenreiche Straßenführung auf den letzten Metern zur Ruhr verändert. Zwei nennenswerte Veränderungen gab es noch in den 1950er / 1960er Jahren. Durch den anwachsenden Verkehr war eine enge Straßenführung zunehmend gefährlicher, so dass der Verlauf an zwei Stellen begradigt wurde. Leider mussten mehrere Fachwerkhäuser einer besseren Straßenführung weichen. Zunächst wurde ein Haus in etwa gegenüber der Einmündung Steilstraße abgerissen, viel schwerwiegender war aber die Begradigung in Stiepel Dorf an der Kreuzung mit Brockhauser und Oveneystraße. In einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 1961 heißt es: „Hier wird Stiepel vom Verkehr gefährlich geplagt, denn die Kreuzung ist nicht nur eng, sondern zu allem noch hin- und hergewunden. Ein Wunder fast, daß es hier nicht täglich Unfälle gibt …“. Es müssen mehrere Häuser weichen, der ursprüngliche Dorfcharakter wird verändert.

Zur Verbreiterung der Kemnader Straße in den 1950er Jahren abgerissen: Fachwerkhaus in der Kurve an der Steilstraße Foto: Archiv W. Dickten

Zur Verbreiterung der Kemnader Straße in den 1950er Jahren abgerissen: Fachwerkhaus in der Kurve an der Steilstraße Foto: Archiv W. Dickten

 

Die Kreuzung in Stiepel Dorf Im Jahr 1956: Die historische Ortsmitte ist noch eng und gefährlich, unter anderem das linke Fachwerkhaus wurde abgerissen. Foto: Stadt Bochum, Presse- und Informationsamt

Die Kreuzung in Stiepel Dorf Im Jahr 1956: Die historische Ortsmitte ist noch eng und gefährlich, unter anderem das linke Fachwerkhaus wurde abgerissen. Foto: Stadt Bochum, Presse- und Informationsamt

  Chausseegelderhebungsstellen Im Jahr 1894 wurde auch in Stiepel etwas eingeführt, was zu jener Zeit durchaus üblich war: das Chausseegeld. Die Benutzung der heutigen Kemnader Straße wurde für den Waren- und Personenverkehr kostenpflichtig. Genau das, was heutzutage als Maut viel diskutiert wird, wurde durch Beschluss der Gemeindevertretung öffentlich ausgeschrieben. Die Ausschreibung wurde alle zwei bis drei Jahre wiederholt, die letzte bekannte Verpachtung erfolgte im März 1902. Es wurden zwei „Chausseegelderhebungsstellen“ (so die offizielle Bezeich­nung) in zwei Wirtschaften, jeweils an beiden Enden der Straße, eingerichtet. An der Ortsgrenze nach Weitmar war dies die Wirtschaft von August Hellmich an der Ecke Krockhausstraße, unter dem späteren Wirt Wilhelm Haarmann war die Wirtschaft auch bekannt als „Schüttelrutsche“. Das Gebäude existiert nicht mehr, heute steht dort das Haus Kemnader Straße 42. In Stiepel-Dorf fungierte die Wirtschaft von Heinrich Haarmann-Thiemann als Chausseegelderhebungsstelle. Das mittlerweile abgerissene Fachwerkhaus an der Ecke Brockhauser Straße, unmittelbar an der heutigen Bushaltestelle „Stiepel Dorf“ war das Haus Kemnader Straße 472.

Bekanntmachung vom 18. Februar 1902: „Die Chausseegeld-Erhebung … soll … öffentlich verpachtet werden.“

Bekanntmachung vom 18. Februar 1902: „Die Chausseegeld-Erhebung … soll … öffentlich verpachtet werden.“

  Die wesentlichen Passagen der zwei Verträge lauteten:

  • „Die Gemeinde Stiepel verpachtet dem Wirth August Hellmich die ihr zustehende Berechtigung zur Erhebung des Chausseegeldes auf der von Zeche Carl Friedrich nach Dorf Stiepel führenden Communal-Chaussee auf die Dauer von 1 Jahr, beginnend mit dem 1. März 1902 … Die jährlich zu zahlende Pachtsumme beträgt 1200 Mark …“
  • „Die Gemeinde Stiepel verpachtet dem Wirth Heinr. Haarmann-Thiemann die ihr zustehende Berechtigung zur Erhebung des Chausseegeldes auf der von Stiepel-Dorf nach Steinenhaus führenden Communal-Chaussee auf die Dauer von 1 Jahr, beginnend mit dem 1. März 1902 … Die jährlich zu zahlende Pachtsumme beträgt 280 Mark …“

Die zu kassierenden Tarife waren durch ministeriellen Erlass vom 29. Februar 1840 geregelt. Das Chausseegeld wurde bis zum Jahr 1908 erhoben, im Zusammenhang mit dem Übergang der Chaussee auf den Kreis Hattingen wurde es wieder abgeschafft.

Chausseegelderhebungsstelle I (Haar), Foto: Archiv W. Dickten

Chausseegelderhebungsstelle I (Haar), Foto: Archiv W. Dickten

Chausseegelderhebungsstelle II (Dorf), Foto: Archiv W. Dickten

Chausseegelderhebungsstelle II (Dorf), Foto: Archiv W. Dickten

  Sonstiges aus der Geschichte der Straße Da die neue Chaussee nach Fertigstellung im Jahr 1893 als überörtliche Durchgangs- bzw. Verbindungsstraße anzusehen war, bestand sowohl auf Seiten der Gemeinde Stiepel als auch des Kreises Hattingen das Interesse, die Zuständigkeit und den Unterhalt auf den Kreis Hattingen zu übertragen. Hierzu hat der Kreistag des Kreises Hattingen am 18. Juli 1906 Folgendes vorgeschlagen: „Der Kreis übernimmt die Unterhaltung derjenigen Chausseen und sonstigen, dem Durchgangsverkehr dienenden Wege, welche den … Anforderungen entsprechen und sodann … auf den Kreis übernommen sind, mit der Massgabe, dass seitens der beteiligten Gemeinden ein Zuschuss in Höhe der Hälfte der vom Kreise aufzuwendenden Unterhaltungskosten an diesen zu zahlen ist. … mit der Uebernahme der Chausseen und Wege auf den Kreis verzichten die in Betracht kommenden Gemeinden auf die Chausseegeld-Erhebung und verpflichten sich zur Lösung der Pachtverträge“ Bevor es zu der Übernahme kam, wurde die Chaussee besichtigt, anschließend wurde durch die „Kreiswegebau-Commission“ festgestellt: „Eine neue Decke ist erforderlich von der Ruhr bis Frische und von der abgebrannten´Schule bis zur Grenze. Die Gräben und Banketts sind zu reinigen. Im Uebrigen hat der Weg hinlängliche Breite und ist gut ausgebaut.“ Die genannte (im Jahr 1904) abgebrannte Schule stand genau an der Stelle, an der im Jahr 1910 das neue Gemeindehaus an der Ecke Kosterstraße / Haarstraße errichtet wurde. Somit musste die Gemeinde Stiepel zunächst fast die komplette Straßendecke erneuern, und das bereits rund 15 Jahre nach Fertigstellung der Straße. Für die Strecke von Frische bis zur Ruhr wurden 1.400 cbm von „gutem Sandstein-Kleinschlag“ öffentlich ausgeschrieben. Ferner für die Strecke von der Grenze Weitmar bis zum Wasserbehälter an der Ecke Kosterstraße 1.200 cbm „Hochofenschlacken-Kleinschlag“.

Ausschreibung vom 15. April 1908: „… die Lieferung von 1400 cbm gutem Sandstein-Kleinschlag.“

Ausschreibung vom 15. April 1908: „… die Lieferung von 1400 cbm gutem Sandstein-Kleinschlag.“

Dieser damals übliche Straßenbelag hat der Bevölkerung durch Staubentwicklung bei Trockenheit arg zu schaffen gemacht. Erst im Jahr 1929 Jahren wurde ein Sprengwagen angeschafft, der die Straße  bei Trockenheit benässte. Sogar ein Sonntagsfahrverbot wurde vorher diskutiert. Interessant ist ein Protestbrief aller Anwohner der heutigen Kemnader Straße an die Gemeindevertretung vom 8. April 1924, in dem diese sich über die unerträgliche Staubbelastung beschweren. Dort heißt es: „Im vorigen Jahr ist von der Sozialdemokratischen Fraktion … der Antrag gemacht worden die Beschaffung eines Schprengwagens welches aber leider abgelehnt worden ist, mit der Begründung wegen der hohen Kosten. Würden die Herren der Gemeindevertretung auch an der Hauptstraße wohnen und kein Zimmer lüften können bei diesem starken Autoverkehr, würden Sie diesen begründeten Antrag nicht abgelehnt haben. Wir Unterzeichneten der Hauptstraße stellen nunmehr noch einmal den Antrag aus Gesundheitsrücksicht an die Vertretung und bitten diesem doch jetzt statt zu geben“

Der Stiepeler „Motorwagen mit Sprengvorrichtung“ auf der Kreuzung der heutigen Kemnader Straße und Kosterstraße

Der Stiepeler „Motorwagen mit Sprengvorrichtung“ auf der Kreuzung der heutigen Kemnader Straße und Kosterstraße

Die Vergabe von Straßennamen in Stiepel wurde im November 1908 beschlossen, bis zur Umsetzung dauerte es dann noch ein Jahr. Die bis zu diesem Zeitpunkt immer als „Chaussee von Karl Friedrich nach Steinenhaus“ bezeichnete Straße erhielt die Namen „Hauptstraße“ für die Strecke von der Ortsgrenze Weitmar bis Haus Frische und von dort bis zur Ruhr den Namen „Ruhrstraße“. Im Zuge der Eingemeindung von Stiepel nach Bochum im Jahr 1929 musste die Straße umbenannt werden. Da ein Jahr vorher, im Juni 1928, die „Kemnader Brücke“ eingeweiht wurde und die Straße damit endlich ohne die Benutzung der Fähre über die Ruhr und an Haus Kemnade vorbei führte, liegt die Vermutung nahe, dass aus diesem Grund die Bezeichnung „Kemnader Straße“ gewählt wurde.

Im Haarmannsbusch

Die Straße „Im Haarmannsbusch“ umfasste bis in die 1950er Jahre auch die heutigen Straßen Libellenweg und Unterm Kolm. Auf Karten aus den Jahren 1824 und 1840 war der Bereich noch komplett bewaldet, auf einer Katasterkarte aus dem Jahr 1879 sind dann rund 25 Häuser eingezeichnet. Bis 1920 hat sich diese Anzahl auf rund 35 erhöht. Ausgangspunkt der Besiedlung war der Bereich um den heutigen Libellenweg, dann folgten die heutige Straße Unterm Kolm mit sieben Häusern sowie der mittlere Bereich des Haarmannsbusches. Der erste Straßenname „Brüderstraße“, der im Jahr 1909 vergeben wurde, geht auf die Brüder (und eine Schwester) Schellenberg zurück. Der Name Schellenberg taucht erstmals nach 1800 in Stiepel auf. Im Urkataster aus dem Jahr 1824 sind im Bereich der heutigen Dewinkelstraße / Wabenweg drei Grundstücke mit diesem Namen eingezeichnet. Sechs von acht Kindern aus einer dieser Familien gehörten mit zu den ersten, die sich im mittleren Bereich des Haarmannsbusches auf benachbarten Grundstücken niederließen und das Waldgebiet urbar machten. Dies waren die Geschwister Karl Heinrich (*1849), Heinrich Julius (*1851), Dietrich Heinrich (*1855), Friedrich Gustav (*1861), Friedrich Wilhelm (*1863) und Ida Hulda Juliane (*1868) Schellenberg. So hat sich im Volksmund die Bezeichnung Brüderstraße entwickelt. Der Name Schellenberg ist mit dieser Straße auch durch die gleichnamigen Eigentümer der Wirtschaft, der Gärtnerei und eines kleinen Geschäftes verbunden, die alle drei aber nicht mehr bestehen.

Wurde von einem Sohn eines der „Brüder Schellenberg“ betrieben: die Wirtschaft Schellenberg (vorher Gustrau) auf einer Postkarte (Foto: Archiv Wilhelm Dickten)

Wurde von einem Sohn eines der „Brüder Schellenberg“ betrieben: die Wirtschaft Schellenberg (vorher Gustrau) auf einer Postkarte (Foto: Archiv Wilhelm Dickten)

Die Brüderstraße hatte früher einen anderen Verlauf: sie mündete in die heutige Baumhofstraße, die aus Brenschede kam und bereits vor Einführung der Stiepeler Straßennamen die Bezeichnung „Schloßstraße“ trug. Diese Straße bildete dann den weiteren Verlauf in Richtung Surkenstraße bis ins Lottental.

Auf einem Luftbild aus dem Jahr 1926 gut zu erkennen: die Brüderstraße mündet (von links kommend) auf die Schloßstraße. Am rechten Rand ist die heutige Surkenstraße zu erkennen. (Foto: Regionalverband Ruhr)

Auf einem Luftbild aus dem Jahr 1926 gut zu erkennen: die Brüderstraße mündet (von links kommend) auf die Schloßstraße. Am rechten Rand ist die heutige Surkenstraße zu erkennen. (Foto: Regionalverband Ruhr)

  Die Umbenennung der Straße auf „Im Haarmannsbusch“ im Jahr 1929 erinnert an einen zeitlich noch davor liegenden örtlichen Bezug. Zur Herkunft der Bezeichnung „Haarmannsbusch“ müssen wir bis zur sogenannten Markenteilung des Jahres 1786 zurückgehen. Hintergrund und Details zur Markenteilung sind in der Festschrift „1000 Jahre Dorfkirche Bochum Stiepel“ durch Dr. Klaus Eichholz ausführlich beschrieben. Der bis zum Jahr 1786 durch die alteingesessenen Bauernhöfe, die kleineren Kötter sowie die adeligen Besitzer des Hauses Kemnade gemeinschaftlich genutzte Wald, die Stiepeler Mark, wurde entsprechend der über Jahrhunderte festgelegten Holz- und Weiderechte in Privatbesitz überführt. So erhielt der Hof Haarmann aus dem bis dahin gemeinschaftlich genutzten Wald einen entsprechenden Anteil nördlich des Hofes an der Haarstraße. Übrigens lässt sich der heutige Straßenname „Im Königsbusch“ (von 1909 bis 1929 Königstraße) genauso herleiten. Der Hof König (ab 1840 im Besitz der Familie Gathmann) erhielt einen direkt östlich neben Haarmann liegenden Anteil des Waldes. So war der eine Teil „Haarmann’s Busch“, der andere „König’s Busch“. Die Grenze der beiden Waldstücke verlief auf einer Linie zwischen den heutigen Hausnummern Im Haarmannsbusch 81 und 83. In den 1950er Jahren wurden zwei Stichstraßen vom Namen her aus dem Haarmannsbusch herausgelöst und umbenannt in Libellenweg und Unterm Kolm. Im Urkataster aus dem Jahr 1824 finden sich im Gemeindeteil Haar die Flurbezeichnungen „Der Kolm“, „Auf dem Kolm“ und „Unterm Kolm“. Die letztgenannte Flur lag in etwa in diesem Bereich und wurde für die Straßenbezeichnung herangezogen. Der Libellenweg fiel von der Namensfindung her in die Zeit, in der einige Insekten auch in weiteren Straßenbezeichnungen verewigt wurden, wie zum Beispiel der Zikaden- oder Immenweg.

Im Pastoratsbusch

Diese Straße, die von der Gräfin-Imma-Straße in deren oberen Bereich in westlicher Richtung abgeht, ist mit einigen wenigen Häusern das erste Mal deutlich auf einer Katasterkarte aus dem Jahr 1884 zu sehen. Es sind jedoch nur die auf dem ersten Stück liegenden Häuser durch diesen Weg verbunden. Auf einer früheren Karte aus dem Jahr 1824 sind nur vereinzelt Gebäude vorhanden, jedoch ohne erkennbaren Weg. Noch im Jahr 1913 hat die Gemeinde Stiepel die Straße als „Interessentenweg“, d.h. private Anliegerstraße, eingestuft. Öffentlich zu begehen war nur das Stück bis etwa zu der heute noch als Schafweide genutzten Wiese, danach war es ein reiner Privatweg, der zudem einen anderen Verlauf hatte als die heute ausgebaute Straße. Die erste Bezeichnung „Müsenstraße“, die im Jahr 1909 vergeben wurde, erinnerte an die Erzfelder Müsen, die in den Gemeindeteilen Brockhausen und Schrick gelegen waren und insbesondere im Tiefbau über „Schacht David“ abgebaut wurden. Schacht David war hinter dem Waldstück am Ende des heutigen Straßenverlaufs gelegen. Der verfüllte Schacht befindet sich genau an dem Imkerei-Stand am Fußweg vom Ende der Straße herunter zur Ruhr / Brockhauser Straße. Vielen ist dort in unmittelbarer Nähe die Holz-Schutzhütte eher bekannt.

Noch gut erkennbar: der Deckel des verfüllten "Schacht David"

Noch gut erkennbar: der Deckel des verfüllten “Schacht David”

  Der Name Müsen ist zurückzuführen auf das Dorf Müsen im Siegerland, das für seinen Erzbergbau bekannt war. Das in Stiepel gefundenen Erz wurde dort analysiert. Im Erzfeld Müsen wurde in der Zeit von 1857 bis 1873 Spateisenstein für die Hochöfen der Henrichshütte in Hattingen gefördert. Die Umbenennung der Straße auf „Im Pastoratsbusch“ im Jahr 1929 erinnert an einen zeitlich noch davor liegenden örtlichen Bezug. Zur Herkunft der Bezeichnung „Pastoratsbusch“ müssen wir bis zur sogenannten Markenteilung des Jahres 1786 zurückgehen. Hintergrund und Details zur Markenteilung sind in der Festschrift „1000 Jahre Dorfkirche Bochum Stiepel“ durch Dr. Klaus Eichholz ausführlich beschrie­ben. Der bis zum Jahr 1786 durch die alteingesessenen Bauernhöfe, die kleineren Kötter sowie die adeligen Besitzer des Hauses Kemnade gemeinschaftlich genutzte Wald, die Stiepeler Mark, wurde entsprechend der über Jahrhunderte festgelegten Holz- und Weiderechte in Privatbesitz überführt. Die jeweiligen Mitglieder dieser drei Gruppen, die sogenannten Markgenossen, erhielten aus dem bis dahin gemeinschaftlich genutzten Wald einen ihren alten Nutzungsrechten entsprechendes Eigentum übertragen.

Straßenschild: Im Pastoratsbusch

Straßenschild: Im Pastoratsbusch

Einen Teil des Waldes erhielt aber auch die Kirchengemeinde, das evangelische Pastorat. Dieser Teil des Waldes lag in einem Gebiet, das sich in etwa mit der heutigen Minister- und Kemnader Straße, über den Lupinenweg und den oberen Bereich der Gräfin-Imma-Straße bis zum Gebiet um bzw. zwischen den Straßen Im Pastoratsbusch und Henkenbergstraße umreißen lässt. Dieser ab 1786 im Besitz des Pastorats befindliche „Kirchenwald“ wurde deshalb seit dieser Zeit Pastoratsbusch genannt. In einer Urkunde aus dem Jahr 1827 bezeichnet zum Beispiel der seinerzeitige Pastor dieses Gebiet als „… einen dem hiesigen Pastorat zugehörigen Buschdistrict in Mittelstiepel “. In Grundbüchern aus der Zeit vor 1900 lautet die Flurbezeichnung beispielsweise für den Bereich des heutigen Lupinenwegs „Acker Pastoratsbusch“. Der letzte bewaldete Teil des Pastoratsbusches lag unmittelbar an der heutigen Gräfin-Imma-Straße im Bereich um die Henkenbergstraße. Er wurde im Jahr 1869 durch das Pastorat an einzelne Kleinkötter verkauft und urbar gemacht. Die Größe dieser zuletzt verkauften Parzellen betrug 2 preußische Morgen, d.h. rund 5.000 m².

Die Postkarte (vermutlich vor 1920) gibt den Blick wieder von der heutigen Gräfin-Imma-Straße in Höhe des griechischen Restaurants in Richtung Pastoratsbusch / Henkenberg

Die Postkarte (vermutlich vor 1920) gibt den Blick wieder von der heutigen Gräfin-Imma-Straße in Höhe des griechischen Restaurants in Richtung Pastoratsbusch / Henkenberg

Im Mailand

Das einst beschauliche und landwirtschaftlich geprägte Dasein dieser Straße wird heute durch das Grün des Golfplatzes dominiert. In der zeitlichen Entwicklung gab es zunächst den bereits in der Preußischen Gemeindekarte von 1824 so benannten “Grüner Weg”. Dieser führte von der heutigen Hevener Straße kommend westlich am Hof des Landwirts Haarmann-Erley vorbei hinunter zur Ruhr, in etwa bis zum Hof Oveney / Behrenbeck. Die Farbe Grün schien eine besondere Bedeutung haben, die später als “Mailänder Hof” bekannte Wirtschaft trug (zumindest) in der Zeit nach 1900 den Namen “Zum Grünen Jäger”.

Grüner Weg: Preußischen Gemeindekarte von 1824

Grüner Weg: Preußischen Gemeindekarte von 1824

 

Grüner Weg auf einem Luftbild von 1926.

Grüner Weg auf einem Luftbild von 1926.

Von oben kommend teilt sich die Straße heute in zwei Teile. Der obere (nördliche) Teil ist der ältere. An ihm liegen einige wenige Häuser, die überwiegend ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet wurden. Dieser Teil der Straße ist auch heute noch in einem eher “gemütlichen” Zustand. Wohlgemerkt ist die Straße als solche die ältere, nicht die Häuser. Der heute als breite Straße ausgebaute untere (südliche) Teil ist im Jahr 1912 entstanden. Nach der Erstellung des ersten Stiepeler Ortsstatuts im Juni 1909, welches u.a. die Vorschriften für den öffentlichen Wegebau enthielt, und nach Einführung von Straßennamen Ende 1909, hat die Gemeindevertretung im Jahr 1910 beschlossen, den zunächst als Mailandstraße benannten Weg auszubauen. Vorher waren die im unteren Teil liegenden, auf alten Karten so bezeichneten Schricker Höfe nur über einzelne Wirtschaftswege zu erreichen, die vom oberen Teil der Straße herunterkamen. Namentlich waren das die Höfe Wollenweber (heute Hoffstiepel), Wefelscheid/Hellermann (heute ebenfalls Hoffstiepel), Elbert (heute Rautwurm) und Haarmann (später Wittkop). Diese Häuser wurden ab dem 17./18. Jahrhundert errichtet.

An der Gabelung geht es nach oben in den äteren Teil der Straße

An der Gabelung geht es nach oben in den äteren Teil der Straße

 

Kartenausschnitt von1885. Gut zu erkennen: die Schricker Höfe noch ohne Straßenanbindung

Kartenausschnitt von1885. Gut zu erkennen: die Schricker Höfe noch ohne Straßenanbindung

Im Dezember 1912 schrieb der Märkische Anzeiger: “Einen schwierigen Wegebau führt man augenblicklich durch. Die bisher kaum als Weg zu nennende Mailandstraße wird zu einer breiben Fahrstraße ausgebaut. Der Weg wird dann unterhalb der Wirtschaft “Zum Grünen Jäger” gebaut und mündet in seinem oberen Teil wieder in die Mailandstraße.” Fortan wird die Straße als öffentlicher Gemeindeweg eingestuft. Der Name Mailand hat natürlich nichts mit der italienischen Stadt zu tun, sondern dürfte aus dem Mittelniederdeutschen stammen. Dort bedeutet “meien” = mähen. In seinem Buch “Flurnamen als Straßennamen” vermutet G. Nowak deshalb, dass das Land ursprünglich als Wiesenland genutzt wurde, auf dem das Gras nicht abgeweidet, sonder gemäht wurde, um im Winter als Viehfutter zu dienen. Im Zuge der Eingemeindung nach Bochum im Jahr 1929 wurde die Straße umbenannt in “Im Mailand”. Warum genau diese nur wenig veränderte Bezeichnung gewählt wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Die Elektrizität kam übrigens später ins Mailand als in das restliche Stiepel. Während zunächst Ende 1911 ein Streifen entlang der heutigen Kemnader Straße sowie das Stiepeler Dorf mit Strom versorgt wurden, haben die Anwohner des Mailands erst im Juni 1919 die “Versorgung mit elektrischem Licht und Kraftleitung” bei der Gemeinde beantragt. Im August 1924 hat sich die Elektrizitätswerke Westfalen AG dann bereit erklärt zur “… Versorgung der Ortsteile Mailand und Brockhausen.” Dazu wurde festgehalten: “Das Gesamtprojekt kostet rund 1700 Goldmark. Von diesem Betrage haben die Anlieger sofort 1000 M aufzubringen.” Heute wird die Straße geprägt durch den Golfplatz, zu dem die anliegenden (ehemaligen) Schricker Höfe sowie der Hof Haarmann-Erley große Teile ihres Landes beisteuerten.

Henkenbergstraße

Die Straße hat vielleicht eine ungewöhnliche Bezeichnung, sie lässt sich aber leicht erklären. Der erste Name „Hochstraße“, der im Jahr 1909 vergeben wurde, lässt sich nur über die Höhenlage herleiten. Immerhin ist dort-nach dem Bereich Ministerstraße / Kalkampsweg- die zweithöchste Stelle Bochums. Wer von der Ruhr aus auf den Henkenberg hinauf geht, kann die Bezeichnung leicht nachvollziehen. Bereits vor Einführung der Straßennamen gab es am Beginn der Straße, die noch im Jahr 1913 durch die Gemeinde Stiepel als „Interessentenweg“, d.h. private Anliegerstraße, eingestuft wurde, die „Schankwirtschaft zur steilen Höh“. Vielleicht hat diese Bezeichnung die Namensfindung für die Straße beeinflusst. Die Wirtschaft wurde im Jahre 1919 geschlossen, die Räumlichkeiten dienten dann dem ersten Stiepeler Arzt, Dr.med. Gerhard Gilbert, als feste Praxisräume. Heute praktizieren dort eine Kinderärztin und ein Allgemeinmediziner.

Schankwirtschaft zur steilen Höh / Praxisräume Dr. Gilbert (Foto: Archiv W. Dickten)

Schankwirtschaft zur steilen Höh / Praxisräume Dr. Gilbert (Foto: Archiv W. Dickten)

Zur Erklärung der Bezeichnung „Henkenberg“ müssen wir bis zur sogenannten Markenteilung des Jahres 1786 zurückgehen. Hintergrund und Details zur Markenteilung sind in der Festschrift „1000 Jahre Dorfkirche Bochum Stiepel“ durch Dr. Klaus Eichholz ausführlich beschrieben. Der bis zum Jahr 1786 durch die alteingesessenen Bauernhöfe, die kleineren Kötter sowie die adeligen Besitzer des Hauses Kemnade gemeinschaftlich genutzte Wald, die Stiepeler Mark, wurde entsprechend der über Jahrhunderte festgelegten Holz- und Weiderechte in Privatbesitz überführt. Die jeweiligen Mitglieder dieser drei Gruppen, die sogenannten Markgenossen, erhielten aus dem bis dahin gemeinschaftlich genutzten Wald einen ihren alten Nutzungsrechten entsprechendes Eigentum übertragen. Der Name „Henke“ ist ein alter Stiepeler Hof- und Familienname. Der Hof Henke an der Brockhauser Straße wird im Jahr 1220 erstmalig erwähnt. Im Zuge der beschriebenen Markenteilung erhielt der Hof im Jahr 1786 die größte Fläche des bewaldeten Berges, der unmittelbar hinter dem Hof beginnt. Neben der schon vor dieser Zeit gebräuchlichen Bezeichnung „Henkenhof“ hatte sich seitdem auch der Begriff „Henkenberg“ etabliert. Die Straße, die in dieses kleine Waldgebiet führt, wurde nach der Eingemeindung Stiepels nach Bochum im Jahr 1929 entsprechend in Henkenbergstraße umbenannt.

Der ehemalige Hof Henke an der Brockhauser Straße, heute im Besitz des Landwirts Große-Munkenbeck

Der ehemalige Hof Henke an der Brockhauser Straße, heute im Besitz des Landwirts Große-Munkenbeck

Bis zur Markenteilung gehörte über Jahrhunderte der jeweilige Besitzer des Hofes Henke zu den sogenannten Schären. Diese führten Aufsicht über die Einhaltung der zugewiesenen Nutzungsrechte in der Stiepeler Mark. Übrigens gab es früher vor dem Hof Henke eine Sumpfstelle (später dann einen Teich), welche der Überlieferung nach als Verdammungsort für hartnäckige Junggesellen galt, so formuliert es R. Jahn im Jahr 1926 in seinem Aufsatz „Die Flurnamen des Amtes Blankenstein“. Untrennbar verbunden mit der Straße ist die Wirtschaft „Haus Henkenberg“, die im Jahr 1926 eröffnet wurde. Dort wurde 1927 der „Schützenverein Henkenberg“ gegründet, die heutige Kompanie Henkenberg des Stiepeler Schützenvereins. Im Außenbereich fand über Jahre das Königsschießen statt. Um 1930 befand sich bei Haus Henkenberg für einige Jahre eine Segelflugschule. Teile des Waldes wurden erst in den 1960er Jahren wieder aufgeforstet, so dass unter Haus Henkenberg ein freier Hang war. Gelandet wurde in den Ruhrwiesen.

Haarholzer Straße

Sie ist eine der “jüngeren” Straßen Stiepels. Auf Karten ist der Großteil des heutigen Straßenverlaufs zwar erst nach 1900 zu erkennen, dafür lagen an ihr zwei der bedeutendsten Gebäude der jüngeren Stiepeler Geschichte: Haus Frische und Witthüsers Windmühle. Die Namensgebung für die einzelnen Abschnitte dieser Straße hat sich seit Einführung von Straßennamen in 1909 mehrfach geändert. Der eigentliche und erstmals auf einer Gemarkungskarte von 1878 eingezeichnete Beginn des Weges lag an der heutigen Hevener Straße. Dies ist jetzt die Sackgasse, die zur Städtischen Kindertagesstätte, der ehemaligen „Schule auf dem Schrick“, führt. Daher rührt auch der erste in 1909 vergebene Name „Schulstraße“. Der heutige Beginn der Straße (ab der Kurve der Kemnader Straße) wurde Anfang der 1970er Jahre komplett neu erstellt. Vorher war dies bis zum Abzweig zur Hevener Straße nur ein Schotterweg, der etliche Meter weiter südlich, unmittelbar an den Häusern entlang verlief. Beginnend ab der Kemnader Straße hieß der erste Teil des Weges ab 1909 „Poststraße“, da im damaligen Haus Frische eine der Stiepeler Poststellen untergebracht war. Die Poststraße erhielt nach der Eingemeindung Stiepels nach Bochum im Jahr 1929 zunächst den Namen Schricker Straße. Die Bezeichnung „Schrick“ ist eine alte Flurbezeichnung, die schon in der Preußischen Gemeindekarte aus dem Jahr 1823 erwähnt wird. Der Name ist seit jeher die Bezeichnung für die gleichnamige Bauerschaft. Nach 1930 wurde die Schricker Straße umbenannt in „Auf dem Schrick“. Gleichzeitig wurde der nach Norden verlaufenden Abzweig „Unterm Schrick“ benannt. Nur der zur Haarstraße verlaufende untere Teil der Straße hieß seit 1929 durchgängig „Haarholzer Straße“. Erst mit dem Neubau der Straße Anfang der 1970er Jahre hatte sie dann durchgehend diesen Namen, der sich aus dem Waldgebiet „Haarholz“ ableitet. Dies zeigte sich auch vor Einführung der offiziellen Straßennamen in 1909 daran, dass der östliche Teil der heutigen Haarstraße, etwa ab der Grimbergstraße bis zur Einmündung auf die Hevener Straße, im Volksmund „Haarholzerweg“ genannt wurde. Stadtpläne aus unterschiedlichen Jahren zeigen die sich ändernde Namensgebung:

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1927

1929

1929

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1959

Im Jahr 1838 hat Christian Witthüser ein Stück des Haarholzes erworben und urbar gemacht, 1908 wurde dort eine Windmühle für das Mahlen von Getreide und den Antrieb von landwirtschaftlichen Maschinen errichtet (heute das Haus Rotteland 65). Die Windmühle, einst ein Stiepeler Wahrzeichen, wurde Ende der 1950er Jahre abgerissen.

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Einst ein Stiepeler Wahrzeichen: Witthüsers Windmühle (Foto: Archiv W. Dickten)

Über Haus Frische lesen Sie bitte unter der Rubrik “Bauwerke” einen separaten Text.

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Luftaufnahme 1935: Haus Frische mit Saal, darunter der Garten. Oben rechts ist der Weg “Auf dem Schrick” zu erkennen, noch auf der südlichen Seite der Häuser. Foto: RVR / Archiv W. Dickten

  Der Name Frische hat sich im Sprachgebrauch der Stiepeler aber erhalten. Über den Bereich rund um die Haarholzer Straße wird auch heute noch mit den zwei Bezeichnungen “Auf dem Schrick“ und „Frische“ gesprochen. Dies zeigte sich auch in der Namensgebung der früheren Straßenbahnhaltestelle (Endstelle Linie 5) und jetzigen Bushaltestelle „Haarholzer Straße“. Diese hieß bis 1978 „Stiepel Frische“ und war Synonym für diesen Teil Stiepels.

Gräfin-Imma-Straße

Der erste, im Jahr 1909 vergebener Name war eigentlich selbsterklärend: Kirchstraße. Sie war der Verbindungsweg zwischen den Gemeindeteilen Haar und Brockhausen und führte -bis 1904 jedoch über den „Umweg“ der heutigen Brüggeneystraße- zur Dorfkirche. Im Zuge der Eingemeindung nach Bochum im Jahr 1929 wurde die Straße in „Gräfin-Imma-Straße“ umbe­nannt. Dazu später mehr. An ihr befinden sich einige für die Stiepeler Geschichte interessante Gebäude, die wir vom Start der Gräfin-Imma-Straße an der Kemnader Straße aufzählen wollen. In der heutigen Hausnr. 12 befand sich bis 1919 die „Schankwirtschaft zur steilen Höh“, danach dienten die Räumlichkeiten dem ersten Stiepeler Arzt, Dr. Gerhard Gilbert, als feste Praxisräume. Heute praktizieren dort eine Kinderärztin und ein Allgemein­mediziner. Die Hausnr. 37 ist das in der Preußischen Gemeindekarte von 1823 noch als „Kleine-Oekey“-Kotten eingezeichnete Gebäude. Durch Heirat änderten sich die Namen der Besitzer im Jahr 1821 in Krunke und ab 1871 (bis heute) in Buderus.

Der ehemalige Kleine-Oekey-Kotten, Foto ca. 1890, heute Hausnr. 37, eines der frühesten Häuser an der Straße. Auf seinem Grund und Boden ist Anfang der 1960er Jahren der Großteil des heutigen Lupinenwegs entstanden.

Der ehemalige Kleine-Oekey-Kotten, Foto ca. 1890, heute Hausnr. 37, eines der frühesten Häuser an der Straße. Auf seinem Grund und Boden ist Anfang der 1960er Jahren der Großteil des heutigen Lupinenwegs entstanden.

Hausnr. 48, heute ein griechisches Restaurant, wurde im Jahr 1913 als Wirtschaft von Heinrich Schreier errichtet, später betrieben von Familie Steinsträßer. Besonders erwähnenswert ist die heutige Hausnr. 56. Darin befand sich von 1892 – 1970 die sog. Sonntagsschule von August Hahnefeld, siehe auch der eigene Artikel unter „Was es sonst noch gibt“ auf dieser Seite. Weiter geht’s mit der Hausnr. 119, das war die vielen älteren Stiepelern noch bekannte Wirtschaft „Hasenkamp“ von der man nur mit dem plattdeutschen Zusatz „im Schlohp“ bzw. „im Schlöprigen“ sprach (auf Hochdeutsch: „im Schlaf“). Diese Bezeichnung war der Überlieferung nach auf die manchmal schleppende Bedienung zurückzuführen. Erwähnenswert sind auch die beiden an der Straße liegenden Bauernhöfe Große Munkenbeck und Monstadt („im Felde“). Landwirt Große Munkenbeck betrieb gegenüber der Straße „Am Hang“ von 1951 – 1965 die Steinkohlenzeche „Mit Gott gewagt“. In Richtung Kirche ging der Verlauf der Straße ursprünglich rechts in die heutige Brüggeneystraße. Zunächst beschließt die Gemeindevertretung Stiepel aber am 3. Februar 1904 mit fünf gegen zwei Stimmen, „… die Erdaufschüttung auf dem Wege von Monstadt bis zur Kirche vorzunehmen, unter der Bedingung, daß die Anlieger den vorhandenen Fußweg in der Breite von 2 Metern frei hergeben.“ Im März 1904 werden dann mit den Landwirten Monstadt und Schulte Hoffstiepel Verträge über die Abgabe von Grund und Boden geschlossen. Es heißt unter anderem im Vertrag mit Landwirt Gustav Monstadt: „… Grund und Boden zum Bau des Weges von seinem Hause in der Richtung nach der Kirche in der Breite von zwei Metern unentgeltlich herzugeben.“ Und weiter: „ … durch den Wegebau in Anspruch genommenes Land soll mit 10 Mark pro Quadratruthe seitens der Gemeinde erworben werden.“ Die ursprünglich nur als Fußweg vorhandene direkte Verbindung bis zur Kirche wurde somit als „Straße“ ausgebaut. In den 1970er Jahren wurde der Straßenverlauf auf den letzten 100 Metern verändert: Ursprünglich verlief sie zwischen Kirche und der Wirtschaft „Zum Wilhelmstein“, nach zwei 90-Grad-Kurven kommt sie jetzt gegenüber der Straße „An der alten Fähre“ aus. Vor der Wirtschaft wurde bis in die 1960er Jahre am Kirmessamstag der jährliche Viehmarkt abgehalten.

Blick auf die Gräfin-Imma-Straße und die Dorfkirche. Das Entstehungsjahr dieses Fotos ist nicht bekannt, vermutlich in den 1930er Jahren. Die Baracke auf dem Feld vor der Kirche hat dort zumindest seit den 1920er Jahren gestanden, sie hat zu Wohnzwecken gedient und ist nach 1950 abgerissen worden.

Blick auf die Gräfin-Imma-Straße und die Dorfkirche. Das Entstehungsjahr dieses Fotos ist nicht bekannt, vermutlich in den 1930er Jahren. Die Baracke auf dem Feld vor der Kirche hat dort zumindest seit den 1920er Jahren gestanden, sie hat zu Wohnzwecken gedient und ist nach 1950 abgerissen worden.

Mit der Umbenennung in Gräfin-Imma-Straße im Jahr 1929 blieb der Bezug zur Kirche durch die Wahl des Namens der Stifterin erhalten. Allerdings ranken und vermischen sich um die vermeintliche Stiftungsurkunde aus dem Jahre 1008 sowie die historischen Hintergründe aus jener Zeit viel Legende, Wahrheit und nicht belegbare Überlieferung. Daher wollen wir an dieser Stelle nicht auf die Geschichte der Gräfin Imma eingehen. Tatsache ist aber, dass sich diese historische Persönlichkeit in der Wahrnehmung vieler Stiepeler zu einer Identifikationsfigur entwickelt hat. Außer der Straße ist die Stiepeler Grundschule sowie ein Kindergarten in Stiepel-Dorf nach ihr benannt.

Auf dem Stadtplan 1966 verläuft die Straße noch zwischen Kirche und der Wirtschaft „Zum Wilhelmstein“. Auch zu sehen: gegenüber der Straße „Am Hang“ ist das Betriebsgelände der Zeche „Mit Gott gewagt“ eine grau schraffierte Fläche.

Auf dem Stadtplan 1966 verläuft die Straße noch zwischen Kirche und der Wirtschaft „Zum Wilhelmstein“. Auch zu sehen: gegenüber der Straße „Am Hang“ ist das Betriebsgelände der Zeche „Mit Gott gewagt“ eine grau schraffierte Fläche.

 

Auf der Stiepeler Gemarkungskarte 1885 gut zu erkennen: der Straßenverlauf geht über die heutige Brüggenenystraße

Auf der Stiepeler Gemarkungskarte 1885 gut zu erkennen: der Straßenverlauf geht über die heutige Brüggenenystraße

Galgenfeldstraße

Sie stellt den alten Verbindungsweg zwischen dem Gemeindeteil Schrick und dem Stiepeler Dorf dar: die Galgenfeldstraße. In Karten vor 1900 auch als „Kirchweg“ bezeichnet, hat sich dieser Name zwar nicht durchgesetzt, verdeutlicht aber eine wesentliche Funktion des Weges. Sein ursprünglicher Verlauf ist nur im oberen Verlauf von der heutigen Hevener Straße kommend bis zum Abzweig der Unterfeldstraße erhalten. Von dort ging er quer durch das „Unterfeld“ in Richtung Stiepel Dorf zur Düsterstraße. Den Verlauf erkennt man, von oben kommend, noch gut als Weg rechts am heutigen Haus Galgenfeldstraße 16 vorbei.

Ausschnitt aus der Stiepeler Gemarkungskarte von 1885, ergänzt um zwei heutige Hausnummern

Ausschnitt aus der Stiepeler Gemarkungskarte von 1885, ergänzt um zwei heutige Hausnummern

Der Beschluss, Straßennamen einzuführen, wurde durch die Stiepeler Gemeindevertretung im November 1908 gefasst. In der Regel wurden solche Namen gewählt, die einen engen örtlichen Bezug hatten, so auch in diesem Fall. Der erste, im Jahr 1909 vergebene Name war „Mühlenstraße“. Um dies zu verdeutlichen, hilft ein Blick auf die Bebauung entlang des Weges. Die Gemarkungskarte von 1885 zeigt genau fünf Gebäude. Neben dem Hof Schulte-Umberg (heute Hausnr. 46) im oberen Teil „drängelten“ sich vier Gebäude an der heutigen Abzweigung zur Unterfeldstraße. Eines dieser vier Gebäude war die sog. „Brenneckens Mühle“, heute das Haus Galgenfeldstraße 16. Der Überlieferung nach handelte es sich um eine Ölmühle. Im Einwohnerverzeichnis aus dem Jahr 1891 wird dort „Wilh. Brennecke, Wirth und Müller“ verzeichnet. In den 1920er Jahren hat das Gebäude den Besitzer gewechselt und ist zu einem reinen Wohnhaus umgebaut worden.

Das von Haus Frische aus in Richtung Süden aufgenommene Foto (Postkarte ca. nach 1910) zeigt sehr wahrscheinlich den Schornstein der Ölmühle (Pfeil)

Das von Haus Frische aus in Richtung Süden aufgenommene Foto (Postkarte ca. nach 1910) zeigt sehr wahrscheinlich den Schornstein der Ölmühle (Pfeil)

Im Zuge der Eingemeindung nach Bochum im Jahr 1929 musste die Straße umbenannt werden. Wie bei vielen anderen Namensfindungen auch, wurde auf damals schon historische Hintergründe zurückgegriffen. Die Bezeichnung „Galgenfeld“ ist eine alte Flurbezeichnung, niedergeschrieben findet sie sich u.a. in der Preußischen Gemeindekarte von 1823. Die Flurstücke „Im Galgenfelde“ und „Am Galgen“ lagen genau zwischen der heutigen Kemnader Straße und der Galgenfeld-/Unterfeldstraße. Zurückführen lässt sich diese Flurbezeichnung tatsächlich auf den Standort der Stiepeler Hinrichtungsstätte. In den Güter- und Grundflächenlisten der Gemeinden Mittel- und Oberstiepel findet sich zu beiden Seiten der Gemeinde­grenze (die in diesem Teilstück dem Verlauf des Weges entsprach) in öffentlichem Besitz jeweils der „Galgenplatz“. Die Gesamtgröße des Grundstücks betrug 177 preußische Quadratruten = 2.511 m². Heute befinden sich dort in etwa das Haus Unterfeldstraße 1 sowie das bereits als Standort der Mühle genannte Haus Galgenfeldstraße 16. Die letzte Hinrichtung soll der Überlieferung nach im Jahr 1776 vollzogen worden sein. Stiepel besaß zu jener Zeit als lippische Enklave noch eine eigene Gerichtsbarkeit, die in den Händen der adeligen Herren des Hauses Kemnade lag.

Auf der Niemeyerkarte von 1792 als "Gericht" an der heutigen Galgenfeldstraße eingezeichnet:ein Galgen in Dreiecksform

Auf der Niemeyerkarte von 1792 als “Gericht” an der heutigen Galgenfeldstraße eingezeichnet:ein Galgen in Dreiecksform

 

Im Jahr 1823 im Besitz der Gemeinden Mittel- und Oberstiepel: der Galgenplatz. Die Gemeindgrenze verlief an dieser Stelle entlang der Straße

Im Jahr 1823 im Besitz der Gemeinden Mittel- und Oberstiepel: der Galgenplatz. Die Gemeindgrenze verlief an dieser Stelle entlang der Straße

Das kurze Stück von der heutigen Kemnader Straße bis zur Ecke Unterfeldstraße hieß ab 1909 zunächst „Querstraße“, wurde im Jahr 1929 vom Namen her aber der Galgenfeldstraße zugeschlagen. Als 1970 die Straße „Zum Ruhrblick“ als Abzweig der Galgenfeldstraße erstellt und benannt wurde, sollte sie ebenfalls diesen Namen erhalten. Es wird aber berichtet, dass „einflussreiche“ Anwohner nicht an einer Straße mit diesem recht seltsamen Namen wohnen wollten, also musste etwas Besseres her.

Düsterstraße

Einer der frühesten Wege im eigentlichen Stiepeler Dorf ist die Düsterstraße. An diesem Weg lagen die Häuser einiger auch heute noch bekannter Hof- und Familiennamen, z.B. Schulte zur Oven, Beulmann oder Müser. Eines der schönsten Fachwerkhäuser dürfte der ehemalige Hof Schulte zur Oven gewesen sein. Der Hof wurde 1972 demontiert, um einer typischen 1970er Jahre-Bebauung Platz zu machen. Als Bauernhausmuseum wurde er hinter Haus Kemnade wieder aufgebaut. Am alten Standort (gegenüber der heutigen Hausnr. 7) ist noch die als Naturdenkmal geschützte Stieleiche zu sehen. Das Haus gehörte postalisch zwar zur früheren Ruhr-, später Kemnader Straße, lag aber unmittelbar an der Düsterstraße.

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Der Hof Schulte zur Oven wurde hinter Haus Kemnade wieder aufgebaut und dient jetzt als Bauernhausmuseum

  Erwähnenswert auch die am nördlichen Ende der Straße gelegenen benachbarten Höfe mit dem Namen Beulmann: Oberste und Niederste Beulmann, wobei der letztere Name wohl „ausgestorben“ ist. Der im Jahr 1754 erbaute Hof Niederste Beulmann wurde 1997 abgerissen, an seiner Stelle findet sich heute Hausnr. 23a. Der Hof Oberste Beulmann ist als Hausnr. 25 zwar noch erhalten, ist nach mehreren Umbauten aber in seiner ursprünglichen Form nicht mehr erkennbar.

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Der ehemalige Hof Niederste Beulmann, Foto: H.-D. Eickelbeck

Der Hof Oberste Beulmann in den 1920er Jahren, Foto: H.-D. Eickelbeck

Der Hof Oberste Beulmann in den 1920er Jahren

Die Düsterstraße ist eine der wenigen Straßen, die nach der Eingemeindung nach Bochum im Jahr 1929 ihren Namen behalten hat. Zur wahrscheinlichsten Erklärung der Namensfindung müssen wir ein paar geschichtliche Hintergründe erläutern. An der Kreuzung der heutigen Kemnader mit der Brockhauser Straße war in früheren Zeiten die eigentliche Dorfmitte, unter anderem mit dem Gerichtsplatz. Auf Mittelniederdeutsch nannte sich solch ein öffentlicher Dorfplatz „Tie“. Davon zeugt der dort ansässige und noch als ehemalige Wirtschaft bekannte Familienname Haarmann-Thiemann. Auf Plattdeutsch sagte man dazu „Haarmann am Thie“. Einige hundert Meter nördlich dieses Gerichtsplatzes, an der Gabelung der heutigen Galgenfeld- und Unterfeldstraße, lag die Stiepeler Hinrichtungsstätte. In einer Karte aus der Zeit vor 1800 findet sich dort die entsprechende Kennzeichnung eines Galgens. Die Düsterstraße, deren Fortsetzung auf der östlichen Seite der Kemnader Straße die heutige Unterfeldstraße war, war somit der Verbindungsweg zwischen Gerichts- und Hinrichtungsstätte. Robert Jahn schreibt im Jahr 1926 in seinem Aufsatz „Die Flurnamen des Amtes Blankenstein“ dazu: „Der arme Sünder aber wurde … durch die düstere Straße zur Hinrichtungsstätte geführt, die am Nordende der Gemarkung lag: auf dem Galgenplatz…“ Er ergänzt noch die überlieferte mundartliche Benennung „inne düüster straote“. Wir können somit davon ausgehen, dass diese Straße bereits vor Einführung der offiziellen Straßennamen im Jahr 1909 im Volksmund so genannt wurde.

Ein Kartenausschnitt aus dem Jahr 1889: über Jahrhunderte gab es genau sechs Häuser an der Düsterstraße

Ein Kartenausschnitt aus dem Jahr 1889: über Jahrhunderte gab es genau sechs Häuser an der Düsterstraße

Brockhauser Straße

Der Name „Brockhausen“ wird heute oftmals nur mit der Straße, die von der historischen Ortsmitte Stiepels an der Kemnader Straße bis zur Kosterbrücke reicht, verbunden. Doch hinter dem Namen steckt viel mehr: ein Hof, eine Straße, ein Ortsteil. Fangen wir einfach bei dem „Kleinsten“ an: Der Hof Brockhaus. Dieser imposante in Naturstein errichtete Hof liegt in unmittelbarer Nähe zur Kosterbrücke (heute: Brockhauser Straße 266). Er wird 1220 das erste Mal urkundlich erwähnt und hatte nach der sogenannten Markenteilung im Jahr 1786 eine Größe von rund 31 ha. Durch einen fehlenden Erben und eine Heirat im Jahr 1865 änderte sich der Familien- und Hofname in Schulte-Umberg, daher ist der ursprüngliche Name Brockhaus in Stiepel heute nicht mehr geläufig. Ausgehend von diesem Hof wird die Bauerschaft an der Ruhr seit jeher Brockhausen genannt. Auf Plattdeutsch ist immer noch die Bezeichnung „Braiksche Hürwe“ (in etwa: Brockhauser Höfe) geläufig. Analog zu der Bauerschaft wurde -neben Haar, Schrick, Mittel- und Oberstiepel- der (politische) Gemeindeteil entsprechend Brockhausen genannt, wobei er der flächenmäßig größte der fünf Stiepeler Ortsteile war.

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Hof Brockhaus / Schulte-Umberg

  Der Begriff „Brock“ stammt aus dem Niederdeutschen, dort beschreibt „Brok“ oder „Bruk“ eine tiefliegende, von Wasser durchbrochene, auch mit Gehölz bestandene Fläche. Genau dies trifft auf das Gebiet unmittelbar nördlich des Ruhrufers auch zu. Wer an die Ausbreitung der Ruhr bei Hochwasser denkt, kann diesen Begriff gut nachvollziehen. Der Weg durch die Bauerschaft Brockhausen wurde im Jahr 1876 auf einer Länge von 1,9 km und mit einer Breite von 4,5 m als erste befestigte Straße überhaupt in Stiepel ausgebaut. Vielleicht war die Nähe zur Ruhr und die damit verbundene Gefahr von Hochwasser der Anlass für diesen Ausbau. Auf seinem Abschnitt von der Dorfkirche bis zur heutigen Kemnader Straße wurde der Weg erst im Jahr 1899 auf die beschriebene Art mit einer Breite von 6,0 m ausgebaut. Im Jahr 1909 werden in einem Verwaltungsbericht des Kreises Hattingen diese beiden Abschnitte folgendermaßen benannt und beschrieben: der „Weg von der Kosterbrücke zur Kirche“ und der „Weg von Haarmann-Thiemann bis Schule Dorf“ sind „… durchweg mit Packlage u. Kleinschlag aus Sandstein; teilweise auch aus Hochofenschlacke befestigt …“. In diesem Jahr gab es in Stiepel genau 13 solcher befestigter Straßenabschnitte. Auf der sogenannten Niemeyer-Karte von 1792 ist ersichtlich, dass die Straße zu jener Zeit noch hinter den Höfen, am Hang des Henkenbergs, verlief. Wahrscheinlich war der Schutz vor dem Hochwasser der Ruhr der Grund dafür. Auf der Preußischen Gemeindekarte aus dem Jahr 1824 verläuft die Straße dann über die heute bekannte Strecke vor den Höfen. Straßennamen wurden in Stiepel im Jahr 1909 vergeben, die heutige Brockhauser Straße war vom Namen her zunächst zweigeteilt. Der Weg durch die Bauerschaft Brockhausen hieß von Beginn an Brockhauser Straße, der Abschnitt von der Kirche bis zur Kemnader Straße zunächst Dorfstraße. Im Zuge der Eingemeindung von Stiepel nach Bochum im Jahr 1929 wurde dieser Abschnitt vom Namen her der Brockhauser Straße zugeschlagen. Die ursprüngliche Bezeichnung „Dorfstraße“ gibt genau das wieder, was sie schlicht und ergreifend war: die Straße durch das Dorfzentrum. Interessant im Zusammenhang mit der Brockhauser Straße ist die Erschließung Stiepels mit Elektrizität. Im Konzessionsvertrag der Gemeinde Stiepel mit der Elektrizitätswerk Westfalen Aktiengesellschaft vom März 1911 wurden zwei Straßenzüge festgelegt, in denen Stromkabel verlegt wurden. Neben der heutigen Kemnader Straße von der Gemeindegrenze Weitmar aus bis zur Ecke Steilstraße war die heutige Brockhauser Straße von der Kemnader Straße bis zur Straße An der alten Fähre der zweite Abschnitt. Mehr Elektrizität gab es zunächst nicht, mit diesen beiden Straßen waren aber die am dichtesten besiedelten Bereiche Stiepels versorgt. Die Elektrizitätswerk Westfalen Aktiengesellschaft war verpflichtet, die Versorgung in einem Streifen von jeweils 500 m Luftlinie zu beiden Seiten der genannten Straßen anzubieten. Somit war die Dorfstraße vom Ortskern bis zur Kirche ab Ende 1911 elektrifiziert. In der Verlängerung der Brockhauser Straße mussten sich die Anwohner noch 14 Jahre gedulden, erst im Jahr 1925 wurde vor dem ehemaligen Henke-Hof (heute Große-Munkenbeck, Brockhauser Straße 216a) eine Transformatorensäule aufgestellt, die über ein in der Straße verlegtes Hochspannungskabel versorgt wurde.

Trafosäule vor dem ehemaligen Henke-Hof, Erntedank 1939

Trafosäule vor dem ehemaligen Henke-Hof, Erntedank 1939

Im September 1925 hielt die Gemeindevertretung in ihren Sitzungsprotokollen unter dem Punkt „Auskunft über den Stand der Erweiterung des Elektrizitätsnetzes“ fest, dass „… die Lichtanlage in Brockhausen mit dem 29.8.1925 fertiggestellt und mit diesem Tage in Betrieb genommen ist.“ (Die komplette Geschichte der Erschließung Stiepels mit Elektrizität finden Sie auf unserer Homepage unter der Rubrik „Was es sonst noch gibt“ über diesen Link) Untrennbar mit der Stiepeler Geschichte verbunden ist der ehemalige Hof an der Ecke von Brockhauser- und Nettelbeckstraße. Dort, wo seit einigen Jahren ein Boule-Verein seine Kugeln wirft, stand bis 1973 der Hof Schulte-Hofstiepel. Dieser Schultenhof und seine Besitzer finden ab dem 14. Jahrhundert zahlreiche Erwähnungen in Urkunden und Kirchenakten. Die ursprüngliche Lage des Hofes war etwas nördlich der Kirche auf dem Gelände des 1970 errichteten Kommunalfriedhofs. Bei Ausgrabungen im Jahr 1961 wurden mittelalterliche Fundamente eines Wohnhauses, eines Stallgebäudes und unterschiedlicher Nebengebäude gefunden. Auf dem Luftbild ist dies gut zu erkennen. Nach der sogenannten Markenteilung im Jahr 1786 war der Hof mit einer Gesamtfläche von 51 ha einer der größten in Stiepel.

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Luftbild 1963: Dorfkirche mit Ausgrabungen des mittelalterlichen Schultenhofes, oben rechts der “neue” Hof Schulte-Hofstiepel

  Das neue Gehöft mit Wohnhaus, Stall und Scheune wurde vermutlich um 1900 nach einem Brand an der Ecke Brockhauser-/Nettelbeckstraße neu errichtet. Leider konnte der Hof nicht überleben, er war 1973 so weit verfallen, dass die Gebäude von der Stadt Bochum aufgekauft und abgerissen wurden (Informationen entnommen aus: „Zwischen Korn und Kohle – Geschichte der Bauernhöfe in Stiepel, hrsg. vom Stiepeler Verein für Heimatforschung e.V.). Der westliche Teil der Brockhauser Straße mit seinen alten Bauernhöfen und der landwirtschaftlich geprägten Struktur ist sicherlich der landschaftlich schönere Teil der Straße. An ihm liegen zwei historisch interessante Gebäude: mit dem Zechenhaus von „Vereinigte Pfingstblume“ eines der wenigen Relikte der Stiepeler Bergbaugeschichte (Brockhauser Straße 126) und mit der Schmiede Kamplade (Brockhauser Straße 105) das Gebäude mit einem der ältesten erhaltenen Stiepeler Handwerksbetriebe. In den Kirchenbüchern wurde bereits Georg Kamplade (1748 – 1827) als Schmied geführt. Der östliche Teil der Brockhauser Straße, die ehemalige Dorfstraße, birgt mehrere historische Bauwerke. An erster Stelle ist selbstverständlich die Stiepeler Dorfkirche zu nennen, zusammen mit dem unter Denkmalschutz stehenden Kirchhof, d.h. dem Friedhof unmittelbar um die Kirche herum. Die letzte Beerdigung fand dort 1928 statt. Die heutige Hausnr. 65 wurde 1835 als Schulvikariehaus durch die Kirchengemeinde errichtet. Den Klassenraum in diesem Gebäude benutzte die seinerzeit gegenüber liegende Dorfschule bis 1950. Nach einem Umbau wurde das Haus ab 1951 für ein paar Jahre als Gemeindehaus genutzt.

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Ehemaliges Schulvikariehaus, heute Brockhauser Straße 65

 

Wirtschaft "Zum Altdeutschen", als sie nach 1903 noch zum gegenüberliegenden Hof Voskuhl gehörte, heute Brockhauser Straße 14

Wirtschaft “Zum Altdeutschen”, als sie nach 1903 noch zum gegenüberliegenden Hof Voskuhl gehörte, heute Brockhauser Straße 14

Der Charakter einer echten Dorfstraße war sicherlich auch geprägt durch die zahlreichen Wirtschaften und Geschäfte, von denen einige noch in Betrieb sind. Die Aufzählung der Wirtschaften beginnen wir an der Kemnader Straße, wobei die erste Wirtschaft postalisch auch dorthin gehört: Haarmann-Thiemann (Kemnader Straße 472), danach folgen an der Brockhauser Straße (heutige Hausnummer in Klammern): Puth/Wefelscheid (5, auch Schmiede), Zum Altdeutschen/Meier-Bäumer (14), Krunke (16, später Friseur Stollmann), Zur Sonne/Witthüser (42), Nattkemper (72, später Gemeindehaus), Hasenkamp/Hautkappe (74, mit Metzgerei), Zum Wilhelmstein/Bock (Gräfin-Imma-Straße 212), Witthüser (151, auch Kolonialwaren) und Hofstiepel/Stiepeler Hof (bereits abgerissen). An der Dorfstraße war auch eine der Stiepeler Poststellen, und zwar ab Mitte der 1930er Jahre bis 1965 bei Meier-Bäumer, zuletzt betrieben von Ilse Meier-Bäumer. Anschließend wechselte die Poststelle in die „Sonne“, dort bis in die 1970er Jahre betrieben von Änne Isaak. Der letzte Wechsel erfolgte in das Haus der Familie Hasenkamp, Brockhauser Straße 20. Dort führte sie Edith Hasenkamp rund 25 Jahre.